Rosenheim – Im Rosenheimer Norden (Keferwald/Brunnholzstraße) soll es ab September einen Waldkindergarten geben. Träger ist der Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Rosenheim. Ein erstes Konzept wurde im Ausschuss für Kinder, Jugendliche und Familien vorgestellt. Wie ein Waldkindergarten funktionieren kann, zeigt das Beispiel Riedering. Dort hat eine Elterninitiative den Kindergarten vor fünf Jahren gegründet.
Kein Strom, kein fließendes Wasser, keine Toiletten – der Alltag im Waldkindergarten „Die Waldwichtel“ spielt sich in der Natur ab.
25 Kinder und
drei Erzieherinnen
Ein regnerischer, kalter Tag im April. 25 Waldkinder und drei Erzieherinnen versammeln sich zum Morgenkreis. Die Buben und Mädchen sind dick eingemummelt: Matschhose, Regenjacke, Gummistiefel, Handschuhe und Mütze. Der Morgenkreis ist ein festes Ritual im Waldkindergarten.
Die Drei- bis Sechsjährigen erzählen, wie‘s ihnen geht, sie reden übers Wetter und den bevorstehenden Tag. „Das ist wichtig, damit wir wissen, wo wir die Kinder abholen müssen und welche Themen sie gerade beschäftigen“, sagt Irmi Klauser, die Leiterin. Dann wird gesungen. Nach dem Morgenkreis beginnt das Abenteuer. Regen und Kälte stören hier keinen.
In der Mitte des Areals steht eine Holzhütte. Größe: 19 Quadratmeter. Die Hütte dient als Schutzraum, Aufwärmmöglichkeit, Wickelraum und Materiallager. Die Kinder können selbst entscheiden, ob sie rein oder raus wollen. Manche essen ihre Brotzeit im Warmen, andere bleiben lieber im Freien. Der Schutzraum ist Vorschrift. Denn die Fürsorgepflicht darf auch in einem Waldkindergarten nicht vernachlässigt werden, sagt Christine Rauh, die Vorsitzende der Elterninitiative.
Außer der Holzhütte gibt es auch Unterstände. Wenn Gefahr in Verzug ist, etwa bei Regen, Schnee oder Sturm, können sich die Kinder unterstellen. Bei unklarer Witterung entscheiden die Mitglieder der Vorstandschaft und die Leiterin des Kindergartens gemeinsam, ob die Kinder den Schutzraum nutzen müssen. Per Telefon und E-Mail werden die Eltern darüber informiert. Damit die Kinder nicht frieren, legen die Erzieherinnen viel Wert auf Bewegung. Kneifen gilt nicht. Es ist Zeit für einen Spaziergang. Mit einer Thermoskanne voll heißem Wasser, die auf einer Schubkarre liegt, geht es los.
Das Wasser hier draußen kommt aus Kanistern, der Strom von einer kleinen Solaranlage in der Holzhütte. Die Eltern haben abwechselnd Wasserdienst und bringen die Kanister mit. Statt eines warmen Mittagessens gibt es zwei Brotzeiten. Eine um 10 Uhr, die andere um 13 Uhr. Gepackt von den Eltern. Vor dem Essen ist Hygiene Pflicht: Mit Wasser und Heilerde reinigen und desinfizieren die Kinder ihre Hände.
Zwischen den Brotzeiten gibt es eine „Freispielzeit“. Die Kinder können selbst entscheiden, was sie machen möchten. „Das ist das Konzept des Waldkindergartens“, sagt Klauser und fügt hinzu: „Die Erzieher mischen sich nicht ein.“ Sie klettern auf Bäume, buddeln im Matsch. Aber es gibt auch einen Sandkasten und Angebote, wie Basteln und Malen in Kleingruppen. Die Namen der Gruppen spiegeln die Nähe zur Natur: Adler-Gruppe, die Schlaue-Füchse-Gruppe, die Kluge Eulen-Gruppe. Die Einteilung erfolgt nach dem Alter.
Egal ob Füchse, Eulen oder Adler, bis 14 Uhr müssen alle Kinder von ihren Eltern abgeholt werden. Davor gibt es einen Abschlusskreis und ein gemeinsames Aufräumen.
Die Regeln im Waldkindergarten sind klar und müssen von den Kindern aus Sicherheitsgründen konsequent eingehalten werden. Auf Spaziergängen beispielsweise müssen sich die Kleinen in Hör- und Sichtweite befinden. Damit trotzdem niemand verloren geht, zählen die Erzieherinnen permanent durch. Auch für die Toilette gibt es genaue Regeln: Wer muss, macht sein Geschäft im Wald. „Wir haben die jeweiligen Stellen markiert“, sagt Rauh. Für die Erzieherinnen, Besucher, und Kinder, die nicht im Wald ihr Geschäft machen wollen, gibt es zudem eine Komposttoilette.
Auch beim Thema Zecken gelten genaue Vorschriften. Grundsätzlich ist die Zeckenentfernung eine erste Hilfsmaßnahme, sie müssen die Erzieherinnen übernehmen. Ausgenommen sind die Eltern, die eine schriftliche Vereinbarung getroffen haben, die Zecken selbst zu entfernen. In diesem Fall muss das betroffene Kind sofort vom Kindergarten abgeholt werden.
Holpriger Start
vor fünf Jahren
Auch die Entscheidung zum Impfen liegt bei den Vätern und Müttern. „Wir informieren die Eltern bei der Anmeldung über Risiken und waldtypische Gefahren im Waldkindergarten“, sagt Rauh. Damit den Kindern auch sonst nichts passiert, kommt alle zwei Jahre ein Experte vom sicherheitstechnischen Dienst vorbei und überprüft die Anlage. Zusätzlich gibt es nach Stürmen oder starken Regenfällen eine kurze Begehung, um zu überprüfen, ob alles in Ordnung ist und die Kinder ohne Gefahr spielen können.
Das Konzept in Riedering funktioniert heute. Aber es war ein harter Weg. „Es hat nicht gleich funktioniert“, sagt Rauh. Das Problem sei vor allem, dass es keine genauen Richtlinien gebe. Die Schutzmöglichkeiten beispielsweise können willkürlich gewählt werden. Wichtig sei nur, dass das Kindswohl im Vordergrund stehe. Zu beachten ist vor allem, dass nicht jeder Bub und jedes Mädchen ein Waldkind ist. Nicht jedes Kind tobt schließlich gerne draußen herum.
Und warum sollte man sein Kind überhaupt in den Waldkindergarten schicken? Rauh denkt nicht lange nach: „Die Verbindung zur Natur ist wichtig. Die Kinder nutzen ihre Fantasie und lernen, die Dinge ganz anders zu schätzen.“ Ein weiterer Pluspunkt: Sie sind nach einem Tag im Waldkindergarten ausgepowert und ausgeglichen.