Rosenheim – Die Herren der Straße sind in Rosenheim die Autofahrer. Die Stadt seit Jahren eine „Autostadt“. Das zumindest findet Mario Stürzl (50), der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Rosenheim. Ein hartes Urteil. Aber eines, zu dem auch der Fahrradklima-Test des ADFC gekommen ist: Mit Platz 93 unter 106 vergleichbaren Städten muss sich Rosenheim weit hinten einreihen. Zeit, endlich etwas grundlegend zu ändern, sagt Stürzl.
Ärgert Sie das schlechte Abschneiden der Stadt?
Rosenheim gehörte immer eher zu den Schlusslichtern. Jetzt haben wir uns noch mal verschlechtert. Wir warten auf einen Paukenschlag, einen Durchbruch. Es gibt Ideen, aber die müssen von der Politik beschlossen werden und daran scheitert es regelmäßig.
Wie schätzen Sie die Stimmung unter den Radlfahrern ein?
Die Rosenheimer sind zunehmend unzufrieden. Vor zwei Jahren hatte die Stadt versprochen, dass sich allerhand verbessern soll. Aber jetzt, das zeigen die Testergebnisse, fühlen die Radfahrer, dass es tendenziell schlechter wird. Wenn die Stadt wirklich Verbesserungen anstrebt, müsste sie einen Schritt auf uns zumachen und Kooperationsbereitschaft zeigen.
Beim runden Tisch zur Schulwegsicherheit ist der ADFC Rosenheim nicht dabei.
Stimmt, und das ist schade. Die 15 Schulleiter, die an die Oberbürgermeisterin geschrieben haben, blicken doch ganz besonders auf die radelnden Kinder, wenn es um mehr Sicherheit auf dem Schulweg geht. Aber das ist die Haltung der Stadt: Wir wissen schon alles und können alles. Wir brauchen den ADFC Rosenheim nicht.
Aber es gibt doch durchaus ein politisches Interesse daran, die Stadt fahrradfreundlicher zu gestalten. Heute Abend etwa, im Verkehrsausschuss, sind dazu zahlreiche Anträge auf der Tagesordnung.
Da tagt der Verkehrsausschuss auch nur für sich und bespricht die Fahrradthemen. Externe Fachleute werden nicht gehört. Nach der Meinung des ADFC wird selten gefragt. Der Verkehrsausschuss meint, man kann alles mit einem gesunden Menschenverstand entscheiden. Dabei kommt allerdings für die Radfahrer nicht immer das Beste raus.
Die Ergebnisse aus dem Fahrradklima-Test geben Ihnen recht. Aber sind das nicht 402 Lobby-Radler, die da befragt worden sind?
Nein, die Fragenbögen konnte jeder Radler beantworten, egal, ob ADFC-Mitglied oder nicht.
Offensichtlich trifft der Test den Nerv vieler Rosenheimer. Auch auf unserer Facebook-Seite wird diskutiert.
Da zeigt sich, wie sich die Radfahrer fühlen: Übersehen und bedrängt von den Autofahrern, weil die Infrastruktur für ein sicheres Radfahren fehlt. An diesen Punkten muss die Stadt ansetzen. Und die Politik muss den Bürgern das Radfahren schmackhaft machen.
War die Situation in der Stadt einmal anders?
Rosenheim war in den 1980er-Jahren eine fahrradfreundliche Stadt mit rund 27 Prozent Anteil der Radler am Verkehr. Das ist zurückgegangen. In der jüngsten Messung, vor zwei Jahren, waren wir bei 18 Prozent. Heißt: Für viele Menschen ist es heute weniger attraktiv mit dem Rad zu fahren als damals. Wenn es um Verbesserungen geht, hat die Stadt in der Regel zwei Gegenargumente: Man darf den Autofahrern nichts wegnehmen. Und: Die Geschäftsinhaber müssten Verluste hinnehmen, wenn ihre Läden nicht mehr direkt angefahren werden könnten.
