Begleiterin an den Grenzen des Lebens

von Redaktion

Gemeindereferentin Hannelore Maurer (51) über ihren Beruf, Gott und die Menschen

Rosenheim – Hannelore Maurer ist eine, die gut kann mit Menschen. Sie schaut nicht auf das, was sie sind, woher sie kommen oder was sie leisten. Ganz im Gegenteil. Das Herz der 51-Jährigen ist offen für alle und insbesondere für die, die es im Leben nicht leicht haben. Ihnen wendet sie sich zu. Als Mensch und in ihrer Tätigkeit als Gemeindereferentin in der Stadtteilkirche Rosenheim-Inn.

Schmerz und Hoffnungslosigkeit

Straftäter, Opfer von sexuellem Missbrauch, Frauen kurz nach ihrem Schwangerschaftsabbruch und Schwerkranke: Hannelore Maurer kennt sie alle. Sie kommen zu ihr in die Seelsorge-Sprechstunde, schütten ihr Herz aus. Maurer hört zu. Manchmal stundenlang. Sie nimmt sich Zeit für jeden Einzelnen, arbeitet, gemeinsam mit den Betroffenen, Lösungen heraus. Maurer ist gut in dem, was sie tut. Auch und vielleicht gerade weil sie weiß, wie es ist, alles zu verlieren. Von einer Minute auf die nächste am Abgrund zu stehen.

Sie hat Enttäuschungen erlebt, hat Fehler gemacht. Sie kann den Schmerz und die Hoffnungslosigkeit der Menschen nachempfinden, die zu ihr kommen. Auch den Zweifel an der Religion, an Gott selbst. Denn auch sie hat sich in den schweren Momenten ihres Lebens von Gott verlassen gefühlt. „Ich habe zwar nie an der Existenz Gottes gezweifelt, aber fern war er mir schon oft“, sagt sie. Ein Gefühl, das sie zudem von ihrer Arbeit als Gemeindereferentin kennt. Zum Beispiel, wenn sie am Bett einer krebskranken Mutter sitzt. Oder wenn sie sich um die Beerdigung eines jungen Menschen kümmern muss. Dann hadert sie mit Gott. Ihren Glauben aufzugeben, ist dennoch keine Option.

Von Stephanskirchen nach Rosenheim

Bereits als Jugendliche setzt sie sich mit ihrem Glauben auseinander, sucht immer wieder den Austausch mit ihren Eltern. Ihr Vater war Agnostiker, ihre Mutter ist gläubig. „Meine Mutter hat mich schon früh herausgefordert, eine eigene Position zu finden“, sagt Maurer. Sie entscheidet sich für den Glauben, beginnt nach ihrem Abitur am Rosenheimer Karolinengymnasium ein Theologiestudium. Im Anschluss beginnt sie ihre Arbeit als Gemeindereferentin. Erst in Stephanskirchen, später in Rosenheim. Von Anfang ist es ihr wichtig, auf die Menschen zuzugehen. Sie will nicht nur in ihrem Pfarrhaus am Ludwigsplatz sitzen und warten, bis etwas passiert.

„Die Kirche wird immer leerer, es ist einfach wichtig, präsent zu sein“, sagt sie. Maurer ist da, kommt zu Beerdigungen, sitzt an Krankenbetten. Sie begleitet Menschen an den Grenzen des Lebens, steht mit ihnen schwere Momente durch. Viele haben ihre Telefonnummer, das Notruftelefon liegt häufig auf ihrem Nachttisch. Abzuschalten gelingt ihr selten. Auch nach einem langen Arbeitstag denkt sie über die Schicksalsschläge und Probleme anderer Menschen nach. „Ich kann das am Abend nicht wie einen Pullover ausziehen“, sagt sie. Um selbst Kraft zu tanken, geht sie in der Natur spazieren, sitzt am See und genießt die Ruhe. Und dennoch gibt es Tage, an denen selbst das nicht hilft. Dann spürt sie eine innere Leere. Das Vertrauen in Gott hilft ihr in diesen Momenten und der Glaube, dass sich irgendwann doch alles zum Positiven wendet.

Dieses Denken hilft ihr auch in ihrem Privatleben. Mit 17 wird sie zum ersten Mal Mutter. Sie geht ihren Weg konsequent weiter. Unterstützung bekommt sie von ihrem Ehemann. Es folgen zwei weitere Kinder, mittlerweile ist sie Oma. Erst die beiden Enkelkinder zeigen ihr endgültig, dass es auch ein Leben außerhalb der Seelsorge gibt. Statt rund um die Uhr zu arbeiten, nimmt sie sich Zeit für ihre Familie, kümmert sich nicht nur um andere Menschen, sondern auch um sich selbst. Trotzdem bleibt sie ihrer Arbeit treu.

In ihrer Tätigkeit als Gemeindereferentin macht sie es sich zur Aufgabe, die Menschen ernst zu nehmen, auch diejenigen, die sich von der Kirche entfernt haben. „Ich will die Menschen nicht missionieren, will ihnen lediglich einen guten, geistlichen Gedanken mit auf den Weg geben.“

Sie liebt ihren Beruf. Trotz der vielen traurigen Momente. Auch Lob und Dank gebe es eher selten. Umso mehr freut es sie, wenn die Menschen ihr Briefe oder Karten schreiben, um ihr zu sagen, wie sehr sie ihre Arbeit schätzen. Die Briefe hebt sie auf, sammelt sie in einer Schublade in ihrem Schreibtisch. Als Bestätigung, aber auch als Anerkennung dafür, dass ihre Arbeit einen Unterschied macht.

Grüße aus

dem Urlaub

Zwischen all diesen Briefen befindet sich auch der eines älteren Ehepaars. Die beiden besuchten Maurer regelmäßig, versuchten, über den Selbstmord ihrer Tochter hinwegzukommen. „Die Trauerbegleitung war wahnsinnig schwierig.“ Fünf Jahre später hält Maurer den Brief der beiden in ihren Händen. Als sie ihn zum ersten Mal liest, kann sie die Tränen nicht zurückhalten.

In dem Brief ist ein Bild. Die beiden strahlen in die Kamera, schicken Grüße aus dem Urlaub. Anbei ein Dankesschreiben. Maurer kann es kaum glauben. Dies ist einer der Momente, die sie antreiben, an den Menschen dranzubleiben. Auch wenn es manchmal schwierig ist.

Wöchentliche Kolumne im OVB

Hannelore Maurer ist Autorin von drei Büchern und gründete ihren eigenen Verlag „Chiara Edition“. Sie spricht im Radio für die Sendung „Auf ein Wort“ auf Bayern 1 und Bayern 3. Momentan macht sie eine Zusatzausbildung als Journalistin. Ab morgen, Mittwoch, schreibt sie wöchentlich eine Kolumne unter dem Motto „Zwischen Himmel und Erde“ in den OVB-Heimatzeitungen. Darin gibt sie Lesern einen guten Gedanken mit auf den Weg.

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