Rosenheim – Kunst liegt im Auge des Betrachters, sagt man. Er kann interpretieren, und was dem einen gefällt, kann der andere ablehnen. Spannend ist, was sich die Künstler bei ihren Arbeiten gedacht haben. Wer sie selbst sind, was sie antreibt. Wer zum Beispiel steckt hinter der Uhr auf zwei Skaterrollen, die einmal auf dem Südtiroler Platz in Rosenheim stehen soll?
Bewegung dank
langer Skaterbeine
Mit ihrer Arbeit „Los geht‘s“ hat die Künstlergruppe „Inges Idee“ den Künstlerwettbewerb für den Südtiroler Platz für sich entschieden. Die Jury sprach sich für das Objekt aus, das eine Bahnhofsuhr darstellt, die mit schwarz-weiß gestreiften Beinen auf breiten Skaterrollen Richtung Innenstadt losfährt. Die Skulptur will die Bewegung versinnbildlichen, mit der jedermann einen Bahnhof in Verbindung bringt. Die Uhr mit einem Durchmesser von 1,70 Meter hat keinen normalen Zeiger, „sondern nur einen herausstehenden Sekundenzeiger, wie bei einer Sonnenuhr, aber ohne Zeitmessung“, schreibt die Stadt. Das Uhrengehäuse ist mit einem Motor versehen. Er sorgt dafür, dass sich das Ziffernblatt hin und wieder mit und entgegen dem Uhrzeigersinn drehen lässt. Das Objekt entbehrt jeglich gängiger Nutzung. Es ist losgelöst von jedem Nutzen.
„Los geht’s“ ist die Arbeit von „Inges Idee“ aus Berlin. Ein irreführender Name. Denn es handelt sich weder um eine Frau, noch um eine Einzelperson. Hinter „Inges Idee“ stehen vier Männer: Hans Hemmert, Axel Lieber, Thomas A. Schmidt und Georg Zey. Drei Bildhauer und ein Maler, die seit 27 Jahren Kunst für den öffentlichen Raum machen. Manches entsteht in Einzelarbeit, anderes in der Gruppe. So auch das „Los geht’s“. Es sei ein „anarchistisches Objekt“, sagt Georg Zey.
Anarchistisch? Dazu passt, dass sich „Inges Idee“ als „künstlerisches Kollektiv im öffentlichen Raum“ versteht. Der wiederum gilt den Berlinern als Fläche, die untersucht werden muss, deren spezifische Merkmale herausgearbeitet und dann in Kunst umgewandelt werden müssen. „Um einen Ort richtig zu begreifen, bedarf es einer Untersuchung seiner räumlichen, sozialen und historischen Gegebenheiten“, schreiben die Künstler auf ihrer Homepage. In der Praxis bedeutet das: Die Kreativen haben sich das Areal in Rosenheim angesehen, auf dem ihr „Los geht’s“ stehen soll. Haben die Spezifika des Bahnhofs und vor allem seiner Nutzer erarbeitet, ebenso wie die der Verbindung in die Innenstadt. Auch die Höhe des Objekts, mit sechs Metern unübersehbar hoch, lässt sich mit den Gegebenheiten der Örtlichkeit erklären: Es gibt nicht viel Platz und doch soll sich die Kunst Raum schaffen, um nicht übersehen zu werden in all der Vielfalt und Hektik eines Bahnhofs.
Kunst, das ist für „Inges Idee“ nicht nur das bloße Schaffen eines Objekts. Kunst im öffentlichen Raum müsse mehr können, finden die vier Männer.
Sie müsse die Menschen direkt erreichen. „Im Idealfall gelingt es uns außerdem, die Menschen zu bereichern“, sagt Georg Zey. Für die Rosenheimer Jury ein wichtiges Argument bei der Bewertung. Das Objekt erzeuge „eine positive Aufbruchsstimmung“ und schaffe „einen humorvollen Beitrag zu Eile, Bewegung und Stress“, heißt es im Sachvortrag.
Objekte – überall
auf der Welt
Zu „Los geht’s“ gibt es im Übrigen ein Pendant: Es heißt „Auf geht’s“ und steht seit dem Jahr 2017 auf einem Schulgelände in München. Die zwölf Meter hohe Figur soll auch an diesem Standort eine Verbindung schaffen, von dem Schulgelände hinein in den öffentlichen Raum.
Abgesehen von München, finden sich Objekte von „Inges Idee“ in Mainz, Oberhausen, Bayreuth, aber auch in Calgary, Toronto, Singapur, Paris … beinahe überall auf der Welt. Äußert renommierte Künstler also stecken hinter „Inges Idee“. Vier Männer, alle in den 50ern, denen irgendwie über die Jahre eine weibliche Muse fehlt, wie Georg Zey sagt. Daher habe man sich entschieden, wenigstens eine Frau im Namen zu tragen. Und nein, eine tatsächliche Inge im Umfeld der vier gebe es auch nicht.
Ein Künstler aus der Region ist Christian Heß. Der gebürtige Nürnberger (46) lebt und arbeitet in Ullerting am Simssee. Auch er hat an dem Kunstwettbewerb teilgenommen. Seine Arbeit hat die Jury nicht ganz überzeugt. Aber doch so sehr, dass sie dem Stadtrat als „engere Wahl“ empfohlen ist – allerdings nur, wenn Heß sie überarbeitet. Zu sehen sein könnte sie dann als Fassaden-Schmuck am Fahrradparkhaus, das derzeit gebaut wird. Die Idee des Künstlers: Alle vier Seiten des Gebäudes erhalten bunte Silikonringe, die in die abgerundeten Langlochbleche, die die Fassade bilden sollen, eingehängt werden.
Abertausende Pixel
ergeben ein Bild
Diese Ringe stellt sich Heß wie abertausende Pixel vor, die gemeinsam ein Motiv ergeben, das der Betrachter jeweils mit einem seitlichen Blick auf die Fassadenwand erkennen kann. Als Motive wählte er „I love Rosenheim“ in Verbindung mit dem Stadtwappen. In einer zweiten Perspektive sollte eine umlaufende Blumengirlande aus 23 stilisierten Wildrosenblüten zu sehen sein. Konkret hat Heß ausgerechnet, dass er für die Gestaltung aller vier Wände rund 140000 Silikonringe mit einem Gesamtgewicht von rund 600 Kilogramm bräuchte.
Ob es so weit kommen wird, ist offen. Der Jury gefiel die Motivwahl nicht. Auch die „Erkennbarkeit des Motives“ stellte sie infrage. Lob gab es dagegen für die „originelle und einfallsreiche Lösung“ zur Fassadengestaltung des neuen Fahrradparkhauses. Und für die Wahl des Materials, das, inklusive seiner Verankerung, zugleich robust, wartungssicher und wenig anfällig für Vandalismus sei. Die Arbeit mit der Fassade geschehe zudem „in Einklang mit der Planung der Architekten“.
Wie es weitergeht mit seiner Idee, wisse er nicht, sagt Christian Heß. Er freue sich über das Interesse der Stadt an seiner Arbeit. Er sei aber schon oft auf Platz zwei gestanden und am Ende habe es dann nicht geklappt. Wenn doch? „Dann wäre es super.“