Kolbermoor – Hohe Mauern, verschlossene Tore und ein wachsamer Pförtner – wer nicht in der Baumwollspinnerei arbeitete oder gar darin lebte, für den hieß es: Zutritt untersagt. Und das galt für viele Kolbermoorer. Besonders geheimnisumwoben: der Spinnereipark mit seinen Spazierwegen und altehrwürdigen Bäumen, von Gärtnern gepflegt und über Jahrzehnte einem engen Zirkel um die Spinnerei-Direktoren vorbehalten.
Nur wenigen war der Blick über die Mauern gestattet – und ein paar wenige wohnten gar im dem Areal. Einer davon, der mit seiner Familie über mehrere Jahre in dieser „anderen Welt“ lebte, war Anton Hamberger, Spinnereimeister und zuletzt Assistent des Spinnereidirektors. Wir haben mit ihm, inzwischen stolze 83 Jahre alt, über das durchaus privilegierte Leben auf dem Spinnereigelände gesprochen – mit Park vor der Haustür, beheiztem Pool und stattlichem Garten.
„Es war schon
etwas Besonderes“
„Es war schon etwas Besonderes, dort zu leben“, erinnert sich Anton Hamberger und denkt gerne an diese Zeit zurück. Mit seiner noch jungen Familie – seiner Frau Traudl, den beiden Töchtern und einem Sohn – hatte Hamberger 1972 das „große Los“ gezogen: Er erhielt eine soeben frei gewordene Wohnung im Wohngebäude westlich der Direktorenvilla, in etwa dort, wo heute der NKD-Markt angesiedelt ist. Groß, geräumig – und mit einem stattlichen Park vor Augen. „Für unsere Kinder war es ein Paradies“, blickt Hamberger zurück. „Wie ein großer Abenteuerspielplatz.“
Was vielen Kolbermoorern verborgen blieb, sie es nur vom Hörensagen kannten, wurde die neue Heimat für die Familie Hamberger. Sechseinhalb Jahre lang, bis der Umzug ins Eigenheim an der Peter-Rosegger-Straße erfolgte. Doch bis dahin: paradiesische Verhältnisse für die Kinder – und durchaus eine Menge Privilegien gegenüber den „draußen“ Lebenden. „Sie konnten nach Herzenslust im Park rumstreunen, im Garten spielen und im Sommer im Schwimmbad planschen“, erzählt Hamberger. Und dabei handelte es sich nicht um irgendein Schwimmbad – sondern um das der Spinnereidirektoren. Ein stattliches Becken, gut 15 Meter lang und von Mai bis Oktober beheizt. Angenehme 24/25 Grad, erinnern sich die Hambergers. Und tagtäglich vom Bleichereiingenieur überprüft auf Temperatur, Sauberkeit etc. Einzig: Schritten die Spinnereidirektoren zu Bade, galt es für die Arbeiterkinder: raus aus dem Becken und Rückzug. „Die Herren Direktoren musste man ungestört baden lassen“, erinnert sich Mama Traudl Hamberger.
Doch nicht nur im Sommer konnten die Kinder ihr Leben hinter den Mauern des Fabrikgeländes genießen, auch im Winter bot der Spinnereipark eine tolle Attraktion: Dann war der Weiher, der heute für alle Bürger zugänglich ist, ein Paradies zum Schlittschuhlaufen und Eisstockschießen. „Während wir im Sommer den Weiher nie genutzt haben, zum Baden waren dort einfach viel zu viele Fische drin“, erzählt Traudl Hamberger. Und Angeln? Um Himmels Willen, winken die Hambergers ab, das war einzig den Spinnereidirektoren vorbehalten – „außer nachts ein paar Lausbuben“, schmunzelt Hamberger.
Und dennoch genoss die junge Familie auch die Sommer im Park, unternahm Spaziergänge auf den stets gepflegten Wegen, gesäumt von altehrwürdigen Bäumen, oder erklomm den spiralförmigen Weg hinauf zum „Schneckenberg“ – damals gut doppelt so hoch wie heute, erinnert sich Anton Hamberger. Ganz oben: eine einsame Bank – umgeben von den Wipfeln der Bäume. „Ein schöner Ort, einfach nur herrlich.“
Die Besucher
staunten nur
Hatten die Hambergers Besuch, was natürlich gestattet war und den der Pförtner denn auch passieren ließ, sorgten die Spaziergänge im Park oder auch das gemeinsame Baden oder Picknicken auf der Wiese vor dem Wohnhaus für Staunen. „Unsere Besucher waren regelmäßig ganz begeistert, wie schön es hier war“, erinnert sich der pensionierte Spinnereimeister, der bis zur Schließung des Betriebs 1993 insgesamt 44 Jahre für die Baumwollspinnerei tätig war.
Im Jahr 1993 dann eine Zäsur für Kolbermoor, das in den 1860er-Jahren mit dem Bau der Baumwollspinnerei entstanden war (1863): Die Pforten des Produktionsbetriebs schlossen sich für immer. Zuletzt 230 Beschäftigte verloren ihren Arbeitsplatz – darunter auch Anton Hamberger. Er hatte im Alter von 13 Jahren als Hilfsarbeiter in der Baumwollspinnerei begonnen – übrigens mit 52,5-Stunden-Woche – und sich über die Stationen Hilfsmeister und Meisterlehrgang bis hin zum Saalmeister und schließlich zum Assistenten des Spinnereileiters hochgearbeitet.
„Das war schlimm damals, ich war gerade mal 58 Jahre alt und stand auf der Straße“, erzählt Hamberger. Im Arbeitsamt habe man ihm damals gleich signalisiert: Keine Chance, das wird nichts mehr. Nach zwei Jahren „stempeln“ blieb dann nichts anderes als die Rente mit 60.
Eine weitere schmerzvolle Zeit folgte für den langjährigen Spinnereimitarbeiter in den Jahren um 2005: Als beträchtliche Teile des Betriebsgeländes der Abrissbirne zum Opfer fielen, darunter auch die lange Zeit denkmalgeschützten Direktorenvillen an der Hasslerstraße – die immerhin zu den ersten Gebäuden zählten, erbaut 1862; ebenso der „Altbau“, die allererste Produktionsstätte, wo heute unter anderem die Ladenzeile um Post und Reinigung angesiedelt ist; aber auch das beschauliche Gärtnerhaus am Werkskanal, die Schrebergärten auf der Spinnereiinsel (westlich des „Neubaus“) und der Torfstadel aus den 1860er-Jahren, der bei einem Privatmann in Schechen eine neue Heimat gefunden hat.
„Die Abrissphase
hat mir weh getan“
„Ich war ja wie verheiratet mit der Spinnerei, die Abrissphase hat mir damals schon sehr wehgetan“, blickt Hamberger zurück. Doch gleichzeitig betont er: Toll, was aus den übrigen Gebäuden gemacht wurde – „das ist wirklich schön geworden“, lobt er das Engagement der Investoren um Quest, die von 2006 an das Areal revitalisiert und entwickelt – und somit für Kolbermoor erhalten – haben.
Vor zwei Jahren ein weiterer „Meilenstein“: Der Spinnereipark wurde der Stadt Kolbermoor übertragen – und ist seitdem ein Bürgerpark, rege genutzt von Spaziergängern und Familien, die den Kinderspielplatz bevölkern. Auch den Parkcharakter will die Stadt dem Areal zurückgeben: Regelmäßig werden weitere Bäume rund um den Spinnereiweiher angepflanzt – so auch dieser Tage, wenn wieder einige „Exoten“ Einzug halten. Eben wie damals, als der Park noch den Direktoren vorbehalten war.