Rosenheim – In der Rosenheimer Finsterwalderstraße geht eine Ära zu Ende: Die ehrenamtliche Radlwerkstatt macht zu. Nach acht Jahren verabschiedet sich der Leiter, Johann Peschke (70), in den Ruhestand.
Boxen mit Dynamos und Reflektoren
Kaputte Bremsen, defekte Lichtanlagen und platte Reifen: Johann Peschke hat für jedes Rad-Problem eine Lösung. In seiner kleinen Werkstatt an der Finsterwalderstraße bastelte der Rentner jeden Dienstag an den Rädern der Rosenheimer. Je kniffliger das Problem umso besser. An einer Wand hängen Schraubenzieher in allen Formen und Größen. In den Schränken gibt es Boxen gefüllt mit Dynamos und Reflektoren. Rechts am Eingang pappt eine Pinnwand mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln.
Fünfminütige Bremsenreparatur
In der Mitte des Raums stehen zwei Fahrradhalter. In einen hat der Rentner ein blaues Rad gespannt. Er kontrolliert den Reifendruck, ölt die Kette. Mit dem Schraubenzieher macht er sich an der Vorderbremse zu schaffen. Ein Kinderspiel für den Rentner. Er schraubt, schiebt seine Brille nach oben, um besser sehen zu können. Mit zittrigen Händen setzt er die Mutter auf die Schraube, zieht die Schläuche fest. Zufrieden nickt er, dreht das Vorderrad mit der linken Hand und bremst mit der rechten. Problem gelöst. Die Bremse ist repariert – in weniger als fünf Minuten.
Es müssen Hunderte von Bremsen gewesen sein, die er in den vergangenen acht Jahren repariert hat. Er zählt nicht mit. Spaß hat er trotzdem. Schon als kleiner Bub schraubte er mit seinem Vater an Rädern. Was ihm sein Vater damals nicht beigebracht hatte, eignete sich Peschke selbst an. Über die Jahre entsteht so der Traum, sein Wissen auch an Kinder, Jugendliche und Erwachsene weiterzugeben.
Also eröffnete der Vorsitzende des Stadtteilvereins „Bunte Finsterwalderstraße“ im Jahr 2011 die ehrenamtliche Fahrradwerkstatt an der Finsterwalderstraße. Erst arbeitet er in zwei Garagen, später im Untergeschoss des Gebäudes in der Finsterwalderstraße 74. Das Prinzip bleibt über die Jahre das gleiche: Schrottreife Räder wieder verkehrstüchtig machen und Einzelteile alter Räder wiederverwenden. Für die Aktion zeichnete die Stadt Rosenheim den Verein vor sechs Jahren mit dem Umweltpreis aus.
Das Ziel sei es von Anfang an gewesen, die Kosten so gering wie möglich zu halten, sagt Peschke. Sowohl in der Einrichtung, als auch bei der Reparatur der Räder. Denn: Das Angebot ist kostenlos. Wer will, kann nach der Reparatur Geld in ein rotes Sparschwein werfen. Mit den Spenden bezahlt Peschke die Nebenkosten. Miete muss er keine bezahlen.
Viele Überstunden, wenig Ehrenamtliche
Nach und nach macht sich die Fahrradwerkstatt in Rosenheim einen Namen. Jeden Dienstag bildet sich vor der Werkstatt eine Schlange. Mütter, Kinder und Jugendliche schieben ihre Räder zur Werkstatt und warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Peschke hat alle Hände voll zu tun. Er beginnt seinen Arbeitstag um 14 Uhr. Pausen macht er selten. Schluss ist eigentlich um 18 Uhr. Meistens wird es später. Unterstützung bekommt er von zwei Ehrenamtlichen, die meiste Zeit aber ist er allein. Immer wieder muss er auch an anderen Tagen ausrücken, um Ersatzteilspenden entgegenzunehmen.
Johann Peschke liebt seine Arbeit. Er mag es mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Mit den Ehrenamtlichen ist er geduldig. Er erklärt alles Schritt für Schritt, beobachtet jeden Handgriff ganz genau. „Eigentlich wollte ich den Jugendlichen auch erklären, wie sie ihre Räder selbst reparieren können“, sagt er. Das Problem: Das Interesse sei einfach nicht da. Peschke ärgert das. Vielleicht auch deshalb, weil er aus einer Zeit kommt, in der das Rad ein „Wertgegenstand“ war. „Heute stehen die Räder überall rum und niemand interessiert sich mehr dafür. Früher war das anders.“
Er selbst fährt leidenschaftlich gerne Rad. Unternimmt Ausflüge entlang des Mangfallkanals oder in den Klepperpark zum Kaffeeklatsch mit Freunden. Er fährt ein altes Oldtimer-Rad, ohne Gangschaltung. „Das ist einfach und stabil“, sagt er. Falls doch mal was kaputt geht, kümmert er sich selbst darum.
Doch in letzter Zeit musste der 70-Jährige einen Gang zurückschalten. Der Gesundheit wegen. „Mein Knie spielt nicht mehr so mit, wie ich will“, sagt er. Nach langem Überlegen, hat er jetzt beschlossen, seine Arbeit als Leiter der Fahrradwerkstatt niederzulegen. Über ein Jahr suchte er nach jemanden, der seine Aufgabe übernehmen kann. Vergeblich. „Ich habe mir das alles anders vorgestellt, ich habe mir wirklich sehr gewünscht, dass sich jemand findet“, sagt er. Trotzdem steht seine Entscheidung fest und damit auch das Ende der Fahrradwerkstatt.
Doch es gibt auch gute Nachrichten. Die Freiwilligenagentur Rosenheim will die Werkstatt übernehmen. Ein genaues Konzept gibt es bislang nicht, es soll erst im Herbst erarbeitet werden, sagt Christian Hlatky. Ob und inwieweit sich die Werkstatt dann von der jetzigen unterscheidet, wird sich zeigen.
Unterwegs in einen
neuen Abschnitt
Peschke jedenfalls freut das. Und er verspricht schon jetzt: „Wenn es wieder eine offene Werkstatt wird, komme ich auf jeden Fall ab und zu vorbei. Ich bin nicht aus der Welt.“ Aber er freue sich auch auf das Kapitel nach der Fahrradwerkstatt. Er will sich ausruhen, mehr lesen, das schöne Wetter genießen. Langeweile komme bei ihm nicht auf. Kurz denkt er nach. „Ich hoffe natürlich, dass ich ein bisschen vermisst werde.“
Eine Sorge, die ihm Mario Stürzl, Vorsitzender des ADFC Rosenheims, sofort nehmen kann. „Natürlich werden wir ihn vermissen. Er war immer engagiert und zuverlässig, hat nie verzagt. Er war bescheiden, hat sich nie in den Vordergrund gestellt. Johann Peschke hat sich stets selbstlos für eine bessere Mobilität von Menschen mit einem kleinen Geldbeutel eingesetzt.“ Worte, die den 70-Jährigen nicht besser hätten beschreiben können.