Rosenheim – Die Kinder sind aus dem Haus, die Jahre der Berufstätigkeit eine Weile her. Manchmal ist der Partner schon gestorben. Dann kriecht die Einsamkeit heran, lässt die Tage eintönig langsam verstreichen. Isolation und Traurigkeit machen sich breit – ein Schmerz, der sich mit Alkohol betäuben lässt oder mit einem anderen Suchtstoff. Die Zahl der Süchtigen im fortgeschrittenen Alter steigt. Auch in Rosenheim.
„Lass doch dem Opa sein Bier, er hat doch sonst nichts mehr“ – diesen Satz haben Natalja Virmani und Dunja Wekerle von der Fachambulanz Sucht in der Diakonie Rosenheim schon oft gehört. Sie wissen von Angehörigen, die „den Opa“ schützen, vielleicht auch bemitleiden. Oder einfach nur froh sind, dass der alte Mann Ruhe gibt. Vor dem Fernseher, auf dem Bankerl. Auf jeden Fall mit seinem Bier in der Hand – das in Bayern als Grundnahrungsmittel gilt und bei jeder Feierlichkeit, bei jedem Grillabend wie selbstverständlich dazu gehört. Doch ist das in Ordnung?
Verharmlosen
ist gefährlich
Nein, sagen die beiden Expertinnen. Und warnen davor, zu verharmlosen. Ein System am Laufen zu halten, das dem Betroffenen das Weitermachen ermöglicht. Eigentlich, so sagen sie, müssten Angehörige den Betroffenen alleine lassen. Denn Sucht, egal welcher Art, ist letztlich ein Persönlichkeitsrecht. Jeder Mensch hat das Recht, Alkohol zu trinken, zu rauchen oder auch Drogen zu konsumieren. Das ist die eine Seite. Die andere aber ist, dass Sucht als Krankheit medizinisch anerkannt ist. Eben nicht darin ihre Ursache findet, dass der Wille des Betroffenen nicht ausreicht. „Reiß dich mal zusammen“, heißt es oft. Fälschlicherweise. „Abhängigkeit passiert“, sagen Virmani und Wekerle.
Aber wo ist die Grenze? Wo hört der Konsum aus Genuss auf, beginnt die Sucht? Schädliches Trinkverhalten bei Senioren ist nicht leicht festzustellen, schreibt dazu die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) in Rosenheim. Das liege vor allem daran, dass Folgen von Alkoholproblemen mit Alterserscheinungen verwechselt werden können. Dazu gehören Schlafstörungen und Orientierungslosigkeit ebenso wie Undeutlichkeiten beim Sprechen oder eine zunehmende Nachlässigkeit in der Hygiene
Grundsätzlich aber ist der Übergang zur Sucht fließend. Und auch wenn der eine mehr, der andere weniger verträgt: Sucht ist immer dann da, wenn der Suchtstoff genutzt wird, um den eigenen Zustand, das eigene Bewusstsein zu verändern. Wenn der Betroffene konsumiert, um negative Gedanken und Erlebnisse zu vergessen. Motive im Alter sind dafür oft Einsamkeit, der Verlust von Struktur und Funktion im Alltag. Der Verlust von Identität in einer Gesellschaft, die sich überwiegend über Leistung definiert. Das herbeigesehnte Rentenalter wird zur Falle. Es drohe der „Verlust der Wertigkeit“, sagt Dunja Wekerle. „Viele Senioren leben einsam und isoliert: Früher waren sie im Job unentbehrlich, heute fühlen sie sich als Rentner nicht mehr gebraucht“, schreibt dazu die KKH Rosenheim.
Eine Situation, die jeden treffen und in die Sucht führen kann. Auch Menschen, die bisher kein Problem hatten. „Da wird ein Punkt der Unvorstellbarkeit erreicht. Man glaubt nicht, dass es einem selbst passieren kann und nicht nur anderen“, sagt Wekerle.
In Rosenheim leben derzeit 64065 Menschen. Die Zahl soll bis zum Jahr 2037 auf 65400 steigen, hat das Bayerische Landesamt für Statstik im Dezember 2018 prognostiziert. Die Statistiker gehen davon aus, dass im Jahr 2037 zur Altersgruppe der 60-Jährigen bis unter 75-Jährigen 7652 Menschen gehören. Im vergangenen Jahr lebten 6278 Menschen dieser Altersgruppe in Rosenheim. Die Zahl der über 75-Jährigen wird demnach ebenfalls steigen, von 4316 auf 5101 Senioren.
