Wenn Düfte zur Folter werden

von Redaktion

Anna Lagler (56) leidet an MCS und gründet Selbsthilfegruppe für Betroffene

Rosenheim – Ohne Mundschutz und Sauerstoffflasche geht Anna Lagler (56) nicht aus dem Haus: Die Rosenheimerin leidet an einer Chemikalien-Sensibilität. Sie reagiert hochempfindlich auf Duftstoffe, Zigarettenrauch, Textilien, Waschmittel, Abgase und Schornsteinrauch.

Anonymität

ist ihr wichtig

Anna Lagler heißt eigentlich anders. Sie will anonym bleiben, will nicht, dass die Krankheit sie bestimmt – noch mehr, als sie es ohnehin schon tut.

Die Krankheit kam über Nacht, vor drei Jahren, in ihrer Rosenheimer Wohnung. Lagler wacht auf, weil ihr Herz rast und ihre Lunge brennt. Im Krankenhaus erwähnt Lagler, dass seit einigen Monaten in ihrem fensterlosen Bad gebaut wird. Schnell diagnostizieren die Ärzte eine Verätzung der Atemwege. „Ich war über längere Zeit Ausdünstungen von Putzmitteln und Baustoffen ausgesetzt“, sagt Lagler. Sie wird mit Medikamenten nach Hause geschickt. Das Problem scheint gefunden. Doch statt einer Besserung wird es immer schlimmer. Plötzlich lösen Duftstoffe bei ihr Beschwerden wie Atemprobleme, Zittern, Schwindel aus. „Das war richtig unheimlich und machte mein Arbeitsleben zur Hölle.“

Sie geht immer wieder zum Arzt, wird untersucht. Die Blutbilder zeigen keine aussagekräftigen Befunde. Die Ärzte sind ratlos. Lagler verzweifelt. Sie bekommt Spritzen zur Beruhigung und geht weiterhin in die Arbeit, doch die Beschwerden werden immer schlimmer. Anna Lagler ist krank, aber eine Diagnose gibt es nicht.

Sie sucht im Internet und in Fachbüchern nach Antworten. In einer Fachliteratur über Umweltkrankheiten wird sie schließlich fündig. Ihre Symptome stimmen mit dem Krankheitsbild der Multiplen Chemikalien-Sensitivität (MCS) überein. Lagler informiert sich über MCS, macht sich auf die Suche nach einem Arzt, der sich mit Umweltkrankheiten auskennt. Sie telefoniert, bekommt viele Absagen. Die meisten Ärzte in der Umgebung wissen entweder nicht über die Krankheit Bescheid, oder haben keine Zeit, sich mit dem komplexen Beschwerdebild auseinanderzusetzen.

Eine Krankheit ohne

Chance auf Heilung

Schließlich findet sie einen Spezialisten, der sich Zeit nimmt – in Kempten. 400 Kilometer für einen Arztbesuch. Der Arzt bestätigt, was sie bereits vermutet hat. Sie leidet an MCS. Endlich hat ihre Krankheit einen Namen. „Nach der Diagnose war ich erleichtert“, sagt Lagler und fügt hinzu: „Zum damaligen Zeitpunkt nahm ich an, dass die größte Hürde damit genommen sei und ich mit einer Therapie beginnen kann.“

Die Wahrheit sieht anders aus. Auswegloser. Für die Krankheit gibt es keine Heilung. Ihr Entgiftungssystem ist beeinträchtigt und bewältigt die Umweltbelastungen nicht mehr. Toxische Belastungen sammeln sich im Körper an und es kommt zu chronischen Entzündungen. Das Nervensystem befindet sich dauerhaft im Stressmodus.

Ein Leben, wie sie es kannte, wird es nie wieder geben. Warum die Krankheit ausgerechnet sie getroffen hat, weiß niemand. Rund vier Millionen Deutsche leiden, laut amerikanischen Untersuchungen, an MCS. Die Dunkelziffer liegt vermutlich höher. Das MCS-Syndrom kennt fast niemand. Umweltmediziner vermuten, dass es gleich mehrere Ursachen bei Lagler gab: Genetische Veranlagung, Langzeitstress und die hohe Schadstoffbelastung während der Badrenovierung. „Das Fass ist einfach übergelaufen“, sagt sie.

