Rosenheim – „Winnetou darf nicht sterben!“ Mit diesem zornig-traurigen Satz könnte man die Geschichte über Miriam Geimer (51) beginnen und beschreiben, wie gefesselt schon das kleine Mädchen von jedem Lesestoff war, wie früh vorhanden aber auch das Gefühl: Das kann’s noch nicht gewesen sein. So darf die Geschichte einfach nicht enden. Das muss man ändern! Ein Impuls, der – so könnte man es darstellen – schließlich geradezu zwangsläufig im Selberschreiben mündete.
Die Wahrheit ist aber ein bisschen komplizierter – und dazu muss man ein klein wenig ausholen. Wenn man sich die Lebensgeschichten der ganz Großen in der Literatur ansieht, sind diejenigen, die aus purer Lust am Schreiben zu Schriftstellern werden, vergleichsweise rar. Nicht selten sind dagegen jene zu finden, die mit irgendetwas in ihrem Leben nicht zurande kamen und jahre-, oft jahrzehntelang, keine Möglichkeit fanden, die sich immer weiter aufstauende Unzufriedenheit aufzulösen. Dem Druck, der sie immer weiter in die Knie zu zwingen schien, endlich zu entkommen.
Bis sie das Schreiben entdeckten. Sei es als Möglichkeit, sich die Probleme buchstäblich von der Seele zu schreiben, wie es wohl bei Kafka der Fall war. Sei es als Chance, aus der eigenen engen kleinen Welt in eine andere, selbst geschaffene zu entkommen, wie es Proust tat, wie es, um die Latte wieder etwas tiefer zu hängen, wohl auch bei Rosamunde Pilcher der Fall war.
Wie man sich so eine Entwicklung „in echt“ vorstellen muss, kann man sehr schön an der Geschichte Miriam Geimers sehen. Ihr Problem als junge Frau war das „Mein Haus, mein Auto, meine Yacht“-Denken in unserer Gesellschaft. „Ich hatte das Gefühl, dass sich alles nur darum dreht, und dass man als junger Mensch nur dann etwas wert war, wenn man zeigte, dass man zielstrebig in Richtung Beruf und Besitz unterwegs ist.“
Ein Problem vor allem dann, wenn man partout nicht weiß, was man werden soll. Weil alles, was man gerne werden würde, von der nächsten Umgebung gleich niedergebügelt wird und das in einer Weise, dass man gar nicht wagt, weiter drüber nachzudenken und eventuell nach Alternativen zu suchen: „Schreiben? Schauspielerei? Flausen! Brotlose Kunst! Du musst was Vernünftiges lernen, was Ernsthaftes.“
Von außen betrachtet, scheint das eine Situation zu sein, in der viele junge Menschen stecken, die sich für die meisten aber auch relativ schnell auflöst. Für Miriam Geimer aber blieb sie vorhanden und der Zwiespalt, möglichst schnell etwas Vernünftiges lernen zu sollen, ohne zu wissen, wer man eigentlich selbst war und wohin man eigentlich im Leben wollte, blieb quälend.
Und wurde sogar mit jedem Jahr, in dem man immer noch nichts „Ernsthaftes“ gelernt hatte, quälender, in gleichem Maß, in dem die Blicke der anderen vorwurfsvoller wurden. Es muss ein zähes, ödes Ringen gewesen sein.
Eine vorübergehende Lösung fand sie mit Anfang 20 in einer Art Flucht nach Kreta. „Zu Anfang war das wie ein Erweckungserlebnis. Ich hatte nur kleine Jobs, arbeitete in Cafés, in Touristikunternehmen, aber das war egal: Bei den Freunden, die ich rasch auch unter den Einheimischen fand, zählte nicht Geld, zählte nicht der Beruf, es zählte allein, ob man sich auf Dich als Freund und Mensch verlassen konnte“. Es war, sagt sie, eben ein ganz anderer Lebensentwurf.
Einer allerdings, der auf Dauer auch nicht gänzlich glücklich machte: „Ich hatte bei allem Spaß und aller Lebensfreude, die ich die Jahre über empfand, zunehmend das Gefühl, dass da das intellektuelle Futter fehlte.“
Kennt man die heutige Miriam Geimer, fragt man sich, warum sie nicht schon damals mit dem Schreiben begann und wie heute aus Alltagserlebnissen Geschichtenkeime gewann. Zumal sie es ja als Kind schon getan hatte und ihr das Schreiben auch als Erwachsene leichtfiel. „Dass ich es könnte – das waren eine der wenigen Dinge, an denen ich nie Zweifel hatte“, sagt sie, „aber ich kam nicht drauf. Schreiben war eben auch nichts „Ernsthaftes“ und damit auch nicht wirklich was Intellektuelles.“
Geändert hat sich das, als sie – nach einem Zwischenspiel auf Malta zum Englischlernen – wieder zu Hause in Deutschland war. Zwar mit dem Cambridge Proficiency Certificate in der Tasche, ihrem Selbstgefühl nach aber kaum einen Schritt weiter als mit Anfang 20.
