Rosenheim – Heftige Streitereien, häusliche Gewalt, Mord: Brigitte Steiner hat in ihrer Zeit als Leiterin des Rosenheimer Frauenhauses einiges erlebt. Nach 15 Jahren verabschiedet sich die 65-Jährige in den Ruhestand. Nachfolgerin ist Marita Koralewski.
Brigitte Steiner freut sich auf eine neue Zeit, die nun für sie anbricht. Eine Zeit ohne Arbeit, ohne das Rund-um-die-Uhr-erreichbarsein, ohne die „unglaublich große Verantwortung“, die seit 15 Jahren auf ihren Schultern liegt. Sie freut sich auf ein Leben nach dem Frauenhaus, will sich mit den „schönen Dingen des Lebens beschäftigen“.
Mit der Entscheidung aufzuhören, spielte Steiner schon eine ganze Weile. Doch es sei schwierig gewesen, eine Nachbesetzung zu finden, auch weil die Einarbeitungszeit fast zwei Jahre dauert. Sie selbst sei damals eher zufällig auf die Stelle gestoßen.
Die positiven Momente überwiegen
15 Jahre später hat sie für jedes Problem eine Lösung und wird mit jeder Situation fertig. Jetzt gibt sie ihr Wissen an ihre Nachfolgerin Marita Koralewski weiter. Seit Juli arbeiten die beiden Frauen zusammen. Steiner hilft stundenweise, ist rund um die Uhr als „Telefonjoker“ erreichbar. Und doch: Nach und nach neigt sich ihre Zeit dem Ende zu. Es bleiben viele Erinnerungen – traurige, aber auch schöne. „Die positiven Momente überwiegen“, sagt sie.
Aber Steiner macht auch kein Geheimnis daraus, dass die Situation im Rosenheimer Frauenhaus nach wie vor schwierig ist. Die Einrichtung unter der Trägerschaft des Sozialdienstes katholischer Frauen Südost-Bayern sei schon seit vielen Jahren auf Spenden angewiesen. Das Geld für schnelle Hilfe ist knapp, der Personalschlüssel passt seit Jahren nicht mehr zum Bedarf. Steiner weiß das. Auch weil die Situation vor zehn Jahren eine andere war.
Damals lebten pro Jahr mehr als 70 Frauen im Haus, jetzt sind es im Schnitt gerade einmal 30. Der Grund: die Wohnungsnot in Rosenheim. Nur auf den ersten Blick eine positive Entwicklung. In Wahrheit aber steht sie nicht dafür, dass weniger Frauen Unterstützung vom Frauenhaus brauchen als früher. Vielmehr wohnen die Frauen länger in den Räumen des Frauenhauses.
Hintergrund dafür ist eine Regelung, die besagt, dass aufgenommene Frauen nicht länger als drei Monate im Frauenhaus bleiben sollen. „Nicht realistisch“, findet Steiner. Zum einen, weil die Zeit zu kurz für die Beratung sei, zum anderen, weil es nur den wenigsten Frauen in dieser Zeit gelinge, eine neue Bleibe zu finden. „Wenn wir konsequent wären, müssten wir die Frauen in die Obdachlosigkeit entlassen“, sagt Steiner. Eine Lösung, die für die Leiterin nicht in Frage kommt, die aber auch Konsequenzen mit sich zieht. Die Frauen blockieren die Wohnungen, für diejenigen, die sie dringender brauchen. Ein Teufelskreis, denn es gibt lediglich acht Plätze für Frauen und 16 für Kinder. Nicht viel für eine Einrichtung mit einem Einzugsgebiet von Wasserburg bis nach Traunstein.
Und das, obwohl bestimmte Frauen grundsätzlich nicht aufgenommen werden. Frauen mit einer Behinderung zum Beispiel, weil das Haus nicht barrierefrei gestaltet ist. Psychisch Kranke erhalten keinen Platz, weil die notwendige Betreuung nicht zugesichert werden kann. Auch Frauen mit älteren Söhnen stehen, wie in fast allen Frauenhäusern, vor verschlossenen Türen.
Momentan sind in dem Frauenhaus alle Plätze belegt. Die Bewohner sind Frauen „jedes Alters und jeder sozialen Schicht“. Es gibt die 18-Jährige, die von ihrem Ex gestalkt worden ist und eine 78-Jährige, die aus einer gewalttätigen Ehe geflüchtet ist.