Welche Verbesserungen schlagen Sie vor?
Die Rosenheimer haben bemängelt, dass es keine öffentlichen Leihfahrräder gibt. Das ist tatsächlich so. Viele Städte bieten das an. Ebenfalls kritisiert wurde, dass man im öffentlichen Nahverkehr keine Fahrräder mitnehmen kann. Ich weiß, dass die Busse in anderen Ländern, wie Österreich und Italien, eine Haltevorrichtung an den Bussen haben. Heißt, die Räder müssen nicht in den Bus hineingetragen werden. Solche Dinge brauchen wir auch.
Dafür hat Rosenheim bald zwei Fahrrad-Parkhäuser. Außerdem gibt es Vorschläge, die Radwege besser miteinander zu verknüpfen.
Trotzdem reichen die Abstellplätze nicht. Oft sind die Radlständer sehr klein, bieten lediglich Platz für ein paar Fahrräder. Die Fahrradwege und Schutzstreifen sind meist zu schmal. Das stört das Sicherheitsgefühl der Radler. Es gibt einige Lücken im Radwegenetz. Beispiel Rathausstraße und Prinzregentenstraße. Über lange Strecken hat man dort eine Radspur oder einen Radweg. Dann kommt man an die kritischen Stellen mit den Kreuzungen, an denen sich der Verkehr drängt. Da fährt man mitten auf der Straße, mit wenig Ausweichmöglichkeiten. Es ist eng und dennoch überholen die Autofahrer.
Kein Lob für die Stadt?
Dass ein zweites FahrradParkhaus gebaut wird, ist gut. Im vergangenen Jahr wurde außerdem die Ebersberger Straße neu gestaltet. Dort gibt es jetzt einen Schutzstreifen. Ob das eine Verbesserung war, müssen Zahlen erst konkret belegen. Außerdem hat die Stadt an einigen Kreuzungen gesonderte Flächen geschaffen, für Radler, die nach links abbiegen wollen. Auf diese Weise können sie sicherer abbiegen.
Trotzdem erreicht die Stadt nur Platz 93.
In den vergangenen zehn Jahren wurde einfach mehr für den Autoverkehr getan als für die Radfahrer. Autofahren ist zurzeit attraktiver als Fahrradfahren. Auch die Parksituation hat sich für die Autofahrer deutlich verbessert. Für die Radler nicht. Die autogerechte Stadt war lange Zeit angesagt, erst in den vergangenen Jahren ist uns bewusst geworden, dass man damit die Klimaprobleme nicht bewältigen kann. Früher war die Stadt für Autos ausgelegt, jetzt müssen wir eine Stadt für die Menschen schaffen. Alle Verkehrsteilnehmer sollten berücksichtigt werden.
Wie lässt sich das realisieren?
Die Verkehrsflächen müssen neu aufgeteilt werden. Im Augenblick ist es so, dass die meisten Flächen für die Autofahrer bestimmt sind. Viele Städte diskutieren das. Einige Mutige sind es schon angegangen. Der Klassiker ist natürlich Kopenhagen.
Apropos Skandinavien: Greta Thunberg inspiriert eine ganze Generation. Offensichtlich auch den ADFC.
Genau, und daher unterstützen wir die Schüler von „Fridays for Future“ mit der Kampagne #MehrPlatzFürsRad.
Ist jetzt die richtige Zeit für ein Umdenken in der Gesellschaft?
Einen guten Zeitpunkt hat es nie gegeben, aber es wird immer besser. In der Politik ist das Thema angekommen. Die Politiker haben erkannt, dass es ohne die Radler nicht geht. Es ist ein guter Zeitpunkt, um die Positionen der Radler einzufordern. Auch die Radfahrer selbst machen mobil, das zeigt doch das große Interesse an der Sternfahrt nach München am vergangenen Wochenende.
Interview: Anna Heise