Kolbermoor – Hätten Sie gewusst, dass es Kakteen gibt, die man essen kann? Dass eine Bananenblüte binnen eines Tages einen halben Meter wächst? Die Teilnehmer der ersten Themenradltour von VHS und „Stadtradeln“ in Kolbermoor (wir berichteten) wussten es nicht. Umso größer war das Interesse der elfköpfigen Gruppe am „Tropenhaus Weihenlinden“. Das war einer der drei Haltepunkte auf der Bauern-Tour. Die Tour, die vom Kolbermoorer Klimaschutzbeauftragten Martin Korndoerfer angeführt wurde, war der Auftakt zu vier Radausflügen, bei denen es um „Nachhaltigkeit“ geht.
Rund 44 Kilometer
radeln die Bürger
Vom Kolbermoorer Rathaus ging es zum Tropenhaus Weihenlinden, das aus Biogasen Strom erzeugt. Die Herausforderung: auch die Abwärme muss verwendet werden, damit sich das Ganze rechnet. Viele Betreiber nutzen sie zu Trocknungszwecken, etwa zur Entfeuchtung von Hackschnitzeln. Sebastian Pritzl, der Chef des Betriebes, wollte aber keine Nullachtfünfzehn-Lösung und kam so auf das Gewächshaus für tropische Früchte. Die werden dann an Geschäfte und Restaurants verkauft. „Dank des so gut wie nicht vorhandenen Transportweges haben die Früchte dann auch nur einen mini-ökologischen Fußabdruck.“
Seit vier Jahren gibt es das Gewächshaus, bald soll ein zweites gebaut werden, denn die Nachfrage steigt, so Pritzl. Samuel Ford, der Pritzl unterstützt, ist stolz darauf, „dass die Gewächse hinsichtlich Größe und Wohlgedeihen teilweise sogar die des Botanischen Gartens in München übertreffen“, sagt er. War das Tropenhaus Weihenlinden ein laufendes Projekt, konnte man bei einem anderen Haltepunkt einer Idee sozusagen beim Werden zuschauen, beim „Lebensgarten Barfuß“ in Vogl bei Großkarolinenfeld.
Ein Genuss:
Selbstgepresster Saft
Dass die Strecke von einem zum anderen Haltepunkt mit dem Fahrrad zurückgelegt wurde, lag auf der Hand: Wenn es um Nachhaltigkeit geht, gibt es kein anderes Fortbewegungsmittel, das hier mehr Punkte macht. Eine Einschätzung, die die meisten Teilnehmer, die mit ihren Rädern unterwegs waren, teilten. Fest im Sattel saßen auch E-Bike-Fahrer – einer davon war Hans Schaberl, Bürgermeister von Feldkirchen-Westerham. Schaberl ist vom E-Bike begeistert: „Diese Erfindung wertet das Alter ungeheuer auf.“ Denn beim Radfahren geht es nicht nur um Fortbewegung, es geht auch ums Erleben, das ganz anders ist, als das aus dem Auto heraus. Teilnehmerin Annette Kneissl sagte: „Man wohnt zwar hier und meint die Gegend zu kennen, aber ist doch immer wieder verblüfft, welch überraschende An- und Ausblicke sich bieten, sobald man die Hauptstraßen nur ein klein wenig verlassen hat.“
Der Wunsch, bewusst zu sehen und zu erleben, war auch der Grund, der Landwirtschaftsmeister Martin Solleder zum Lebensgarten-Projekt gebracht hatte. Er erzählte, dass am Anfang der Wunsch gestanden war, Gemüse und Obst nicht nur selbst zu ziehen, um es zu essen, sondern auch um das Wachsen zu erleben.
Zunächst musste er das Grundstück urbar machen. Drei Jahre dauerte es bis zur ersten Ernte. Diese Zeit möchte er nicht missen, „denn die Erfahrung, wie viel Arbeit darin steckt, verändert einen und gibt dem Begriff Nachhaltigkeit eine andere, tiefere Bedeutung.“
Aus diesem Erlebnis erwuchs das Projekt „Lebensgarten Barfuß“, der Versuch durch einen Zusammenschluss von mehreren Leuten, die sich teils durch Arbeit, teils finanziell einbringen, auch eine größere Fläche bewirtschaften zu können, die am Ende vielleicht sogar mehr produziert, als selbst verbraucht wird.
Weiter ging es danach nach Vagen zur Obstpresse des Obst- und Gartenbauvereins. Betreut wird die Anlage von Klaus Anderl. Er und seine Kollegen pressen auch kleine Mengen – im Kilobereich. So kommt jeder, der auch nur ein kleines Spalier hat, in den Genuss, eigenen Saft zu trinken. Begeistert ist Anderl aber nicht nur vom Apfelsaft, sondern auch von den Themenradltouren: „Man kann über das Thema Nachhaltigkeit und Regionalität viel schreiben, aber das hilft alles wenig.“ Und weiter: „Wenn einem aber jemand das Erlebte erzählt, dann fällt einem das Verstehen viel leichter. Drum, bittschön, erzählt weiter, was ihr heut erfahren habt.“ Sein Wunsch wird in Erfüllung gehen.