„Ich bin kein Museumswärter“

von Redaktion

Pfarrer Rainer Maria Schießler sprach vor rund 500 Zuhörern im Künstlerhof

Rosenheim – Schwindende Mitgliederzahlen. Leere Kirchenbänke. Nicht bei dem Münchner Pfarrer Rainer Maria Schießler. Seine Gemeinde wächst. Mit seinen Predigen und Vorträgen füllt er Kirchen und Säle. Wie er das schafft, erzählte er bei seinem Vortrag im Saal des Künstlerhofs.

Rainer Maria Schießler ist der wohl bekannteste Gottesmann Bayerns. Er pflegt seinen ganz eigenen Stil: Fährt leidenschaftlich gerne Motorrad, segnet Tiere und Bobby-Cars. Sieben Jahre bediente er sogar im Schottenhamelzelt auf dem Oktoberfest. Nebenbei schreibt er auch noch Bücher, betätigt sich als Schauspieler und ist gerngesehener Gast bei Talkrunden in Fernsehen. Kein Wunder, dass er schon als „Kirchenstar“ betitelt wird.

Tatsächlich hat der 58-jährige Geistliche jede Menge Fans – vor allem weibliche, wie sich bei seinem Auftritt in Rosenheim zeigte. Die Kolpingsfamilie lud ihn zusammen mit einigen befreundeten Organisationen ein. Dass der Vortrag zum Thema „Kirche im Umbruch“ auf breite Resonanz stoßen wird, war ihnen bereits im Vorfeld klar, aber mit einem derartigen Ansturm rechneten sie dann doch nicht.

Rund 500 Besucher saßen schließlich trotz hoher Temperaturen dicht gedrängt im Haupt- und Nebensaal. Kaum betrat Schießler den Raum, brandete begeisterter Applaus auf. Moderator Nico Foltin kam mit seiner Vorrede nicht weit – einige der Besucherinnen forderten ihn höflich, aber bestimmt dazu auf, schnell wieder die Sicht auf den Pfarrer frei zu geben.

Für Rainer Maria Schießler war sein Auftritt in Rosenheim ein „Heimspiel“. Von 1987 bis 1991 war er Kaplan in der Pfarrei St. Nikolaus. Daran erinnerte auch Bürgermeister Anton Heindl in seiner kurzen Rede. „Das muss für Sie ein besonderes Erlebnis sein“, meinte er.

Rosenheim ist tatsächlich Schießlers „große Liebe“, wie er immer wieder gerne erzählt. „Ein Mensch kann sich nur einmal im Leben richtig verlieben, entweder in einen anderen Menschen oder wie in meinem Fall in eine Pfarrei“, meint er. Seit 1993 leitet er als Stadtpfarrer die Kirche St. Maximilian zu München. Seit 2011 ist er außerdem für die Heilig-Geist-Kirche am Viktualienmarkt zuständig. Trotzdem: „Die Liebe zu Rosenheim ist geblieben“.

Aktuell wird viel geschimpft auf die Kirchen, die Mitglieder laufen scharenweise davon. Pfarrer Schießler wundert es nicht: „Das ist schon seit zehn Jahren so. Seit dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals. Bis heute warten wir auf eine offizielle Stellungnahme von oben“.

Der Kirche heute mangle es prophetischen Gestalten. „Wir verwalten nur noch den Ausschuss“, und zur „Ausschussware“ zählt er auch sich selbst: „Im Alter von 58 Jahren befinde ich mich auch schon auf dem Anflug zur Landebahn“.

Um Kirche fit für die Zukunft zu machen, braucht es nach Ansicht von Schießler vor allem Begeisterungsfähigkeit. Dabei geht es seiner Ansicht nach gar nicht darum, Kirchen zu füllen. „Das ist ist nicht meine Aufgabe“, betont er. Wesentlich wichtiger sei, Menschen mit Christus in Verbindung zu bringen: „Es geht um das Evangelium“.

Nicht nur ein Programm abspielen

Überhaupt nicht verstehen kann es der Münchner Pfarrer, wenn Kollegen irgendwann in ihrem Berufsleben nur noch ein Programm abspulen. „Es kann nicht sein, dass ein Pfarrer zum dritten Mal die gleiche Predigt bei einer Firmung bringt“, betont Schießler. Ein Pfarrer müsse jedes Mal, wenn er in der Kirche steht, „abliefern“: „So wie ein Pilot. Der kann auch nicht sagen, ich finde jetzt die Schalter zum Reifen ausfahren gerade nicht.“

Um Menschen für den Glauben zu begeistern, greift der Münchner Pfarrer gerne auch zu ungewöhnlichen Mitteln. Im vergangenen Jahr feierte er beispielsweise eine „Bergmesse“ auf dem Hochausdach des Werks 3 am Ostbahnhof. Ein Riesenerfolg. Für Schießler steht fest, die Kirche muss endlich den Mut aufbringen, neue Wege zu gehen: „Ich bin kein Museumswärter.“

Außerdem müsse auch der Bürokratismus deutlich abgebaut werden. „Ein Pfarrbüro ist kein Polizeikommissariat“, so Schießler.

Der Münchner Pfarrer ist sich sicher, vieles wird bei der Kirche auf den Prüfstand gestellt werden, dazu gehört auch die Kirchensteuer. Vieles wird man neu ausrichten müssen. Seine persönliche Empfehlung: „Fröhlich loslassen und neue Wege gehen.“

Artikel 1 von 11