„Ich hatte mit 30 meinen eigentlichen Lebenszweck noch immer nicht gefunden und das Gefühl, jetzt wirklich in einer Sackgasse zu stecken.“ In dieser Situation begann sie dann, ihre Geschichte aufzuschreiben, nicht zum Vergnügen, nicht als intellektuelle Spielerei, sondern aus der puren Not heraus: „Da war die Hoffnung, den ganzen Frust wenigstens vorübergehend einmal von der Seele zu haben und vielleicht auch etwas mehr Klarsicht zu gewinnen“.
Schon in diesen Anfängen war der Text aber nicht banal als Ich-Erzählung angelegt, sondern bereits verpackt in die Story über eine junge Frau, die große Mühe hat, zu dem eigenen Wollen zu finden, weil sie sich nur sehr langsam und mit etlichen Rückschlägen von den Anforderungen von außen befreien kann, die aber eines weiß: Ich will nicht mit 60 dastehen und mich fragen müssen: Wofür hab ich mein Leben vergeudet?
Etliche Anläufe
Es gab für diese Geschichte über einige Jahr hin etliche Anläufe, die sie immer wieder verwarf und liegenließ, bis sie irgendwann einen Auszug daraus einer Freundin zu lesen gab. „Die war begeistert und sagte dann einen Satz, für den ich ihr heute noch zutiefst dankbar bin: Einfach einmal nicht in die Ecke hauen, sondern weiterschreiben!.“
Der Satz brachte die Wendung, auch wenn es von da an noch fünf Jahre dauern sollte, bis der Roman fertig war. „Ich schrieb nach wie vor nicht durchgängig, sondern in Etappen“, erzählt die heute 51-Jährige, „ich musste ja auch noch Geld verdienen“.
Trotzdem hatte sich etwas verändert. Sie merkte allmählich, dass Schreiben die Beschäftigung sein könnte, nach der sie ihr Leben lang gesucht hatte. Dabei wuchs dieses Wissen sehr langsam, wie sie in der Rückschau sagt. „Es kam sozusagen klammheimlich, da war offenbar immer noch zu viel von dem ‚Du musst was Gescheites lernen‘ in mir. Deshalb bremste ich mich immer wieder selber ein: Schreiberin bist Du erst dann, wenn das erste Buch fertig ist und Du einen Verlag gefunden hast.“
Den fand sie, für eine Anfängerin äußerst ungewöhnlich, überraschend schnell und ohne viele vorherige Absagen. „Als die SMS kam, dass sie das Buch nehmen, habe ich die Nachricht wieder und wieder gelesen, immer in der Angst, ich hätte sie falsch verstanden, erst ganz allmählich hab‘ ich begriffen: es ist wirklich so.“
Und mit der Freude kam auch langsam das Bewusstsein: Da hat sich ein lebenslanger Knoten gelöst. Die Ideen für weitere Bücher strömten ihr, wie sie sagt, von da an quasi von selbst zu: „Mir reichen jetzt kleine Erlebnisse, eine Gewitterstimmung, ein besonderes Gesicht, damit sich daraus in mir eine Geschichte in Gang setzt.“ So ist auch verständlich, dass sie jetzt, zwei Jahre nach ihrem Erstling, nicht an einem, sondern an drei Romanen gleichzeitig arbeitet.
Ihr Leben hat sich stark verändert
Und auch sonst hat sich ihr Leben stark verändert. „Als ich mit dem Schreiben anfing, dachte ich, das ginge immer so weiter, auch wenn ich einmal einen Verlag finden würde: Schreiben, auf die Couch setzen und redigieren, weiterschreiben.“ Heute weiß sie, dass dazu auch Vermarktung gehört, eine für sie völlig neue Erfahrung, bei der ihr aber der Austausch mit anderen Autoren beim Rosenheimer Autorenstammtisch sehr hilft.
Überhaupt empfindet sie den Kontakt mit anderen Gleichgesinnten als eine gewaltige Erweiterung des Horizontes: „Als ich auf der Leipziger Buchmesse zum ersten Mal aus ,Glück stand nicht zur Debatte‘ lesen musste, war ich mir sicher: Das überlebe ich nicht.“ Sie hat es überlebt, „wenn auch nur knapp“, wie sie sagt. Schon nach der zweiten Lesung aber fing sie an, Gefallen an dem damit verbundenen Adrenalinstoß zu finden: „So groß die Angst vorher immer noch ist, wenn man sieht, dass die Geschichte die Menschen berührt, dass sie damit etwas anzufangen wissen – das ist ein unglaubliches Erlebnis.“
Nur selten
ein Happy End
Bleibt die Frage, wie die heutige Autorin das junge Mädchen sieht, das Winnetou nicht sterben lassen wollte: Dürfte er heut überleben? Miriam Geimer muss einige Zeit nachdenken, bis sie sagt: „Im ersten Impuls wäre ich immer noch versucht, ihn nicht sterben zu lassen. Am Ende würde ich es aber doch tun, denn man muss seine Geschichten am Leben orientieren. Und das bietet nur selten ein Happy End.“ Allerdings macht es, so möchte man hinzufügen, manchmal auch Ausnahmen. So wie bei Miriam Geimer.
Mit dem Porträt über Miriam Geimer endet die Serie über Autoren, die sich regelmäßige am Autoren-Stammtisch in Rosenheim treffen.