Rudl Endriß
Rosenheim – Ein monumentales Steintor steht seit Mai dieses Jahres auf dem Grünstreifen an der Rathausstraße vor dem linken Kopfbau des Lokschuppens. In seiner Archaik erinnert die Komposition aus vier stehenden Steinblöcken und einem fünften liegenden, der das Dach bildet, an Megalithbauten der Jungsteinzeit, wie sie von Skandinavien bis Malta in vorgeschichtlicher Zeit errichtet wurden. Geschaffen hat diese beeindruckende Granitskulptur Rudl Endriß, der seinem Werk auch den entsprechenden Namen „Dolmen“ gab. Doch wir haben hier keinen „Tisch“, was „Dolmen“ übersetzt bedeutet, und auch keine Grabkammer für eine Persönlichkeit. Die Idee dazu entstand anders.
Fasziniert von
einem Granitblock
Mitte der 1990er-Jahre entdeckte Rudl Endriß auf dem Gelände der Firma Franke Naturstein in Rott am Inn einen riesigen, zehn Tonnen schweren Granitblock, und kaufte ihn. Der Künstler war fasziniert von der Mächtigkeit und der Struktur des Steines. Besonders die grobe, raue Oberfläche und die halbrunden, waagrechten Vertiefungen, die noch vom Bohrgestänge zeugen, mit denen der Block im Steinbruch aus dem Granitmassiv gesprengt wurde, regten die gestalterische Fantasie des Bildhauers an. Doch wie konnte daraus ein Kunstwerk werden, das die Charaktereigenschaften des Steinblocks beibehielt, ja sogar noch betonte und auf eine geistige Ebene hob? Keine einfache Frage, und so dauerte die künstlerische Umsetzung auch einige Zeit. Als Rudl Endriß dann 2002 in einer schlaflosen Nacht im Bett lag, erschien die Lösung plötzlich vor ihm. Genau, das war es.
Peter Franke, mit dem der Künstler schon seit Jahren zusammenarbeitet, übernahm die Steinbearbeitung und sägte den Block nach den gewünschten Vorgaben. Unten schnitt der Steinmetz eine dünne Scheibe ab, um eine ebene Standfläche zu erhalten. Oben wurde der Kopf abgeschnitten, der dann als Dach wieder aufgelegt wurde. Der Hauptblock wurde anschließend über Kreuz in vier gleichmäßige Stücke zerteilt. Handlich waren die fünf Einzelblöcke nicht, jeder der vier stehenden Monolithe wiegt nicht ganz 2200 Kilogramm. Aber leicht genug, dass Rudl Endriß sie später mit seinem Gabelstapler herumfahren konnte.
Dann polierte Peter Franke die Innenseiten der stehenden Blöcke. Dadurch kommt die Struktur des grobkörnigen Granits besonders gut zum Vorschein und es ergibt sich ein starker Kontrast mit den bruchrauen Außenseiten. Es ist dieser Gegensatz, der den Bildhauer oftmals bei seinen Steinarbeiten reizt, und der auch hier einen besonderen Akzent setzt.
Blickfang
vor dem Lokschuppen
Seit 2002 stand das Kunstwerk nun im Gewerbegebiet von Söchtenau vor der Firma Zacherl. Um einen Impuls für die von der Stadt Rosenheim geplante Kunstmeile an der Rathausstraße zu geben, bot Rudl Endriß den Dolmen der Stadt kostenlos als Leihgabe an. Auch den Transport und die Aufstellung sollten zu seinen Kosten gehen, ebenso die noch eigens dafür angefertigten Metallplatten, die der Steinskulptur eine solide Standfläche bieten. Nach einigen Einwänden stimmte der Stadtrat zu. Am 18. Mai war es soweit. Die Gartenbaufirma Walther von Dobschütz lieferte die Steinblöcke an und stellte sie unter den strengen Augen von Rudl Endriß punktgenau auf. Den Platz hatten der Künstler, Kulturreferent Robert Berberich und Baudezernent Helmut Cybulska klug ausgewählt. Die hohen Bäume und das Grün der Umgebung geben dem Dolmen etwas Mystisches, Ewiges. In einer Selbstverständlichkeit steht er da, als ob er schon immer hier gestanden hätte. Im Gesamtwerk von Rudl Endriß ist diese Skulptur ein Solitär, Vergleichbares gibt es nicht. Es war genau dieser Granitblock, der den gestalterischen Ausschlag gab.
Nach dem derzeitigen Konzept der Kulturmeile soll das Kunstwerk nur bis September stehen bleiben. Viel zu kurz und eigentlich traurig, wenn der Dolmen wieder weg muss. Rudl Endriß könnte sich einen längeren Verbleib durchaus vorstellen.