Rosenheim – Eine kräftige, hellgraue Steintrommel markiert als Zentrum das Wegenetz des Apothekergartens im Rosenheimer Riedergarten. Was zunächst als minimalistische Skulptur erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als horizontale Sonnenuhr.
Ein Schatten streicht
über die Ziffern
Ein schräg stehender Schattenzeiger aus Bronze, der sogenannte Gnomon, lässt den Schatten auf der Oberfläche der Trommel im Laufe des Tages über die in Kreisen eingezeichneten römischen Ziffern von VI bis XVIII streichen. Der Betrachter kann also von 6 Uhr morgens bis 18 Uhr abends die Zeit am Schattenstand ablesen. Die Anzeige erfolgt natürlich nicht auf die Minute genau, aber für eine grobe Orientierung reicht es auf jeden Fall. Schon seit der Antike sind Sonnenuhren bekannt, damals waren sie die einzige technisch mögliche Zeitanzeige. In die polierte, kreisrunde Oberfläche ist als zentrales Motiv eine Fußschale eingraviert, um die sich eine Schlange windet. Eine Schrift gibt Auskunft, wer das nützliche Kunstwerk bezahlt hat: „Gestiftet von den bayerischen Apothekern“.
Die Jahreszahl 2010 am Fuß des Stabes führt direkt zur Entstehungsgeschichte der Sonnenuhr: Als für die Landesgartenschau 2010 in Rosenheim der Riedergarten neu gestaltet wurde, kam von Baudezernent Helmut Cybulska die Anregung, doch das Wegekreuz des Apothekergartens, der neu angelegt werden sollte, mit einem Kunstwerk besonders zu kennzeichnen. In der Folge wurde Alfred Regnat aus Vogtareuth um einen künstlerischen Entwurfsvorschlag gebeten, und der Bildhauer konnte mit seiner Idee einer horizontalen Sonnenuhr überzeugen.
Fußschale
in der Mitte
Dr. Beate Burkl, Apothekerin und Stadträtin, konnte den bayerischen Landesverband der Apotheker für ein Sponsoring gewinnen, der für diese finanzielle Hilfe eine Nennung und ein Symbol für seinen Berufsstand wünschte. Statt eines Mörsers, dem eigentlichen Zunftzeichen der Apotheker, gestaltete Regnat eine Fußschale und kombinierte diese mit der Äskulap-Schlange, dem bekannten Zeichen der Mediziner und Pharmazeuten.
Als Stein wählte der Vogtareuther Bildhauer den sehr widerstandsfähigen und gut zu bearbeitenden Granodiorit, ein dem Granit verwandtes Gestein, das im schweizerischen Graubünden zu finden ist. Mitarbeiter des Bauhofs Rosenheim transportierten die fertig gestellte Sonnenuhr schließlich von Zaisberg nach Rosenheim, und platzierten sie in der Wegachse des Apothekergartens. Vermessungsfachleute sorgten dafür, dass die Zeitskulptur genau nach Nord-Süd ausgerichtet wurde.
Der Landschaftsarchitekt Eberhard Schek, der damals die Neugestaltung des Riedergartens plante, knüpfte mit der Idee eines Apothekergartens an die Anfänge des Riedergartens an. Spätestens nachdem im Jahr 1742 Georg Rieder die Apotheke am Rosenheimer Ludwigsplatz übernommen hatte, baute er auf diesem Gelände Kräuter und Heilpflanzen an. Der Enkel des aus Erl in Tirol stammenden kurfürstlichen Hof- und Leibschiffmeisters, Johann Rieder (1633-1715), stellte daraus für seine heute noch bestehende „Alte Riedersche Apotheke“ Salben, Tinkturen, Pillen und auch Tees her.
Symmetrische Beete,
duftende Kräuter
Eine Pharmaindustrie im heutigen Sinne gab es noch nicht, alles musste der Apotheker selbst anfertigen. Schön, wenn ganze Apotheker-Generationen der Familie Rieder in ihrem Kräutergarten genau das anbauen konnten, was sie brauchten, um die Rosenheimer zu heilen.
Im Jahr 1925 schließlich verkaufte der Internist und Röntgenspezialist Professor Hermann Rieder (1858-1932) den Familiengarten an die Stadt Rosenheim, mit der Auflage, ihn in eine öffentliche Parkfläche umzuwandeln.
Der Rosenheimer Apothekergarten mit seinen, an barocken Vorbildern orientierten, symmetrischen Beeten, seinen duftenden Kräutern, ausgewählt von der Landschaftsarchitektin Ulla Eutermoser, und die Sonnenuhr von Alfred Regnat lassen den Besucher zur Ruhe kommen. Hier läuft die Zeit anders.