Rosenheim – Nicht ganz ernst nimmt ein in Bronze gegossener Jüngling die gymnastischen Übungen, die er in seiner knappen Turnhose erledigen soll. So schaukelt er auf seinem Hinterteil hin und her, hält sich mit den Händen an den Füßen fest. Den Kopf hat er zum Betrachter gewendet, auf seinem Gesicht liegt ein schelmisches Lächeln. Geschaffen hat diese Darstellung einer unkonventionellen Turnübung die Künstlerin Marianne Lüdicke.
Die Grande Dame der regionalen Bildhauerkunst würde in diesem Jahr am 18. Oktober 100 Jahre alt werden. Dies nimmt die Marktgemeinde Prien am Chiemsee zum Anlass, um die Bildhauerin, die seit 1945 in Weisham zwischen Bernau und Prien lebte und arbeitete, mit einer Ausstellung zu ehren.
Lüdicke stellte bereits im Jahr 1945 in Prien auf der ersten freien Kunstausstellung in Deutschland aus, organisiert von ihrem Lehrer und Förderer Wilhelm Georg Maxon, und war seither dem Ort eng verbunden. In der „Marianne-Lüdicke-Stiftung“ bewahrt die Marktgemeinde Prien ihr umfangreiches künstlerisches Erbe.
Am 21. April 1965 hatte der Kulturausschuss des Stadtrates Rosenheim beschlossen, dass vor der Doppelturnhalle mit Lehrschwimmbecken, die zum Schuljahresbeginn im September 1966 in Betrieb gehen sollte, die Bronzeplastik von Marianne Lüdicke aufgestellt werden soll. Eine passendere Umsetzung des Bezuges zwischen Turnhalle und „Kunst am Bau“ ist schwer vorstellbar. Die Rosenheimer kannten Marianne Lüdicke bereits, dank ihrer Arbeit „Sitzendes Mädchen“, die bereits seit 1959 vor dem Bahnhof stand. „Zenzi“, wie sie schnell liebevoll genannt wurde, sitzt heute noch auf ihrem Platz, wenn auch leider hinter einem massiven Stahlgitter.
Der turnende Knabe und das sitzende Mädchen zeigen deutlich die Grundlinie im Schaffen der Bildhauerin. Im Mittelpunkt steht der Mensch als Ausgangspunkt für eine figurative Plastik. Doch dann wird abstrahiert und konzentriert. In ihren Erinnerungen schreibt Marianne Lüdicke: „Ganz wichtig waren ihm (Professor Richard Knecht) die Gesamtzusammenhänge von Linien und Formen, nichts steht für sich alleine, alles hat einen Bezug von Kopf bis Fuß.“ Besser kann man es nicht ausdrücken. Was Marianne Lüdicke bei Professor Knecht an der Münchner Akademie gelernt hatte, versuchte sie, während ihres gesamten Lebens als Künstlerin umzusetzen. Die Figur des jungen Turners schließt sich optisch zu einer Halbkugel. Alle Teile ordnen sich der Gesamtform unter. Spannung erzeugt der Kopf, der sich dem Betrachter zuwendet. Ein humoristischer Akzent kommt durch das Lächeln. So wird aus einem Individuum die zeitlose Abbildung eines jungen, turnenden Buben.
Ganz zu Recht geben die Priener ihrer Lüdicke-Jubiläumsausstellung den Titel „Form und Schönheit“. Erst durch die disziplinierte Formgebung der Figuren, ihre klaren Konturen und ihre Reduktion auf geometrische Körper erschafft Marianne Lüdicke ästhetisch ansprechende Menschen und Tiere, die von ihrer Liebe zur Schöpfung erzählen.