Kriegsheimkehrer wagen Neuanfang

von Redaktion

D‘Kaltentaler: Zum 88-jährigen Bestehen Gastgeber des Inngau-Trachtenfests

Rosenheim – Auf sein 88-jähriges Bestehen blickt der Trachtenverein D’Kaltentaler heuer voller Stolz zurück, wenn im Juli zum 99. Mal das Inngau-Trachtenfest über die Bühne geht. Wohl nirgendwo könnte man diese beiden Schnapszahlen besser feiern, als in der Heimstadt des Inngau-Trachtenverbands, in Rosenheim. Im Stadtteil Pang finden sich dazu am Festsonntag, 14. Juli, mehr als 5000 Trachtler ein.

Zusammen mit den OVB-Heimatzeitungen hat Vorsitzender Georg Kaffl jetzt einen Blick Archiv der Kaltentaler gewagt. Hinter den Panger Trachtlern liegen bewegte, spannende, aber nicht immer einfache Jahrzehnte. So befanden sich Deutschland und Bayern ausgerechnet im Gründungsjahr 1931 in einer schweren Weltwirtschaftskrise, die seit dem schwarzen Freitag 1929 andauerte. Manche Vereine wurden in Notzeiten gegründet. „Die Leute mussten fest zusammenstehen, das spielte bestimmt auch bei uns in Pang eine Rolle“, so Kaffl.

Der sich anbahnende Nationalsozialismus samt Gleichschaltung der Organisationen und Vereine war bereits zu Beginn der Kaltentaler eine schwere Zeit für den jungen Panger Trachtenverein, der im heutigen Stadtteil Brucklach, damals Ortsteil der Gemeinde Pang, gegründet worden war. Der dortige Kaltenbach ist bis heute namensgebend.

Einziger Plattler

wird Vorsitzender

Im Zweiten Weltkrieg sind 15 Vereinskameraden gefallen. „Erst als die ersten Trachtler nach dem Krieg aus der Gefangenschaft zurückkehrten, machte eine Gruppe aus Hohenofen den Neuanfang“, weiß der heutige Vorsitzende. Ludwig Plankl konnte als einziger das Platteln lehren – und wurde deshalb gleich zum Vorsitzenden gewählt. Ab 1948 war dann Michael Martl drei Jahre lang Erster und anschließend 18 Jahre Zweiter Vorsitzender.

„Waren bis 1950 die Trachten innerhalb unseres Vereins noch in groben Zügen verschieden, setzte mit dem Wirtschaftswachstum eine Art Vereinheitlichung oder Uniformierung ein“, sagt Stadtrat Kaffl, dessen Herz seit Jahrzehnten für die Trachtensache brennt. Zuvor waren die meisten Teile der Kleidung noch selbst angefertigt worden. Stangenware gab es nicht.

Viele Vereine haben so im Laufe der Jahre andere Details der Miesbacher Tracht – so wird der in Rosenheim übliche Stil genannt – herausgearbeitet und geben diese seitdem innerhalb ihrer Gruppe vor. „Es wurde stärker darauf geachtet, dass die Männer den Scheibling als Hut und den Adlerflaum als Schmuck trugen“.

Persönlicher Familienstammbaum

Dass Kaffl dem Verein schon immer ganz besonders nahe steht, beweist auch ein Blick in seinen persönlichen Familienstammbaum. „Von den 88 Jahren, die der Panger Trachtenverein besteht, leitete mein Vater 43 Jahre den Verein – also die Hälfte der Geschichte“, erzählt er stolz. Die aktive Plattlergruppe bestand damals ausschließlich aus jungen Erwachsenen – heute bilden sie die 16- bis 26-Jährigen.

Erst zwischen 1962 und Anfang der 70er-Jahre gründeten die Kaltentaler separate Kinder- und Jugendgruppen. Maßgeblichen Anteil am Erfolg dieser Nachwuchsarbeit hatte laut Kaffl der damalige Vorplattler und Erste Jugendleiter, Josef Gilg aus Westerndorf am Wasen. „Beim ersten Inngautrachtenfest unseres Vereins 1970 waren schon viele Kinder und Jugendliche zu sehen“, erinnert sich Kaffl. In den folgenden Jahren wuchs der Verein und blühte auf. 1982 feierten die Panger schließlich ihr 50. Gründungsfest. Mit Unterstützung der Stadt Rosenheim schufen sie zudem im Sportheim einen Übungs- und Vereinsraum. Das zweite Gaufest der Vereinsgeschichte richteten die Kaltentaler im Jahr 2001 aus.

„Ich möchte zum 88. allen Trachtler danken“, so der Vereinschef und Festleiter. Sie haben ihm zufolge den Verein unterstützt, mitgetragen und mit großem persönlichem Einsatz seine Zukunft gesichert.

Abordnung

aus Nürnberg

Mit rund 460 Mitgliedern gehören die Kaltentaler heute zu den sechs größten Trachtenvereinen, die im Inngau organisiert sind. Dessen Gebiet erstreckt sich vor allem über Stadt und Kreis Rosenheim sowie über den Nachbarkreis Ebersberg. Aber auch Abordnungen aus Nürnberg und Neuötting sind vertreten. Daneben bilden die Kaltentaler auch den größten Trachtenverein im Stadtgebiet.

Trotz eines vielfältigen Freizeit- und Sportangebots in der Region gelingt es den Verantwortlichen bis heute, Kinder und Jugendliche für die Trachtensache zu begeistern und damit ein Stück Tradition in Rosenheim zu bewahren.

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