Rosenheim – Das evangelische Dekanat hat, im Rahmen seines Themenmonats „altersgrenzenlos“, zu einer Diskussion über die Zukunft der Pflege eingeladen. Veranstaltungsort war das OVB-Medienhaus. Abhilfe, so stand am Ende fest, kann es nur geben, wenn Veränderungen auf verschiedenen Ebenen greifen. Eine bessere Bezahlung und eine sorgfältigere Vernetzung gehören dazu.
Auf dem Podium saßen Bernhard Seidenath, MdL und Vorsitzender des Landtagsausschusses für Gesundheit und Pflege, Sandra Schuhmann, Mitglied im Vorstand der Diakonie Bayern, Franz Benstetter, Professor für Sozialversicherungen und Gesundheitsökonomie an der Hochschule Rosenheim, und Georg Sigl-Lehner, Präsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern.
Moderator Helmut Franke fasste die aktuelle Situation in der Pflege zusammen und gab damit die Stichworte für die folgende Diskussion: Aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland werde die Schere zwischen Pflegenden und Pflegebedürftigen weiter auseinandergehen. Prognosen wiesen aus, dass mit einem Anstieg von Pflegfällen um 50 Prozent bis zum Jahr 2030 zu rechnen ist.
Zumeist kümmern
sich Angehörige
Bereits heute seien die Auswirkungen spürbar, weil nicht genügend Menschen in Pflegeberufen arbeiteten. Momentan würden bundesweit rund 75 Prozent aller Pflegebedürftigen zu Hause von rund vier Millionen Angehörigen gepflegt. Mit steigenden Lohnkosten, der allgemeinen Preissteigerung und den steigenden Pflegefallzahlen rechnete man damit, dass spätestens 2025 ein Defizit in der Pflegeversicherung zu erwarten ist, sodass alternative Finanzierungsmodelle notwendig würden, sagte Franke.
Sandra Schuhmann als Vertreterin der Diakonie in Bayern ergänzte die Analyse um den Hinweis, dass die Thematik Altersarmut nicht übersehen werden sollte. Über 50 Prozent der Pflegenden seien in Teilzeitarbeitsverhältnissen beschäftigt. Das bedeute heute niedrige Einkommen und später niedrige Rentenansprüche.
Alle vier Diskutanten waren sich einig, dass man die Aufgaben, die sich aus dieser schwierigen Situation ergeben, nur durch gemeinsame Anstrengungen zu bewältigen sind. „Die Anzahl der Stellschrauben ist so groß, dass wir aufpassen müssen, an der einen Stelle nicht zu überdrehen“, sagte Sigl-Lehner. Deshalb müssten alle Beteiligten in abgestimmten, vernünftigen Schritten an der Verbesserung der Rahmenbedingungen arbeiten. Seidenath betonte, dass vor allem daran gearbeitet werden müsse, die Anzahl der Stunden zu erhöhen, die im Pflegebereich tatsächlich zur Verfügung stehen. Aus seiner Sicht gibt es mehrere Möglichkeiten: Zum einen sollte die Anzahl der Stellen im Bundesfreiwilligendienst im Bereich der Pflege verdoppelt werden. Damit würde man ungefähr wieder das Niveau der Zivildienstleistenden in der Pflege erreichen können. Außerdem müssen durch verbesserte Arbeitsbedingungen die überdurchschnittlichen Fehlzeiten im Bereich der Pflege – momentan 24 Tage im Jahr – reduziert werden. Sein dritter Vorschlag zielt darauf ab, durch Veränderungen in der Ausbildungssituation den Einstieg für Quereinsteiger zu verbessern.
Bessere Bezahlung
nach Tarif
Alle Beteiligten plädierten dafür, eine „Charmeoffensive für den Pflegeberuf“ zu starten und auf tarifliche Bezahlung in allen Bereichen hinzuarbeiten. Sigl-Lehner wies darauf hin, dass momentan nur etwa die Hälfte der Arbeitsplätze in der Pflege mit Tariflohn vergütet wird. Der Unterschied betrage dann rund 500 Euro für eine Vollzeitkraft. „Die Wochenend- und Nachtdienste müssen besser entlohnt werden, um gerade jüngeren Mitarbeitern einen zusätzlichen Anreiz zu bieten, diese Dienste zu übernehmen, damit ältere Mitarbeitende in den für sie besseren Tagdiensten arbeiten können“, sagte Seidenath. Ebenso müsse der Einsatz von technischen Lösungen geprüft werden. In diesem Zusammenhang wies Professor Benstetter auf das bayerische Forschungsprojekt Wohnen 4.0. hin, an dem er mit seinem Lehrstuhl beteiligt sei.
Aus dem Publikum kam der Hinweis, dass neue Pflegemodelle in anderen Ländern bereits wirksam seien, etwa „Buurtzorg“ in den Niederlanden. Klaus Stöttner (MdL) forderte seinen Fraktionskollegen auf, die Lösungsansätze, die von der Diakonie in Modellprojekten erarbeitet werden, die internationalen Erfahrungen und die Kompetenzen in der Region zu bündeln und sich dafür einzusetzen, dass neue Wege in Modellregionen ausprobiert werden können. Das ermögliche, eine Lösung für alle zu finden und schnell erfolgreiche Konzepte zu entwickeln.
Seidenath sagte zwar keine konkrete regionale Lösung zu, sagte aber, er werde sich für einen „Innovationsfond Pflege“ einsetzen, mit dem Modellversuche finanziert werden könnten. Wichtig sei aber, dass sich vor allem die Beteiligten vor Ort zu einem lösungsorientierten Verbund zusammenschlössen. Deshalb warb er dafür, das Thema in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen und vor allem auch die kommunalen Politiker auf die drohenden Probleme hinzuweisen.
Lösungen seien im Sozialraum nur gemeinsam möglich, deshalb könnten und sollten sich die Kirchen einbringen. Zumal die seelsorgerliche Begleitung sowohl der Pflegebedürftigen wie auch der Pflegenden ein wichtiges Element sei, sagte Schuhmann.