Rosenheim – In Rosenheim gibt es immer mehr Bedürftige: Rund 3800 Bürger beziehen eine Grundsicherung, 46 bekommen Hilfe zum Lebensunterhalt. In anderen Worten: Sechs Prozent der Rosenheimer haben Probleme mit dem Geld über die Runden zu kommen. Der Vinzentiusverein hilft – mit Lebensmittelspenden und Einkaufsgutscheinen.
6 Uhr morgens im alten Pfarrhof von St. Nikolaus. In einem der drei Räume im Untergeschoss hat sich eine kleine Menschenschlange gebildet. Vera Nicholic (71) sitzt auf einem Sofa. In der rechten Hand hält sie eine leere Einkaufstüte. „Ich hatte viel Pech in meinem Leben“, sagt sie. Sie erzählt von ihrem verstorbenen Mann, von den schweren Migräneanfällen, die sie fast täglich quälen, davon, dass ihre Rente nicht zum Überleben reicht. Ihre Stimme ist leise. Seit sie Lebensmittel vom Vinzentiusverein bekommt, geht es ihr besser, sagt sie.
200 Bedürftige vom Verein unterstützt
Nicholic ist eine von knapp 200 Bedürftigen, die den Sozialdienst des Vereins in Anspruch nehmen. Zweimal im Monat steht sie um 5 Uhr auf und geht zum alten Pfarrhof – zur Lebensmittelausgabe. Die Bäckereien Bergmeister und Huber spenden Brot- und Backwaren, die Lebensmittel kommen von der Aktion „Rosenheimer helfen Rosenheimern“, die die Stadtteilkirche Rosenheim-Inn ins Leben gerufen hat.
Die Lebensmittel, die so zusammenkommen, werden in der Edeka-Filiale Maruhn in der Austraße und in der Rewe-City-Filiale in der Prinzregentenstraße gesammelt. In beiden Supermärkten steht an der Kasse ein Korb für Lebensmittelspenden. Ist der Korb voll, leert ihn Manfred Hellstern, der Zweite Vorsitzende des Vinzentiusvereins aus.
Er lädt Mehl, Milch und Nudeln in sein Auto und fährt die Lebensmittel zum Pfarrhof. Manchmal mehrmals in der Woche. Für ihn ist es eine Herzensangelegenheit. Unterstützung bekommt er von Annemarie Denavs, Ernst Kirchhoff und Roland Reich. Sie alle arbeiten ehrenamtlich.
Im alten Pfarrhof sind mittlerweile noch mehr Leute eingetroffen. Kirchhoff und Reich gleichen die Namen der Anwesenden mit denen auf der Liste ab. Nur wer eine Bescheinigung vom Sozialamt mitbringt oder von Wohlfahrtsverbänden vermittelt worden ist, darf Lebensmittel in Empfang nehmen.
Die Mehrzahl der Bürger, die das Angebot nutzen, sind über 60 Jahre alt und weiblich. Wie Vera Nicholic. Sie nennt ihren Namen, nachdem Kaiser sie auf der Liste gefunden hat, reicht er ihr einen Einkaufsgutschein. Die Bürger können zwischen Gutscheinen für Edeka, der Metzgerei Angerer oder der Bäckerei Huber wählen. Die Höhe unterscheidet sich – für Einzelpersonen gibt es zehn Euro, für Familien 25 Euro.
Nicholic entscheidet sich für einen Edeka-Gutschein. Nächste Station: Lebensmittelausgabe. In einem separaten Raum sind 17 Kisten aufgebaut. In jedem befinden sich verschiedene Produkte. Es gibt Nudeln, Mehl, Schokolade, Duschbad, Marmelade und vieles mehr. Hellstern erklärt die Regeln. Pro Kiste gibt es nur ein Teil. Ausnahme: Der Nudelkarton. Hier darf sich jeder drei Packungen nehmen. Mit den Regeln soll für Gerechtigkeit gesorgt werden – jedenfalls ein bisschen.
Kritisch beäugt Nicholic jedes Produkt und überlegt, was sie für die nächsten zwei Wochen gebrauchen könnte. Nach und nach füllt sich ihre Einkaufstüte. Als sie am Ende angekommen ist, strahlt sie übers ganze Gesicht und bedankt sich überschwänglich. Bevor es wieder nach Hause geht, heißt es aber Warten. In einer Stunde werden die Bäckereiprodukte angeliefert.
Also nimmt Nicholic wieder auf dem Sofa Platz. Etwas entfernt sitzt Johann Stöger. Der 77-jährige Rosenheimer kommt seit zwei Jahren regelmäßig zum alten Pfarrhof. Er freue sich vor allem auf das Gebäck. Stögers Rente reicht nicht aus, seine Frau ist gestorben und eine Familie, die ihn finanziell unterstützen kann, hat er nicht. Anfangs weigerte er sich, die Lebensmittelspenden vom Vinzentiusverein entgegenzunehmen – des Stolzes wegen.
Zusammenarbeit
mit dem Sozialamt
Andreas März, Vorsitzender des Vereines, kennt das Problem. „Zu Beginn hatten wir überwiegend ausländische Bürger. Die Hemmschwelle bei der heimischen Bevölkerung war einfach viel größer“, sagt er. Deshalb hat der Verein in Zusammenarbeit mit dem städtischen Sozialamt Bedürftige gezielt angeschrieben, um auf das Angebot aufmerksam zu machen. Dadurch hat die Anzahl der Einheimischen zugenommen, sagt März.
Die Stimmung im alten Pfarrhof ist gut. Viele kennen sich schon seit Jahren. Sie lachen, tauschen sich aus. „Wir haben einen netten Kreis von Leuten“, sagt Reich. Einer der Rentner verteilt Bonbons, ein anderer hat sich einen Besen geschnappt und fegt.
Endlich ist es soweit: Brot und Gebäck sind da. Ein angenehmer Geruch breitet sich in den Räumen aus. Es gibt Vollkornbrot, Semmeln, Croissants, Krapfen und allerhand anderes Gebäck. Dass die Waren vom Vortag sind, stört hier niemanden. Der Reihe nach greifen die Bedürftigen zu. Kirchhoff beobachtet das Geschehen. Ab und zu ermahnt er, wenn sich jemand zu viel nimmt.
Vera Nicholic entscheidet sich für ein Brot. Sie steckt es ein, nimmt ihre Lebensmitteltüte und geht nach Hause. In zwei Wochen ist sie wieder da.