Mit dem demografischen Wandel wird die Zahl derer wachsen, die süchtig sind. Zu finden sind sie in allen gesellschaftlichen Schichten, in allen Berufsgruppen. Alkohol und Tabletten spielen dabei eine besonders große Rolle. Es gibt aber auch Senioren, die schon seit ihrer Jugend zu illegalen Drogen greifen, etwa zu Kokain oder Heroin.
Unabhängig vom stofflichen Suchtmittel meint „Sucht im Alter“ Menschen, die älter sind als 65 Jahre. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie bereits in jüngeren Jahren süchtig geworden sind oder erst im Alter in die Abhängigkeit gerutscht sind. In jedem Fall führt der übermäßige Konsum von Suchtstoffen zu psychischen und physischen Einschränkungen. Dabei altern diese Senioren nicht früher, sondern die Altersprozesse schreiten schneller voran. „Senioren müssen deutlich weniger Alkohol trinken als Jüngere, um die Gesundheit nicht zu gefährden“, teilt die KKH mit. Feste Richtlinien dazu, wie viel Alkohol beispielsweise noch verträglich ist, gibt es nicht. Laut KKH empfehlen einige Experten Menschen ab 65 Jahren aber, nicht mehr als ein kleines Glas Bier (0,25 Liter) pro Tag zu trinken, oder ein Glas Wein (0,1 Liter). Dazu sollten sie an zwei Tagen pro Woche gar keinen Alkohol anrühren.
Besonders gefährlich wird die Situation, wenn alte Menschen aufgrund anderer Krankheiten regelmäßig Medikamente schlucken müssen. Zusammen mit Alkohol können auf dieser Weise lebensgefährliche Cocktails entstehen. Alterserkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck verschlimmern sich aufgrund von Alkohol. Die Leber entgiftet schlechter, die körperlich und geistige Leistungsfähigkeit lässt nach. Die Unfallgefahr nimmt zu, darunter auch das Sturzrisiko. Problematisch ist zudem, dass es wenig Hilfsangebote für speziell diese Gruppe gibt. Therapien werden häufig nicht mehr bewilligt.
Und schließlich: Gerade die Generation der heute 70-Jährigen ist es gewohnt, nicht um Hilfe zu bitten. Überleben, durchhalten, stark sein. Das sind die Glaubenssätze der Nachkriegskinder. Besonders betroffen: Frauen. „Sie denken oft, ich kann erst gut für mich sorgen, wenn es den anderen gut geht“, sagen Virmani und Wekerle. Sie bleiben gefangen im Teufelskreis aus Schmerzen, Angst und Depression – und Sucht.
Erster Schritt:
Das Alter annehmen
Kann der Ausstieg gelingen? Unter bestimmten Umständen, ja: An allererster Stelle ist wohl die Akzeptanz notwendig, dass sich das Alter nicht aufhalten lässt. Wer akzeptiert, dass er eine Brille braucht, dass der Rücken häufiger wehtut als früher, der macht sich frei von dem Gedanken, stets funktionieren zu müssen. Der kann sich auf den Weg machen, die Würde und Wertigkeit des eigenen Lebens zurückzugewinnen. Und dafür auch um Unterstützung bitten. „Es ist eine Riesen-Kompetenz, um Hilfe zu bitten“ sagt Wekerle.
Wie diese Hilfe aussehen kann, nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für deren Angehörige, das erklären die Vertreterinnen der Fachambulanz heute in einem Vortrag unter dem Titel „Hilfen bei Sucht im Alter?“.
Die Veranstaltung im Rahmen des Themenmonats „Altersgrenzenlos“, den das evangelische Dekanat in Zusammenarbeit mit anderen Stellen initiiert hat, findet in den Räumen des Betreuungsvereins in Rosenheim statt, Kufsteiner Straße 55. Im Anschluss an den gut halbstündigen Vortrag soll Zeit sein für Gespräche. Der Eintritt zum Vortragsabend ist frei.