Rosenheim – Im ersten Stock des Bildungszentrums an der Pettenkoferstraße in Rosenheim hängt ein großes, quadratisches und exotisch anmutendes Bild, das es so eigentlich gar nicht geben dürfte. Es ist ein Sandmandala, ein buddhistisches Meditationsbild, gelegt aus farbigem Sand, das nach seiner Fertigstellung und Segnung als Zeichen der Vergänglichkeit wieder zerstört werden müsste. Anschließend sollte der zusammengewischte feine Sand einem Fluss, hier dem Inn, übergeben werden. Es ist Ludwig Gruber zu verdanken, dass wir diese Rarität bewundern können.
1993 hatte Gruber, damals Leiter des Bildungszentrums, angefangen über Projekte nachzudenken, die auf die bedrohte Lage der Tibeter und ihrer Kultur aufmerksam machen sollten. Gruber konnte wichtige Kontakte knüpfen und auf einer Tibetreise 1995 mittlerweile schon historische Fotografien aufnehmen, die im Bildungszentrum ausgestellt wurden.
1998 dann der Höhepunkt. Vier buddhistische Mönche aus dem tibetischen Exilkloster Ganden im südindischen Mundgod trafen in Rosenheim ein, um im Bildungszentrum ein Sandmandala zu legen. „Wir hatten sie privat untergebracht und diese Begegnung war für uns alle eine große Bereicherung“, erzählt Ludwig Gruber.
Der Rosenheimer konnte die Mönche auch für die Idee gewinnen, dass das Werk anschließend nicht zerstört wird. Ausschlaggebend war die Nähe des Klinikums. Da es ein Sandmandala des Medizinbuddha sein sollte, also Heil und Heilung bringen sollte, stimmten die Mönche schließlich der Erhaltung zu.
Sand mit
Kleber fixiert
Einer von ihnen war Arzt, sein Gesicht war gezeichnet von der wochenlangen Flucht aus Tibet, und er bemerkte, dass es den Kranken und Leidenden gut tun würde, wenn von diesem Sandmandala auf Dauer positive Energie ausgehe. So wurde schon unter der Herstellung der Sand mit flüssigem Kleber immer wieder fixiert.
Am Sonntag, 11. Januar 1998, um 14 Uhr begann das ganz besondere Werk mit einem Segensritual. Auf einer blau gestrichenen Holzplatte, Blau ist die Farbe des Medizinbuddha, wurden die wichtigsten Linien in Weiß vorgezeichnet.
Die vier Sandmandala-Leger, jeder von ihnen hatte die dreijährige Ausbildung dazu absolviert, begannen in höchster Konzentration in der Mitte des Mandalas und arbeiteten sich nach außen vor. In kleinen Schälchen stand sehr feiner, gefärbter Sand parat, den sie je nach Bedarf in ihre metallenen Streuröhrchen füllten. Durch das Reiben mit einem Stift auf der leicht gerillten Oberfläche des Röhrchens entstehen Vibrationen und der Sand rieselt ganz fein heraus.
Bei Zeremonie übergeben
Jeden Tag legten die vier Mönche von 10 bis 17 Uhr das Mandala. Am Freitagnachmittag, dem 16. Januar, war es fertig und konnte am Abend nach einer Weihezeremonie dem Bildungszentrum übergeben werden.
Im altindischen Sanskrit bedeutet „Mandala“ „Kreis“, und bezeichnete ursprünglich einen abgegrenzten Kultplatz für vedische Opferrituale. Daraus entwickelte sich die Bezeichnung für ein geometrisches, klar strukturiertes Schaubild, das im Hinduismus und Buddhismus religiöse Bedeutung hat und als Medium für die Meditation verwendet wird. Die Zahl Vier, die eine zentrale Rolle im Buddhismus spielt – vier edle Wahrheiten wie sie Siddhartha Gautama lehrte, vier Flüsse des heiligen Berges Kailash, vier Himmelsrichtungen – strukturiert auch unser Sandmandala.
Am einfachsten erschließt sich das Rosenheimer Sandmandala dem Betrachter, wenn er es sich als Blick aus der Vogelperspektive auf eine Palastanlage vorstellt. Der Palast, der sich eigentlich in mehreren Stufen nach oben erhebt, erscheint hier als flacher Plan in die Ebene geklappt.
Der Meditierende geht gedanklich durch eines der vier Tore, die nach den Himmelsrichtungen orientiert sind, und betritt einen grünen Vorhof. Hier begegnen ihm zwanzig Glückssymbole wie das Rad, die beiden Goldfische, das Schneckengehäuse, das Siegesbanner, der Knoten, der Zinnober oder die Bilva-Frucht. Sie stehen für die Fülle des Lebens und sollen ihn mit Glück anreichern. Durch eines der vier weiteren Tore betritt der Meditierende den eigentlichen Palast und nähert sich über zwei Stufen mit 24 Symboltieren wie Pferd, Elefant, Rind, Mungo oder Vogel und 16 Schirmen, die alle ebenfalls Glück verheißen, dem spirituellen Zentrum.
Von den acht Buddha-Figuren, die wie auf den Blättern einer Lotusblüte sitzend einen Kreis bilden, hat der Buddha mit der blauen Körperfarbe eine besondere Bedeutung. Es ist der Medizin-Buddha, der „König des Lapislazuli-Lichts“, der sich durch diesen seit alters her hoch geschätzten Heilstein auszeichnet. Begleitet wird er von sieben weiteren Buddhas der Medizin, Ursprünge weiterer Heilpflanzen. Als Ursache von Erkrankungen werden im tibetischen Buddhismus die drei geistigen Gifte Hass, Gier und Verblendung gesehen, die der Medizin-Buddha aufzulösen vermag.
Überlieferte Grundstruktur
Beim Legen des Medizinbuddha-Mandalas mussten sich die vier Mönche an eine überlieferte Grundstruktur halten. Künstlerische Freiheit konnten sie bei den einzelnen Auszierungen, Ornamenten und Schmuckdetails entwickeln. So wird jedes Sandmandala, auch wenn bestimmte Regeln der Gestaltung eingehalten werden müssen, zu einem ganz individuellen, künstlerischen Ausdruck. Das Legen eines Sandmandalas bringt Segen und markiert einen Höhepunkt im tibetischen Klosterleben.