Ein Blick zurück in die Vergangenheit sagt viel über die Entwicklung einer Stadt und die Sichtweise früherer Generationen. Vieles wiederholt sich auch in verblüffender Weise. Wir haben deshalb in alten Zeitungsbänden geblättert und präsentieren in unregelmäßigen Abständen die interessantesten Dinge aus bestimmten Jahren. Heute geht es um die Zeit vom 20. Mai bis 2. Juni.
Schutzmann statt Lichtsignal
Rosenheim – „Die Lage in Rosenheim ist noch immer ziemlichen Beunruhigungen unterworfen. Am Samstag und Sonntag wurde auf Anordnung der Stadtkommandantur vorzeitig die Polizeistunde auf 10 Uhr festgesetzt; um 11 Uhr müssen die Straßen geräumt sein. Man vermutete einen Spartakistenputsch in der nächsten Umgebung der Stadt. Es ist jedoch in beiden Nächten zu keinen Zwischenfällen gekommen.“
*
„Anonyme Zuschriften an die Stadtkommandatur mehren sich in einem Maße, daß es nötig erscheint, darauf hinzuweisen, daß es laut Erlaß der Regierung ausdrücklich verboten ist, auf Grund anonymer Anzeigen Verhaftungen vorzunehmen. Die Behörden und Vollzugsorgane sind daher auch von der Regierung angewiesen, Denunziationen mit der größten Vorsicht aufzunehmen. Die Freiheit der Person ist ein so hohes Gut, daß nur sicher begründeter Verdacht die Aufhebung dieser Freiheit durch Verhaftung veranlassen darf. Es darf hierbei niemals außer acht gelassen werden, daß politische Gesinnung an und für sich keinen Grund zur Verhaftung oder Verfolgung bilden kann.“
„Das Schicksal Kopps (Anführer des Revolutionsrats, Anmerkung der Redaktion) ist noch immer unentschieden. Zur Durchführung des gegen ihn schwebenden Hochverratsprozesses wurden verschiedene Persönlichkeiten in den letzten Tagen vernommen.“
*
„Von der Garnison Rosenheim. Das Freikorps Pfarrkirchen, das seit Einzug der Regierungstruppen hier weilt und sich um die Herstellung von Ruhe und Sicherheit in unserer Stadt große Verdienste erworben hat, wird heute Rosenheim verlassen.“
*
„Zur Bildung einer Einwohnerwehr Rosenheim erläßt der Stadtmagistrat einen Aufruf an die regierungstreue Bevölkerung der Stadt. Die untere Altersgrenze ist 20 Jahre“.
*
„Bereits drei Jahre nach Inbetriebnahme des Rosenheimer Werkes und knapp drei Monate nach Fertigstellung einer weiteren Fabrik in Spittal/Österreich gab Gabor den Startschuß für die zweite Ausbaustufe in Rosenheim. Das Bauvorhaben, das über eine Million Mark kostet, umfaßt eine Erweiterung der bisherigen Produktionshalle um das Doppelte. Es soll eine vergrößerte Taschenfertigung, eine Musterabteilung und eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung beherbergen.“
*
„Die Eingemeindung Happings machte eine Ergänzung und Überarbeitung des Flächennutzungsplanes für die Stadt Rosenheim erforderlich. Rosenheim hat künftig viel Platz für Industrieansiedlung, gewerbliche Betriebe, Wohnungsbau und Erholungsgebiete. Der frühere Bereich der kreisunmittelbaren Stadt Rosenheim umfaßte 1260 Hektar. Er wuchs um 750 Hektar. 100000 Quadratmeter sind für neue Wohngebiete im Stadtteil Happing eingeplant. 500000 Quadratmeter wird einmal der Erholungsbereich um den Happinger See umfassen, wenn die verschiedenen Kiesweiher zu einer einzigen Wasserfläche zusammengefaßt sind. Die Stadträte Glomb, Schneider, Gartner, Dr. Lauble, Weinzierl sowie Bürgermeister Miehle und Paul Hohmann gaben Anregungen verschiedenster Art. Unter anderem wurde mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß die Behelfskirche St. Michael deplatziert erscheint. Der dortige Bereich wird im Flächennutzungsplan als ein gemischt-gewerbliches Gebiet ohne größere Wohnsiedlung gekennzeichnet. Dr. Steinbeißer teilte mit, daß er bereits bei der katholischen und bei der evangelischen Kirche einen Vorstoß dahingehend unternommen habe, die geplante evangelische Kirche in der Lessingstraße als eine gemeinsame Kirche einzurichten. Die Behelfskirche St Michael, die übrigens nur für höchstens fünf Jahre in der jetzigen Form genehmigt sei, sollte dann ganz aufgelassen werden und einem gewerblichen Siedlungsraum Platz machen.“
*
„Nach jahrelangen Verhandlungen mit der ostzonalen Reichsbahn fuhr am Pfingstsamstag zum erstenmal ein Autoreisezug von West-Berlin durch Mitteldeutschland in die Bundesrepublik und weiter nach Österreich. Gegen 7 Uhr machte der „Spree-Alpen-Expreß“ kurz auch in Rosenheim Station; sein Ziel ist Villach. Bis zum 29. August wird der Zug auf dieser Strecke jeweils freitags in Berlin abfahren und Samstag gegen Mittag Kärnten erreichen. Damit können Autofahrer aus Berlin die lange Anreise über die Interzonen-Autobahn sparen. Schon der erste Zug hatte fünfzehn Autos und einen beladenen Bootsanhänger an Bord.“
„Eine Gaststätte mit extrem niedrigen Preisen soll in das Gebäude am König-Otto-Eck (Prinzregenten-/Rathaus-/Münchener Straße/Max-Josefs-Platz) kommen, wenn es nach den Besitzern des Hauses, den Brüdern Pan und deren Mutter, geht. Doch der beantragte Vorbescheid wurde im Stadtentwicklungs- und Baugenehmigungsausschuß nicht erteilt. ,Am Max-Josefs-Platz gibt es doch schon so viele Gaststätten‘ begründete Dr. Günther Antusch die Entscheidung. Das Gebäude löste schon oft Diskussionen aus, weil es nicht mehr ins Stadtbild paßt. Die Stadt will an dieser Stelle einen Biergarten auferstehen lassen, der dort vor langer Zeit einmal war. Doch dagegen wehrt sich Alois Pan: ,Das kommt nie in Frage. Keiner trinkt sein Bier so nah neben der Straße.“
*
„Das wird ein Sommer der Baumaschinen: Bei Karstadt rollen die Bagger voraussichtlich im Juni an, beim Hofbräu-Komplex ist als erster Schritt für den Juli der Abbruch eines Gebäudeteils vorgesehen. Auch beim dritten großen Bauvorhaben in der Innenstadt, dem Stumbeck-Komplex, tut sich etwas. Hier wurden die Planungen noch einmal umgekrempelt. ,Wir warten jeden Tag auf den Bauantrag‘, heißt es aus dem Bauamt, und aus dem Hause Peek & Cloppenburg ist zu hören, man hoffe auf eine Geschäftseröffnung im Herbst 1995 oder sogar früher.“