Die Frauen leben zusammen in einer Art Wohngemeinschaft. Einige haben Kinder, andere sind alleine. Jede hat ihr eigenes Zimmer, es gibt drei Küchen und zahlreiche Gemeinschaftsbäder. Ein Hausmeister schaut nach dem Rechten. Eine Hauswirtschafterin kümmert sich um die Einrichtung, sodass sich die Frauen von der ersten Minute an wohl und geborgen fühlen können. Es gibt einen Kinderbereich, in dem nicht nur gemalt und gequasselt wird, sondern auch „wichtige, pädagogische Arbeit“ geleistet wird.
Die Frauen versorgen sich selbst, jede putzt, kocht. „Wir wollen einfach, dass das Leben so normal wie möglich verläuft“, sagt Steiner. Auch wenn das unter den gegeben Umständen nicht immer möglich sei.
Für mehr Sicherheit bleibt Adresse geheim
Damit die Sicherheit der Frauen gewährleistet ist, bleibt die Adresse des Frauenhauses geheim. Außerdem gibt es Regeln, an die sich die Bewohnerinnen halten müssen. So darf beispielsweise kein Besuch empfangen werden und niemand in die Nähe des Hauses gebracht werden. Schnell verlieren die Frauen dadurch den Kontakt zu Freunden und Familie. Einen Verlust, den viele in Kauf nehmen, denn die Alternative wäre ein Leben in Angst und Gewalt.
Doch es gibt auch Frauen, die nicht bereit sind, aus der häuslichen und sexualisierten Gewalt zu flüchten. Sie spüren eine enge Bindung zur Familie. Sie lieben ihre Kinder und ihren Mann, der sie zwar misshandelt, aber immer wieder verspricht, es werde bestimmt nicht noch einmal vorkommen. „Es ist ein schwerer Schritt, aus der Ehe auszubrechen. Außerdem schämen sich viele Frauen, wollen nicht zugeben, dass sie von ihrem Mann geschlagen werden“, sagt Steiner. In ihrer 15-jährigen Tätigkeit als Leiterin hat sich an diesem Schema nichts geändert.
Melden sich die Frauen im Frauenhaus, suchen Steiner und ihre Kollegen das persönliche Gespräch. Sie wollen Bewusstsein schaffen, wie stark die Frauen gefährdet sind. Hat der Mann beispielsweise eine Waffe oder schlägt er die Kinder, muss den Frauen klar gemacht werden, dass die Beziehung keine Zukunft hat. Trotzdem sei es wichtig, die Frauen nicht zu drängen.
Und nicht immer sei das Frauenhaus die beste Lösung. Oft gibt es auch Alternativen. So kann die Frau in manchen Fällen bei Familie und Freunden untergebracht werden. Sind die Frauen nicht in Gefahr, werden sie dabei unterstützt, für sich und ihren Mann einen Termin bei der Eheberatung auszumachen.
Brigitte Steiner hat viel erlebt. 626 Frauen und 764 Kinder haben in ihrer Zeit das Frauenhaus durchlaufen. Mit einigen steht sie immer noch in Kontakt, sie schicken ihr Päckchen zu Weihnachten, rufen ab und zu mal an. Es sind die „positiven Momente“ von denen die Leiterin immer wieder spricht. Aber Steiner weiß auch, dass nicht alle Frauen so viel Glück gehabt haben.
Wohnungsmarkt
muss sich verändern
Viele sind zu ihrem Mann zurückgekehrt. Ein Fall verfolgt Steiner bis heute: „Eine Frau aus Hessen ist zu uns gekommen, weil ihr Mann sehr gewalttätig war. Nach einem halben Jahr ist sie zu ihm zurückgekehrt und er hat sie umgebracht.“
Wieder andere Frauen haben gar nicht erst den Kontakt zum Frauenhaus aufgenommen. Um auch diesen Frauen zu helfen, muss sich einiges ändern. Steiner hofft auf noch mehr Öffentlichkeitsarbeit. Es sollen zusätzliche Wohn-Plätze außerhalb des Frauenhauses entstehen. Auch der Wohnungsmarkt muss sich zum Positiven entwickeln, damit die Plätze im Frauenhaus nicht länger für die blockiert werden, die akut in Gefahr sind.
Es gibt noch viel zu tun. Aber nicht für Brigitte Steiner. Sie hat ihren Teil getan, hat das Leben von etlichen Frauen besser gemacht. Jetzt gibt sie die Verantwortung ab und beginnt ein neues Kapitel. Das Kapitel nach dem Frauenhaus.