Die Hüter der Grenzsteine

von Redaktion

Unterwegs mit zwei Feldgeschworenen der Stadt – Ältestes kommunales Ehrenamt

Rosenheim – Sie arbeiten draußen. Bei Wind und Wetter. Ihr Werkzeug sind alte Karten und der Handbagger: Daran hat sich seit fünf Jahrhunderten nichts geändert, trotz satellitengestützter Vermessung. Und darum sind auch Josef Martl und Franz Schwaiger an diesem Tag im Freien unterwegs. Ein Besuch bei zwei Feldgeschworenen der Stadt Rosenheim.

Granitstein

markiert Grundstück

Einsatzort ist die Eichfeldstraße. Die Stadt will sie ausbauen. Darum müssen die Grenzen neu festgelegt werden. Als Erstes greifen Josef Martl, der oberste der Rosenheimer Feldgeschworenen, und sein neuer Kollege Franz Schwaiger dafür zu ihren Handbaggern. Wo genau sie graben müssen, geht aus alten Aufzeichnungen hervor. „Die Vermessungsgeräte früher waren zwar viel größer und komplizierter als heute, aber auch schon sehr genau“, sagt Josef Martl. Tatsächlich dauert es nicht lange und die beiden Männer stoßen auf einen etwa 50 Zentimeter langen und 15 Zentimeter breiten Granitstein. Er ist einer von vier Steinen, die das Grundstück, um das es diesmal geht, markiert. Seit Jahrhunderten liegt der Block dort verborgen unter Erde und Gras. Jetzt befördern die beiden Männer dieses Stück Geschichte wieder ans Tageslicht.

Siebener, Landscheider, Märker, Untergänger, Steinsetzer, Feldschieber: Die rund 27000 Feldgeschworenen in Bayern kennt man regional unter den unterschiedlichsten Bezeichnungen. Ihre Aufgabe aber ist immer dieselbe: Seit dem Mittelalter machen sie Grundstücksgrenzen durch sogenannte Abmarkungen kenntlich, überwachen ihre korrekte Einhaltung und unterstützen damit das staatliche Amt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung.

Das Amt des Feldgeschworenen ist das älteste kommunale Ehrenamt Bayerns und wird außerhalb des Freistaats nur noch in Rheinland-Pfalz und teilweise in Thüringen ausgeübt. In das Amt wird man auf Lebenszeit berufen. Oftmals wird es in einer Familie von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Bei Josef Martl ist das der Fall, bei Franz Schwaiger übte schon der Großvater dieses Ehrenamt aus. Welch hohen Stellenwert diese Tätigkeit auch heute noch hat, wird dadurch deutlich, dass jeder neue Feldgeschworene bei Amtsantritt auf das Grundgesetz und die Verfassung des Freistaates Bayern vereidigt wird.

Harte Arbeit

bei Wind und Wetter

Landwirt Franz Schwaiger übernahm das Amt für den kürzlich verstorbenen Balthasar Gilg. Insgesamt gibt es in der Stadt fünf Feldgeschworene, jeder ist für einen bestimmten Bereich zuständig: Josef Martl für Happing, Georg Schnitzlbaumer für Aising, Christian Egger für Westerndorf St. Peter, Sebastian Gilg für Pang und Franz Schwaiger nun also für Rosenheim.

Gefordert wird von ihnen allen ein hohes Maß an Vertrauenswürdigkeit, Einsatzbereitschaft, Flexibilität und Ortskenntnis. „Es ist wichtig, die Leute zu kennen, um bei Problemen und Streitigkeiten zwischen den Parteien vermitteln zu können“, sagt Josef Martl.

Seit dem Jahr 2010 engagiert er sich als Feldgeschworener. Beruflich war er früher für die Aufbereitung der Eisfläche im Eisstadion zuständig. „Die Arbeit als Feldgeschworener ist oft hart“, erzählt er. Je nach Bodenverhältnis kann das Graben körperlich sehr anstrengend sein. Gearbeitet wird bei Wind und Regen. Eine vorausschauende Terminplanung ist nicht möglich. „Manchmal hat man in einer Woche mehrere Einsätze, dann tut sich vielleicht wieder ein paar Wochen gar nichts“, sagt Josef Martl. Darum fanden sich unter den Reihen der Feldgeschworenen immer schon viele Landwirte: „Sie sind meistens etwas flexibler bei ihrer Zeiteinteilung.“

Wo Grenzen verlaufen, ist längst nicht immer auf den ersten Blick klar erkennbar. Grenzsteine oder Grenzmarken verschwinden mit den Jahren unter Pflanzenwuchs oder Erdreich. Zäune werden entfernt und neu aufgestellt und dabei kann es unwissentlich – oder auch vorsätzlich – passieren, dass sich Grenzen verschieben.

Das Geheimnis

der genauen Lage

Die Feldgeschworenen sorgen seit Jahrhunderten dafür, dass alles seine Richtigkeit hat. Früher gab es das „Siebenergeheimnis“. Es bestand aus individuell platzierten, besonders geformten und manchmal auch beschrifteten Zeichen aus gebranntem Ton, Glas, Porzellan oder Metall. Nur die Feldgeschworenen wussten über deren Bedeutung und ihre genaue Lage Bescheid und bewahrten darüber strenges Stillschweigen. „Das ist heutzutage nicht mehr nötig. Die Grenzverläufe sind in der Regel gut dokumentiert. Da lässt sich kaum noch was tricksen“, sagt Josef Martl.

An der Eichfeldstraße sind sie jetzt gleich fertig mit der Arbeit: Das Loch für den Grenzstein ist ausgehoben. Gut einen Meter vom alten entfernt, setzen die beiden Feldgeschworenen den Stein zentimetergenau ein und rücken ihn zurecht. Danach verschwindet er unter der Erde und ruht dort vermutlich wieder für viele Jahrhunderte.

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