Rosenheim – In 30 Minuten mal schnell die Welt retten: Diese Möglichkeit bot das Kinderhilfswerk Unicef mit der Aktion „Theater der 10000“. Dafür kamen am Samstag um 12.19 Uhr zeitgleich Tausende Menschen in rund 80 Städten zusammen, um ein vorher unbekanntes Theaterstück aufzuführen. Aber der Reihe nach.
Mit Kopfhörern und meinem Handy mache ich mich auf dem Weg zum Max-Josefs-Platz. Den blauen Unicef-Stand sehe ich schon von Weitem. Iris Huber, Unicef-Teamleiterin aus Rosenheim, hat eine kleine Fläche abgesperrt und mit Kreide eine blaue und gelbe Linie auf das Kopfsteinpflaster gemalt.
Ich lade die Audio-Datei mit dem Theaterstück auf mein Handy und auf meinem Display erscheint ein Timer – in zehn Minuten geht es los. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Ich weiß nur, dass mich das Stück zum Nachdenken anregen soll. Ich stecke mir die Kopfhörer ins Ohr und warte, bis es losgeht. Um 12.19 Uhr fordert mich eine sympathische Männerstimme auf, zu der abgesperrten Fläche zu gehen. Das Feld ist klein. Kurz frage ich mich, ob die 40 Teilnehmer hier Platz haben. Die Stimme reißt mich aus meinen Gedanken, dieses Mal ist es eine Frauenstimme. „Immer locker bleiben, in den Bauch atmen hilft, falls du nervös bist“, sagt sie. Spätestens jetzt bin ich nervös. Die beiden Stimmen wechseln sich ab. Sie sprechen von der größten Premiere aller Zeiten und nennen die teilnehmenden Städte. Leipzig, Augsburg, Wiesbaden: Überall in Deutschland hören Tausende Menschen gerade dieselbe Stimme. Dann die nächste Aufforderung. Wir stellen uns nebeneinander an der gelben Linie auf. Hände in die Hüften. Kopf in den Nacken. Augen zu. Jetzt sollen wir mit beiden Händen einen Kreis formen. Unser Erkennungszeichen.
„Du bist einer der 10000 Zeitreisenden. Du hast Dich dafür entschieden, für eine bessere Zukunft zu kämpfen“, ertönt es aus meinen Kopfhörern. Gänsehaut-Moment. Das Ganze wirkt surreal. Passanten bleiben stehen und beobachten uns. Peinlich ist es mir nicht.
In dem Stück geht es darum, dass die Erde zu einem fast unbewohnbaren Ort geworden ist. Kriege, Dürre und Lebensmittelknappheit beherrschen den Alltag – weil wir es nicht verhindert haben. Jetzt ist es unsere Aufgabe, ins Jahr 2019 zurückzukehren und die Zukunft zu verändern. Wir halten Hände, wir strecken die Fäuste in die Höhe, schleichen uns in Zeitlupe auf die blaue Seite. Es wird gelacht und nachgedacht. Für 30 Minuten gibt es nur mich und die 39 Menschen um mich herum. Auch der Regen stört niemanden. Wir befolgen Anweisungen, springen, drehen uns um 360 Grad.
Schließlich die letzte Aufgabe. Wir sollen uns in einem Kreis aufstellen. Hand in Hand. „Geh einen Schritt nach vorne“, sagt die Männerstimme. Stille. Dann: „Gerade haben 10000 Menschen einen Schritt nach vorne gemacht.“ Ich lächle und versuche mir dieses Bild vorzustellen. Wir klatschen, verbeugen uns, klatschen noch mal. Dann ertönt die Stimme ein allerletztes Mal: „Wenn 100 Menschen in 100 Städten einen Schritt nach vorne gehen, dann sind wir gemeinsam ziemlich weit gekommen.“