Heute lebt sie mit den Konsequenzen. Ihren Job musste sie aufgeben. Zeitungen kann sie nicht mehr lesen. Sie reagiert empfindlich auf die Druckerschwärze, ihre Augen fangen dann an zu tränen, ihr Mund brennt und ihr Gesicht tut weh. Ihr Hobby, das Malen, musste sie aufgeben, weil sie die Farben nicht mehr verträgt.

Der Geruch von frisch gewaschener Wäsche führt zu Atemnot und Herzrasen. Wenn im Sommer der Rauch vom Grill des Nachbarn in ihre Wohnung zieht, muss sie schnell Fenster und Türen schließen. „Ich bin noch nicht mal in meinen eigenen vier Wänden sicher“, sagt sie.

Ihre Stimme ist leise, wenn sie über ihre Krankheit spricht. Dinge, die für andere alltäglich sind, werden für sie immer mehr zum Problem. Einkaufen zum Beispiel. Muss sie doch in den Supermarkt, trägt sie ihren Mundschutz. An der Kasse achtet sie darauf, dass der Einkaufswagen zwischen ihr und dem nächsten Kunden steht. Die Gerüche nimmt sie trotzdem wahr. Die Bodylotion der Kassiererin, das Parfüm vom Mann vor ihr. Dann fängt sie an zu zittern und ihr wird schlecht. Manchmal halten die Beschwerden tagelang an.

Mundschutz macht

sie zur Außenseiterin

Drei Jahre später hat sich Lagler mit ihrer Krankheit mehr oder weniger abgefunden. Damit es ihr besser geht, verordnen ihr die Ärzte Vitamine und Mineralstoffe. Sie benutzt nur Naturprodukte. Das Haus verlässt sie immer weniger, der Kontakt zu Freunden und zur Familie leidet. Sie lebt allein. Wenn trotzdem jemand vorbeikommt, bittet sie ihn, vorher keine parfümierten Produkte zu benutzen. Aber sie ist es leid: „Ich bin müde, meine Krankheit ständig erklären zu müssen.“

MCS drückt sie an den Rand der Gesellschaft. Den Mundschutz will sie am liebsten vermeiden: Er macht sie zusätzlich zur Außenseiterin. „Viele denken, dass ich eine ansteckende Krankheit habe.“ Ein weiteres Problem: Da sie auch eine – bei MCS häufig auftretende – Medikamentenunverträglichkeit entwickelt hat, kann sie nicht einfach zum Allgemeinmediziner oder Zahnarzt gehen. Sie ist auf Naturverfahren und Nahrungsergänzungsmittel angewiesen. Die Kosten dafür trägt die Krankenkasse nicht. Auch für Labor-, Arzt- und Behandlungskosten muss sie selber aufkommen. Dabei ist ihre finanzielle Lage schwierig. Lagler bezieht Berufsunfähigkeitsrente. Das Geld ist knapp.

Vergebliche Suche nach MCS-Spezialist

Aufgeben will sie dennoch nicht. Sie hat eine Selbsthilfegruppe für den Raum Rosenheim gegründet. Sie nimmt an Online-Kongressen teil und lernt immer mehr über ihre Krankheit. Im Internet trifft sie auf andere Betroffene. Sie tauschen Nummern aus, telefonieren viel. „Das Telefon fängt mich ein bisschen auf“, sagt sie.

Trotzdem hat Lagler Angst. Angst davor, nicht alt zu werden. Denn MCS führt oft zu weiteren schweren Erkrankungen. Anna Lagler ist müde. Ihr MCS-Spezialist hat altersbedingt seine Praxis geschlossen. Schon seit Monaten sucht sie nach einem Ersatz. Vergeblich. „Ich bin für jeden Hinweis dankbar.“

Für Betroffene:

MCS-Betroffene der Region sowie Menschen mit Elektrohypersensibilität können sich per E-Mail an MCS-Bayern@gmx.de wenden. Telefonischer Kontakt über die Selbsthilfekontaktstelle Rosenheim unter Telefon 08031/356280.

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