Rosenheim – Der Abriss der Bogensiedlung in Rosenheim hat begonnen. Zehn Wohnblöcke und drei Garagenanlagen werden nach und nach abgetragen, um Platz zu machen für neue Werks- und Laborgebäude der Technischen Hochschule. Bleiben wird von den Bauten aus den frühen 1950er-Jahren nichts. Eine Initiative zum Erhalt der „Kunst am Bau“, insbesondere der Hausnummern, ist gescheitert.
Blocks verschwinden,
TH baut neu
Die langen Zeilen wirken wie eine Geisterstadt innerhalb Rosenheims. Die meisten der rund 220 Wohnungen im Besitz der städtischen Wohnbaugesellschaft GRWS stehen bereits leer. In einigen der Hauseingänge haben die Abbrucharbeiten begonnen. Arbeiter der Firma „Zosseder“ gehen von Wohnung zu Wohnung und räumen aus, was die Mieter hinterlassen haben, montieren ab, was an Installationen übrig geblieben ist. Was die Arbeiter zusammengetragen haben, nehmen vor den Häusern Container auf. Bauzäune schützen vor unbefugtem Zutritt. Irgendwann wird eine Abbruchzange auf einem Hydraulikbagger anrücken. Stück für Stück wird sie ein Gebäude nach dem anderen abtragen. Bis das Gelände, das dann an den Freistaat Bayern übergeht, frei ist für die Neubauten.
Dass damit auch die filigranen Scraffiti und die fein gearbeiteten Nummern über den Haustüren verschwinden, die der Priener Künstler Markus von Gosen einst in den Putz eingearbeitet hat, wollte eine Initiative um Rosenheims ÖDP-Stadtrat Horst Halser eigentlich verhindern. Doch nun müssen Halser, die Kunsthistorikerin Dr. Evelyn Frick, Stadtheimatpfleger Karl Mair und der Leiter des städtischen Museums, Walter Leicht, ihren Versuch der Rettung aufgeben.
Es war ein Moment der Ernüchterung, als am Dienstag die Kunstliebhaber auf Andreas Hagen trafen, den Projektleiter der GRWS. Vor der Hausnummer 29 der Bogensiedlung hatte man sich verabredet. Ganz bewusst war der Ort gewählt, denn es galt zu klären, ob wenigstens einige Hausnummern erhalten werden könnten. Dazu muss man wissen: Von Gosen hatte nicht nur die jeweilige Zahl in den Putz eingekratzt, sondern auch unterschiedliche Motive. Entstanden sind auf diese Weise Objekte, die allemal ein Hingucker sind. Doch als Hagen zu erklären begann, wie aufwendig die Arbeiten wären, schwanden die Hoffnungen auf den Erhalt der Hausnummern. Ein Gerüst müsste aufgebaut werden, ein Radlader eine Mauerwerksäge hinauf hieven. Und dann müsste die Säge die Hausnummer aus dem Mauerwerk isolieren. Soweit wie möglich jedenfalls. Denn am Ende bliebe die Hausnummer als gigantischer Block übrig, 600 bis 800 Kilo schwer. Die Kosten pro Hausnummer lägen im Schnitt bei 3000 Euro. Nichteingerechnet der Transport und das Aufstellen im städtischen Museum. Dort nämlich, so hatten die Kunstliebhaber gehofft, könnten bis zu zwölf Hausnummern Teil einer Ausstellung über die Bogensiedlung sein. Doch wie die Trümmer präsentieren?
„Es steht einfach nicht dafür“, konstatierte Museumsleiter Walter Leicht. Und Horst Halser stellte fest: „Hier treffen Utopisten auf Realisten. Und dazwischen liegen 800 Kilo.“ Am Ende waren sich alle einig: Es war eine schöne Idee. Verwirklichen lässt sie sich nicht. Von den Häusern wird in der Folge nichts bleiben.
In Vergessenheit soll die Siedlung dennoch nicht geraten. Auf dem zukünftigen TH-Areal wird eine Stele an sie erinnern. Außerdem ist eine Dokumentation in Form eines Buches geplant. Die Kosten für die Stele trägt die Hochschule. Für die Dokumentation komme ein Zuschuss über eine der städtischen Stiftungen, sagte Stadtrat Horst Halser, der sich sowohl für die Stele als auch für die Dokumentation eingesetzt hatte.
Einfachwohnungen
am Rande der Stadt
Die Bogensiedlung steht nicht unter Denkmalschutz, gilt aber als ein Stück Zeitgeschichte. Entstanden ist sie in den Jahren 1951/52 als Wohnstätte für Flüchtlinge und Displaced Persons, also für Menschen aus Osteuropa, die während der Zeit der Nazi-Herrschaft zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren. Gebaut in Ziegelbauweise boten die Blöcke Platz für Einfachstwohnungen mit ein bis drei Zimmern. Alle ohne Balkon, jedoch mit eigenem Bad. In den ersten Jahren lebten rund 1300 Menschen hier, damals am Rande der Stadt. Das Quartier galt als sozialer Brennpunkt.
Angesichts des niedrigen Standards ist es umso erstaunlicher, welch großer Aufwand betrieben wurde für die Gestaltung der Fassaden. Großflächig arbeitete Markus von Gosen Sgraffiti in den Putz der Häuser. Besonders gut zu sehen ist seine „Kunst am Bau“ am Haus Bogenstraße 27 und 29. Das etwa 25 Meter lange Sgraffito weist mit detailverliebten Motiven auf die Geschäfte in der Ladenzeile hin, vom Bäcker bis zum Metzger, vom Milchladen bis zum Friseur. Auch dieses Kleinod hatte die Initiative um Horst Halser vor dem Abriss schützen wollen. Doch auch in diesem Fall wäre der Erhalt zu teuer gewesen. Schätzungen waren von rund 86000 Euro ausgegangen.