Rosenheim – Wer vom Max-Josefs-Platz kommt und durch den Torbogen des Mittertores geht, hat am Stützpfeiler wohl schon den Wappenschild mit der Rosenheimer Rose und den beiden Schriftzeilen „Aus eiserner Zeit“ und „1914:15:16“ bemerkt. Eine kleine Tafel daneben gibt nähere Auskunft.
Die Entstehungsgeschichte der „Eisernen Rose“ führt uns zurück in die Zeit des Ersten Weltkriegs und zum Thema der Kriegsnagelungen, die mit ihren Spenden die Opfer des Krieges wie Witwen, Waisen und Invaliden unterstützen sollten.
Auslöser dieser Spendenaktionen war die Nagelung des „Eisernen Wehrmannes“ in Wien am 6. März 1915. Vorbild war der „Stock im Eisen“, ein Fichtenstamm, in den Handwerksburschen, die auf ihrer Walz nach Wien kamen, einen Nagel einschlugen. Irgendwann kostete jeder Nagel etwas und der Ertrag kam kriegsgeschädigten Familien zugute.
Hölzerne
Ritterfigur
Marie Fürstin zu Erbach-Schönberg war Zeugin der Nagelung der eigens dafür angefertigten hölzernen Ritterfigur. Auf ihre Anregung hin erfolgte an ihrem Wohnort Darmstadt am 23. April 1915 die Nagelung eines Eisernen Kreuzes als erste Kriegsnagelung im Deutschen Reich. Schnell wurden diese Nagelungen populär und galten als Ausdruck patriotischer Gesinnung und ideeller Unterstützung der Soldaten im Feld.
Gegen Ende des Jahres 1915 kam auch in Rosenheim die Idee zu einer Kriegsnagelung auf. Initiator war Bürgermeister Josef Wüst, der zugleich Vorsitzender des „Ortssammelkomitees für freiwillige Krankenpflege im Kriege“ war, und seinen Freundeskreis aus Künstlern und Kunstinteressierten dafür gewinnen konnte. Das Motiv stand schnell fest, ein Wappenschild mit der Rosenheimer Rose.
Die Finanzierung übernahm Rosenheims Ehrenbürger und Kunstsammler Max Bram. Den Entwurf fertigte der Bildhauer Georg Albertshofer. Den Münchener Professor kannte man in Rosenheim, seit er 1907 das Kriegerdenkmal für die Gefallenen der Kriege von 1866 und 1870/71 gestaltet hatte, das sich heute in der Herbststraße befindet. Die praktische Ausführung aus einem dicken Block Lindenholz übernahm der Münchner Bildhauer Johann Bechtel.
Die Nagelspender erhielten zur Erinnerung eine Postkarte, die der Rosenheimer Kunstmaler Rudolf Sieck entworfen hatte. Nach der Nagelung durften sich alle Spender in das ledergebundene Eiserne Buch eintragen, das Rosenheims erster Stadtarchivar und Ehrenbürger Ludwig Eid gestiftet hatte, und das heute noch im Stadtarchiv bewahrt wird. Der Erlös der Kriegsnagelung sollte an die Nationalstiftung für Kriegerwitwen und -waisen sowie an die örtliche Fürsorge gehen.
Ein Nagel kostete
50 Pfennig
„Ein Nagel kostete 50 Pfennig, was für die damalige Zeit nicht wenig war. Ein Salinenarbeiter verdiente 1916 in Rosenheim am Tag durchschnittlich zwischen 4,41 und 5,53 Mark, ein Pfund Roggenbrot kostete 19 Pfennige, ein Liter Bier 35.“ Wie Walter Leicht in einem OVB-Artikel 1987 resümiert.
„Drum, Bürger, schlagt den Nagel ein / In die Eiserne Rose zu Rosenheim!“ Gedichte und Anzeigen sollten jeden Einzelnen motivieren, sich an dieser patriotischen Aktion in „eiserner Zeit“, wie die Kriegsjahre genannt wurden, zu beteiligen.
Am Sonntag, den 2. April 1916, war es dann soweit, der feierliche Tag der Erstnagelung war gekommen. Die Stadt war beflaggt und in den festlich geschmückten Saal des Hotels Deutscher Kaiser im Gillitzer-Block strömten vormittags die geladenen Gäste. Alles, was Rang und Namen hatte, kam: Die Honoratioren, die Geistlichkeit, Vertreter des Offizierskorps und der Behörden, die Verwundeten des Genesungsheimes Kaiserbad, Abordnungen von Schulkindern und Vereinen. Die Militärkapelle schmetterte den Hindenburgmarsch.
Flammende Rede
des Bürgermeisters
Bürgermeister Josef Wüst hielt eine flammende Rede und schlug als erster einen Nagel genau in die Mitte der Rose ein. Die anderen folgten. An König Ludwig III. ging ein Telegramm ab, das ihn über diesen feierlichen Akt in Rosenheim informierte. Tags darauf erhielten die Rosenheimer ein Danktelegramm vom Monarchen. Ab nachmittags 3 Uhr durften dann die normalen Bürger ihrer patriotischen Nagelpflicht nachkommen. Ein Festkonzert rundete am Abend das Programm ab.
Zur weiteren Nagelung kam der Schild dann in die Kriegsfürsorgestelle in der Sedanstraße 9, wo täglich zwischen 9 und 12 Uhr genagelt werden konnte. Größere Gruppen, die die Nagelung als geselliges Treffen veranstalteten, erhielten den Wappenschild ausgeliehen. Nach drei Monaten war die Eiserne Rose mit über 3000 Nägeln vollständig benagelt und hatte über 8000 Mark an Nagelgeldern und Spenden eingebracht. Nun wurde der Schild in den Rosenheimer Wappenfarben Rot, Grün und Silber farbig gefasst und am Pfeiler des Mittertores angebracht.
Die Jahreszahlen „1914:15:16“ auf dem Schild erinnern an die bis zu dieser Aktion vergangenen Kriegsjahre. Bis 1917, dann ließ die Kriegsbegeisterung deutlich nach, waren die Kriegsnagelungen in Deutschland und Österreich sehr beliebt und alles, was patriotisch und heldenhaft war, wurde benagelt: Holzfiguren von Rittern und Soldaten, Heilige wie Michael oder Georg, Legendengestalten wie Siegfried oder Roland, historische Kaisergestalten wie Karl der Große oder Barbarossa, aber auch Zeitgenossen wie Hindenburg und Bismarck. Geschätzt waren auch Wappen, Eiserne Kreuze oder Adler, Rathaus- oder Kirchentüren, Säulen oder Tische, Modelle von Flugzeugen, U-Booten oder Kanonen.
2005 konnte Rosenheims Eiserne Rose dank einer großzügigen Spende des Rosenheimer Geschäftsmannes Hans Nickl, der Ende letzten Jahres mit 96 Jahren starb, durch den Bruckmühler Fachmann Andreas Mittermüller restauriert werden.