Vögel leiden unter Wohnungsnot

von Redaktion

Zwei Schwalbenbeauftragten klären Hausbesitzer auf – Nur noch 13 Nester in der Stadt

Rosenheim – Gerade einmal 13 bewohnte Schwalbennester gibt es in der Stadt. Aufgrund des knappen Nahrungsangebotes, der Versieglung innerörtlicher Flächen und der schwierigen Suche nach Nistmöglichkeiten verschwinden die Vögel nach und nach aus der Stadt. Ein Ehepaar aus Stephanskirchen will das verhindern.

Thomas Juretzky (50) und seine Frau Doris (54) kennen fast jedes Schwalbennest in der Stadt. Die beiden sind die Schwalbenbeauftragten der Kreisgruppe Rosenheim des Landesbundes für Vogelschutz (LBV). Seit sieben Jahren ist das Ehepaar regelmäßig unterwegs und kontrolliert die Nester in der Innenstadt. Eine Herzensangelegenheit, denn ein Rosenheim ohne ihre gefiederten Freunde können sich die Juretzkys nicht vorstellen.

Thomas Juretzky weiß, dass seine Arbeit nur „ein Tropfen auf den heißen Stein ist“. Ihm gehe es vor allem um die Aufklärung. Er sucht aktiv die Gespräche mit den Hausbesitzern, berät bei einer notwendigen Umsiedlung von Nestern wegen Renovierungsarbeiten und hilft bei der Anbringung von Kunstnestern und Kotbrettern. Außerdem veranstaltet er das „Urban Birding“ – Vogelbeobachtungen in der Stadt. In einem knapp zweistündigen Spaziergang werden die Teilnehmer auf die unterschiedlichen Probleme, mit denen es die Schwalben zu tun haben, aufmerksam gemacht. Und davon gibt es viele.

Schwalbenbestände gehen zurück

Schwalben sind Gebäudebrüter. Ist man auf einem Rundgang vom Max-Josefs-Platz über die Heilig-Geist-Straße bis zur Kaiserstraße mit offenen Augen unterwegs, fallen einem gleich mehrere Nester auf. Einige sind bewohnt, andere verlassen. Die meisten Nester sind auf Balken und Drähten aufgesetzt. Etwas weiter nistet eine Schwalbenfamilie sogar auf einem Scheinwerfer.

Die Hauseigentümer haben dafür nicht immer Verständnis. Der Grund: Die Vögel machen Dreck. Der Kot klebt am Boden und an der Fassade. Also beseitigen viele Besitzer – verbotenerweise – das Nest. Eine Katastrophe für die Vögel. Kehren die Schwalben nämlich aus ihren afrikanischen Winterquartieren zurück, suchen sie ihr Nest vom Vorjahr – oft ohne Erfolg. Jahr um Jahr gehen deshalb die Bestände der Rauchschwalben in Rosenheim zurück. Während es im vergangenen Jahr noch rund 30 Nester gab, sind heuer gerade einmal 13 Nester besetzt.

Mittlerweile stehen die Schwalben auf der „Roten Liste gefährdeter Brutvögel Bayerns“. Manche Hausbesitzer entfernen nicht nur das Nest, sondern bringen auch noch ein Gitter über die Stelle an, an der genistet wurde. „So etwas bricht mir das Herz“, sagt Doris Juretzky. In solchen extremen Fällen sucht das Ehepaar erst das Gespräch mit den Hausbesitzer. Bringt das nichts, schaltet er das Umweltamt ein. Denn: Schwalbennester stehen unter Naturschutz. Wer eine solche Brutgelegenheit entfernt, dem droht ein Bußgeld. Die Höhe werde je nach den genauen und überprüften Umständen festgelegt, heißt es im Bußgeldkatalog 2019.

Doch nicht jeder Hausbesitzer stört sich an den Schwalben.

Familie Kirner setzt sich für Vögel ein

Elisabeth und Manfred Kirner vom Gasthaus zum Stockhammer sind Schwalbenfreunde und selbst Mitglied im LBV. Vor vier Jahren nisteten die Schwalben zum ersten Mal hier auf dem Reklameschild über der Eingangstür. Als das Nest im Jahr darauf stark beschädigt wurde, ersetzte die Familie es durch ein Kunstnest. „Wir freuen uns jedes Mal, wenn wir die Tiere sehen“, sagt Elisabeth Kirner. Auch die Gäste erkundigen sich immer wieder nach dem Wohl der Schwalben.

Ein weiteres positives Beispiel: Die Hausbesitzer im Café schräg gegenüber warteten mit dem Umbau ihrer Fassade, bis die Vögel sich in den Winterurlaub verabschiedet hatten. An gleicher Stelle hängen jetzt zwei Kunstnester, von denen heuer eines besetzt ist. Die Juretzkys freuen sich über so viel Einsatz. Als absoluter Schwalbenfreund galt übrigens auch der erst kürzlich verstorbene Eisenwarenhändler Günter Förg. Er brachte zwei Kunstnester an, und stellte, gemeinsam mit den Mitarbeitern der Fischküche, einen Eimer mit Nistmaterial auf.

Eine wichtige Sache, weiß Thomas Juretzky. Denn die Schwalben finden in der Stadt kaum noch geeignetes Material zum Nestbau. Je mehr Flächen durch Bauprojekte versiegelt werde umso weniger Lehmpfützen finden die Schwalben. Aus den Pfützen holen sie sich Lehm, vermengen ihn mit ihrem Speichel und verwenden diese Masse in Form von Kügelchen für den Nestbau. Pro Nest werden so fast 1400 Lehmkügelchen gebraucht. Für die Schwalben ein Teufelskreis. Durch die illegale Entfernung ihrer Nester sind die Tiere oft auf einen „Neubau“ angewiesen, finden aber das dafür nötige Material nicht.

Auch das Insektensterben macht den Schwalben zu schaffen. Eine einzige Rauchschwalben-Familie vertilgt pro Saison von Mai bis September etwa 100000 Insekten. Geht die Zahl der Insekten zurück, droht den Vögeln der Hungertod.

Die Juretzkeys kennen diese Fakten. Sie wissen, dass sich etwas verändern muss, sonst gebe es in der Stadt bald keine Schwalben mehr. „Es ist noch ein weiter Weg“, sagt Thomas Juretzkey. Das größte Problem sei nach wie vor die Unwissenheit der Menschen. Und genau da will das Ehepaar ansetzen. Damit es in Zukunft mehr als 13 Schwalbennester in Rosenheim gibt.

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