Rosenheim – Eine Wohngemeinschaft ist nicht nur was für junge Leute. Ganz im Gegenteil. Seit zehn Jahren leben acht Senioren in der Rosenheimer Senioren-Hausgemeinschaft „Gloria“. Ein Hausbesuch.
Erika Späth fühlt sich wohl. Seit zehn Jahren lebt die 78-Jährige schon im Vorarlbergweg 4 in Rosenheim. Das dreigeschossige Haus mit dem großen Garten samt Hochbeeten und den großen Fenstern ist ihr ans Herz gewachsen. Die gesamten 464 Quadratmeter. Sie mag es hier. Ihre Wohnung liegt ganz oben links. Es gibt einen Fahrstuhl, trotzdem nimmt sie lieber die Treppe. Ihre Wohnung ist angenehm kühl. Es gibt alte Möbel, an den Wänden hängen Familienfotos. Sie hat ein Bad mit Wanne, eine Küche und einen Balkon mit Bergblick. Es fehlt ihr an nichts. Sie ist zufrieden, weiß, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat. Damals vor zehn Jahren.
Allein leben
ist keine Lösung
Nach dem Tod ihres Mannes verkaufte sie ihr Haus. Kinder hat sie keine, alleine leben kam für sie nicht in Frage. Als sie von dem Aufruf „Lieber gemeinsam statt einsam“ der ehemaligen Senioren-Beauftragten des Landkreises, Edda Gorzel, hört, sei sie sofort begeistert gewesen sagt sie heute.
Gemeinsam mit 200 anderen Senioren plante Späth damals das Konzept: Sie füllen Fragebögen aus, sammeln Ideen. Die Senioren treffen sich regelmäßig, überlegen, wie ein gemeinsames Zusammenleben aussehen könnte. Nach drei Jahren steht der Plan und am Ende der Planungsphase sind acht Mieter bereit für das Abenteuer „Senioren-Hausgemeinschaft“. Die Finanzierung und den Bau übernimmt die städtische Wohnbau- und Sanierungsgesellschaft GRWS in Rosenheim. Das Besondere: Die Senioren treffen sich einmal in der Woche mit der zuständigen Architektin, äußern ihre Wünsche, Ideen und Vorstellungen.
So entsteht innerhalb von einem Jahr ein Mehrfamilienhaus mit Mietwohnungen in guter Lage, ganz in der Nähe der Prinzregentenstraße. Die Einheiten sind zwischen 50 und 70 Quadratmeter groß. Jede Wohnung kann abgeschlossen werden. Es gibt keine Stufen und Schwellen, überall passen Rollstühle und Rollatoren durch. Türklinken und Steckdosen sind niedrig angebracht. Es gibt elektrische Türöffner, in jeder Wohnung ist eine Notruftaste installiert. Wird diese gedrückt, geht im Keller eine Sirene los. „Wir können genau sehen, aus welcher Wohnung der Notruf kam“, sagt Späth und fügt hinzu: „Das gibt uns Sicherheit und ein gutes Gefühl.“
Zehn Jahre später wohnen acht Menschen, im Alter von 76 bis 86 Jahren, in dem Haus am Vorarlbergweg. Späth teilt sich die oberste Etage mit dem Ehepaar Hofrath. Die drei kennen sich schon von Anfang an.
Gerlinde Hofrath (73) hat Parkinson, verbringt die meiste Zeit in einem Pflegeheim. An den Wochenenden, zu Feiertagen und besonderen Anlässen holt Dieter Hofrath (73) seine Frau zu sich. Die Wohnung ist gemütlich eingerichtet. Dieter Hofraths ganzer Stolz: seine Küche. Der 73-Jährige ist leidenschaftlicher Koch, backt für seine Frau fast jedes Wochenende einen Kuchen.
Eine Etage weiter unten gibt es drei Wohnungen, sie sind kleiner, dafür aber auch günstiger. Hier leben Maria Hentschel, Berta Reinhardt und Waltraud Maier (81). Reinhard ist mit 86 Jahren die Älteste in der Hausgemeinschaft.
Das Reich von Julia Worf (79) und Sieglinde Hoffmann befindet sich im Erdgeschoss. Hoffmann ist mit 76 die Jüngste im Haus. Von ihren Mitbewohnern wird sie liebevoll als „Baby“ bezeichnet. Hoffmann wohnt seit zehn Monaten im Haus, kündigte nach fast 50 Jahren ihre Wohnung und zog in die Hausgemeinschaft. Bereut hat sich ihre Entscheidung nicht. Sie sei gut aufgenommen worden, fühle sich seit der ersten Minute an „pudelwohl“.
Alter der Bewohner spielt große Rolle
Das Alter der Bewohner war von Anfang an ein wichtiges Einzugskriterium gewesen. „Wenn alle gleichaltrig sind, wird das Leben kompliziert“, sagt Dieter Hofrath. Er denkt an die Zukunft, will verhindern, dass alle Bewohner zur gleichen Zeit pflegebedürftig sind. Denn im Haus gibt es eine Regel, die besagt: „Hilfe ja, dauerhafte Pflege nein.“ Wer also auf zusätzliche Unterstützung angewiesen ist, muss sich einen Pflegedienst nehmen. Klare Regeln wie diese sollen das Zusammenleben vereinfachen.
Damit sich die Bewohner trotzdem umeinander keine Sorgen machen müssen, hat sich die Hausälteste, Berta Reinhard, etwas Besonderes einfallen lassen. Sind die Bewohner zu Hause, wird ein kleiner Bär mithilfe einer Paketschnur an der Tür befestigt. Bedeutet: Ich bin da, will aber meine Ruhe haben. Hängt der Bär nicht an der Tür, sind die Bewohner entweder nicht daheim, oder bereit, Besuch zu empfangen. Ein schwarzes Brett am Hauseingang verschafft Gewissheit. Hier tragen die Bewohner ein, wann sie wie lange nicht da sind. Momentan ist das Brett leer, alle Bewohner sind in ihren Wohnungen anzutreffen.
„Es kommt trotzdem vor, dass wir uns tagelang nicht sehen“, sagt Späth. Dieter Hofrath fügt hinzu: „Manchmal winken wir uns bloß zu.“ Den Bewohnern gefällt das. Damit sie sich trotzdem nicht ganz aus den Augen verlieren, gibt es ein Mal im Monat ein gemeinsames Frühstück im großen Gemeinschaftraum im Erdgeschoss. Und auch sonst sind die Senioren jederzeit bereit zu Unternehmungen. Egal ob das gemeinsame Wege zum Supermarkt sind oder es ein Grillabend im Garten ist. Manchmal besuchen sie sich einfach nur gegenseitig in ihren Wohnungen.
Das Konzept geht auf. Nach zehn Jahren ist Erika Späth immer noch begeistert von ihrer Hausgemeinschaft. Sie fühlt sich geborgen, hat neue Freundschaften geschlossen. Außerdem lebt sie unabhängig, weiß aber, dass sie jederzeit um Hilfe bitten kann.
Ein vergleichbares Wohnmodell für Senioren gibt es in Rosenheim bisher nicht. Und das obwohl in der Stadt rund 13000 Menschen leben, die über 60 Jahre alt sind. 6800 sind älter als 75 Jahre alt. Vielen Senioren seien von der Idee zwar begeistert, würden aber nicht selbst aktiv werden, sagt Hofrath.
Dieter Hofrath ist froh, dass sie einen Platz in der Hausgemeinschaft gefunden haben. „Wir hoffen, dass es die nächsten zehn Jahre so weitergehen kann“, sagt er. Ein Wunsch, dem sich seine Mitbewohner nur anschließen können.