von Redaktion

Ovb-Serie In alten Zeitungsbänden geblättert – Einrichtung wiedereröffnet

Mit Drachen ins Schullandheim

Rosenheim – Ein Blick zurück in die Vergangenheit sagt viel über die Entwicklung einer Stadt und die Sichtweise früherer Generationen. Vieles wiederholt sich auch in verblüffender Weise. Wir haben deshalb in alten Zeitungsbänden geblättert und präsentieren in unregelmäßigen Abständen die interessantesten Dinge aus bestimmten Jahren. Heute geht es um die Zeit vom 22. April bis 5. Mai.

Der 22-jährige Student Guido Kopp hatte am 7. April in Rosenheim die Räterepublik ausgerufen. Ein Putschversuch der Rosenheimer Bürger gegen diese Räterepublik am 13. April scheiterte, weil ihn die Abteilung „Rote Garde“ aus München gewaltsam beendete. Am 30. April machten sich von Rosenheim aus Rotgardisten auf, um angeblich in Wasserburg gefangen gehaltene Kameraden zu befreien.

Wörtlich berichtete der Rosenheimer Anzeiger: „In der Gegend von Rott wurden sie bereits durch das Feuer der Weißen Garde empfangen. Es entwickelte sich ein längeres Gefecht, wobei das mitgeführte Geschütz der Rosenheimer Roten Garden 15 Schuß auf Rott abgab. Die Verteidiger von Rott antworteten mit wütendem Maschinengewehr- und Gewehrfeuer. Die Rosenheimer Angreifer mußten schließlich umkehren. Sie verzeichneten ein bis zwei Tote. Das Bombardement hatte in Rott glücklicher Weise keinerlei Menschenleben geschädigt, dafür aber ganz beträchtliche Zerstörungen an Häusern angerichtet.“

Die blutige Niederschlagung der Räterepublik vollzog sich dann zuerst in Kolbermoor, wohin die Räte geflüchtet waren, nachdem Rosenheim am 1. und 2. Mai von Regierungstruppen, Freikorps und Volkswehren kampflos eingenommen worden war.“

„Die letzten Handwerker waren noch am Werk gewesen, als Oberbürgermeister Dr. Steinbeißer vor der Einweihungsfeier des neuen Schwesternwohnheimes des Städtischen Krankenhauses eine Vorbesichtigung unternahm. Wenn auch das ,Tüpfelchen auf dem i‘ noch fehlte, hinderte dies den Oberbürgermeister nicht, das Heim offiziell seiner Bestimmung zu übergeben. Dr. Steinbeißer sagte, daß die Finanzierung des Heimes, das insgesamt 1,5 Millionen Mark gekostet hat, nicht einfach gewesen sei. Der bayerische Staat habe sich an den Kosten mit 250000 Mark aus Mitteln der Wohnbauförderung beteiligt. Der Oberbürgermeister wünschte der Stadt, daß die 84 Schwestern, die das Heim beherberge, stets glücklich in ihren Wohnungen sein sollten. (Inzwischen ist das Heim schon wieder abgerissen und einem neuen Bettenhaus gewichen. Anmerkung der Redaktion.)

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„Die Stadtratsfraktion der SPD hatte im Februar beantragt, die Frage zu prüfen, ob das städtische Freibad geheizt werden kann, um dadurch eine längere Badesaison zu erreichen. Von der Verwaltung wurden daraufhin bei anderen Städten Erkundigungen eingezogen. Es stellte sich heraus, daß die Saison für Freibäder durch Heizanlagen nicht wesentlich erweitert werden kann, weil eine Verlängerung auch geheizte Umkleidekabinen, die Anlage einer Wärmehalle und einen geheizten Zugang zum Becken erfordern würde. Die dafür notwendigen Aufwendungen werden dann so beachtlich, daß ein Hallenbad vorzuziehen ist.

Dem Hauptausschuß des Rosenheimer Stadtrats erschien das Ganze schon deshalb nicht zweckmäßig, weil für das Hallenbad keine Konkurrenz geschaffen werden soll. Auch die SPD sah dies so.

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„Blut und Tränen flossen am Freitagabend bei der Maikundgebung der NPD im Flötzinger-Keller in Rosenheim. Als das gute Dutzend Ordner einige Zwischenrufer, die wiederholt die Rede von Dr. Siegfried Pöhlmann (Fraktionsvorsitzender der NPD im Bayerischen Landtag, Anmerkung der Redaktion) unterbrochen hatten, des Saales verweisen wollten, brach an mehreren Stellen eine Schlägerei aus.

Dabei wurde Otto Werner, Vorstandsmitglied des SPD-Ortsvereins Raubling, verletzt. Dr. Pöhlmann, wurde gefragt, wie viele Menschen er als Soldat persönlich umgebracht habe.

Daraufhin gingen die Ordnungshüter der NPD zum Angriff über. Ein bislang Unbekannter warf im Getümmel eine Tränenbombe. Fluchtartig verließen fast alle der rund 200 Versammlungsteilnehmer weinend den Saal. Nach der Zwangspause wurde die Versammlung fortgeführt.“

„Gegen drei Stimmen sprach sich gestern abend der Bauauschuß dafür aus, im Aichergelände und beim Tierheim Planungsgebiete für den Bau einer Westumgehung auszuweisen. In diesen Bereichen sind damit – wie vom Straßenbauamt vorgeschlagen – zunächst einmal für die nächsten beiden Jahre keine Veränderungen mehr möglich. Für den Fall, daß die Straße gebaut wird, sollen damit größere Entschädigungszahlungen als unbedingt notwendig verhindert werden.“

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„Den Discotheken in der Innenstadt wird nicht der Garaus gemacht. Eine entsprechende Anmerkung im Bebauungsplan ,Altstadt Mitte‘ sichert nun die weitere Existenz auch für den Fall zu, daß bei Sanierungsmaßnahmen Häuser abgerissen und wieder aufgebaut werden. Die Stadtverwaltung hatte zunächst für solche Fälle das Aus für Vergnügungsstätten im Innenstadtbereich vorgesehen, um dem Wohnen mehr Qualität zu geben. SPD-Stadtrat Kurt Müller, seit Jahren ein Kämpfer in dieser Sache, setzte sich für die Lokale ein, und auch der CSU-Fraktionsvorsitzende Adolf Dingreiter meinte: ,Wir sind doch kein Kuhdorf‘.“

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Schöner kann ein Schullandheim nicht liegen als das Schauerhaus in Oberaudorf. Schulklassen und Jugendgruppen aus dem Raum Rosenheim dürfen dort von nun an auf der Terrasse mit Bergblick frühstücken, in neuen Räumen büffeln, bei schlechtem Wetter im Keller Tischtennis spielen. 4,2 Millionen Mark hat der An- und Umbau des alten Hauses gekostet.“

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