Das Ende der Bogensiedlung

von Redaktion

Das erste von zehn Häusern ist abgerissen – Rettung für Kunst am Bau in letzter Minute

Rosenheim – Das erste Haus der Bogensiedlung in Rosenheim ist Geschichte. Eine Abbruchzange hat das Gebäude mit der Nummer 1 abgetragen. Bis Ende Juni 2020 müssen alle zehn Wohnblöcke und drei Garagenanlagen verschwunden sein, dann baut hier die Technische Hochschule (TH) Rosenheim. Erinnern werden an die Siedlung aus den 1950er-Jahren eine Dokumentation in Buchform sowie eine Stele auf dem späteren Campus-Gelände. Und auch die Gipsabdrücke einiger Hausnummern, wie seit ein paar Tagen feststeht.

Den Anfang vom Ende der Bogensiedlung hat der Bagger innerhalb weniger Stunden vollendet. Geblieben sind Haufen sauber getrennter Baumaterialien. In den kommenden Tagen gehen die Abbrucharbeiten weiter. Als Nächstes wird die Hausnummer 27 dem Erdboden gleich gemacht. Dann verschwindet die 29. Ist alles abgebrochen und der Schutt beiseite geräumt, wird das Areal an die Immobilien Freistaat Bayern (IMBY) übergeben. Die TH Rosenheim will hier Werks- und Laborgebäude errichten.

Noch sind nicht alle

Mieter ausgezogen

Doch noch ist es nicht so weit. Noch haben die Arbeiter der Firma „Zosseder“ zu tun, müssen vor dem Abriss die Wohnungen leer räumen – wenn die Räume überhaupt frei sind. Denn in einigen der einst 220 Wohnungen, die der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GRWS gehören, leben nach wie vor Menschen. Tag für Tag können sie beobachten, wie das Leben aus der Siedlung verschwindet, begleitet von den Geräuschen des Abrisses. Etwa 1300 Menschen haben in den ersten Jahren nach dem Bau 1951/52 hier gelebt, in einfachen Wohnungen mit bis zu drei Zimmern. Heute sind es nur einige wenige, die noch ausharren. Auch ihnen hat die GRWS, nach eigener Aussage, das Angebot für einen Umzug in andere GRWS-Wohnungen gemacht. Noch sind nicht alle Mieter mit neuem Wohnraum versorgt. Dazu kommt: Nicht jeder, der hier wohnt, möchte weg. Viele Gespräche seien notwendig, man versuche, auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen, teilt die GRWS mit. Doch Vertrag ist Vertrag: Bis Sommer nächsten Jahres muss das letzte Haus, der letzte Ziegel verschwunden sein. Das Gelände soll sozusagen besenrein übergeben werden.

Was bleiben wird, ist ein Buch über die Geschichte der Siedlung und eine Stele, die die TH auf dem neuen Campus aufstellen soll. Beides geht zurück auf eine Initiative von Kunstliebhabern um den Rosenheimer ÖDP-Stadtrat Horst Halser. Zusammen mit der Kunsthistorikerin Dr. Evelyn Frick, dem Stadtheimatpfleger Karl Mair und dem Leiter des städtischen Museums, Walter Leicht, hatte sich Halser über Jahre bemüht, die „Kunst am Bau“ in der Siedlung zu retten. Wenigstens einige der Scraffiti und Hausnummern zu erhalten, die der Priener Künstler Markus von Gosen einst in den Putz eingearbeitet hatte. Und noch bis vor vier Wochen hatte es so ausgesehen, als sei dies ein vergebliches Unterfangen, die Rettungsaktion unmöglich (wir berichteten). Doch nun, praktisch in letzter Sekunde, haben die Mitglieder der Initiative eine Lösung gefunden, gemeinsam mit Andreas Hagen, dem Projektleiter der GRWS, und den Mitarbeitern der Firma „Zosseder“.

Einige Hausnummern

als Erinnerung

Von den Hausnummern 9, 15, 19, 27 und 29 werden Gipsabdrücke genommen. Zuständig dafür sind der Restaurator Bernhard Mayrhofer und seine Kollegen von der „Neubauer Restaurierungswerkstätten GmbH“ in Bad Endorf. Die Abdrücke können anschließend ins städtische Museum gebracht und dort aufgestellt werden. Die Kosten dafür liegen insgesamt bei rund 5000 Euro. Eine Summe, die, laut Halser, die GRWS aufbringen wird. Und ein Betrag, der deutlich günstiger ist, als die zunächst veranschlagten 3000 Euro pro Hausnummer, wenn sie im Original erhalten worden wären. Dazu kommt, dass die Gipsabdrücke mit zehn bis 20 Kilogramm Gewicht deutlich leichter sind als herausgeschnittene Originale mit einem Gewicht von bis zu 800 Kilogramm.

Ein glückliches Ende für die „Kunst am Bau“ – wenn auch nur in Teilen.. Denn vieles wird unwiederbringlich verschwinden. Darunter auch das Scraffito mit Motiven zu den Geschäften, die es dort, in der Ladenzeile der Siedlung, einmal gegeben hat. Stadtrat Horst Halser und seine Mitstreiter aber sind glücklich darüber, dass am Ende der Bogensiedlung wenigsten ein Anfang gemacht ist zur Erinnerung an die Häuser, die nur wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs gebaut worden waren, um Flüchtlingen und Displaced Persons ein neues Zuhause zu geben.

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