Chaos an Mariä Himmelfahrt

von Redaktion

Werner Luxi aus Kolbermoor und die Beinahe-Katastrophe von München

Kolbermoor – Werner Luxi (66) lässt es derzeit ruhig angehen. Mit Ehefrau Angelika und der ganzen Familie genießt der Rentner aus Kolbermoor den Urlaub in Italien. An Mariä Himmelfahrt vor 46 Jahren war das ganz anders.

Nicht nur, dass damals das pure Chaos rund um Luxi herrschte. Die Hysterie hatte er auch noch selbst ausgelöst – mit einem historischen Schuss. Bis heute hat kein zweites Tor die Massen derart in Ekstase versetzt und eine deutsche Fußball-Arena so zum Erzittern gebracht wie Luxis Volltreffer am 15. August 1973 um 20.03 Uhr im Münchner Olympiastadion.

Gerade mal 120 Sekunden waren gespielt, als Luxi zum 1:0 für die Münchner Löwen traf, gegen den FC Augsburg, in der Regionalliga. Es gab schnellere Tore, bedeutsamere, schönere, spektakulärere und kuriosere.

Fans hörten

nur den Torschrei

Das Bombastische war die Kulisse: 78000 Zuschauer sahen, wie der Rechtsschuss des Löwen-Verteidigers links unten einschlug. Aber die Fans draußen – 10000 oder mehr, keiner weiß es genau – hörten nur den Torschrei. Sie alle wollten noch hinein, standen Schlange an den Kassen, drängten zu den Stadioneingängen. Eine Karte hatten die meisten nicht.

Als der Torjubel aus dem Stadion heraufschwappte, brachen draußen alle Dämme. Luxis Blitztor löste eine Massenpanik aus. Tausende Fans kletterten über Zäune und Kassenhäuschen, rissen Absperrungen nieder, stürmten durch die Eingangstore. Eine gewaltige Menschenwalze drückte ins Stadion.

Die Ordnungskräfte ließen die Menge ziehen. Sie hatten keine Chance. „Da hätten auch 1000 Polizisten nichts ausrichten können“, sagte Manfred Schreiber, damals Münchens Polizeipräsident.

Waren am Ende 85000 im Stadion, 90000 oder gar an die 100000, wie manche meinen? Keiner weiß es.

Gezählt wurden an dem turbulenten Fußballabend, der als „Beinahe-Katastrophe von München“ in die Geschichte einging, nur die Verletzten. 135 Männer, Frauen und Kinder kamen in Krankenhäuser, die meisten mit Schnittwunden und Prellungen. 35 erwischte es noch schlimmer. Sie wurden mit gebrochenen Knochen und gerissenen Bändern in die Notarztwagen gebracht. Dass am 15. August 1973 niemand totgetrampelt oder erdrückt wurde, grenze an ein kleines Wunder, hieß es.

Vom Sirenengeheul und den Tumulten hat Werner Luxi auf dem Rasen nichts mitbekommen. „Die Schüssel war randvoll, die Zugangswege zwischen den Blöcken blockiert. Da standen überall Leute. Aber dass die Sache so eskaliert ist, das wussten wir nicht“, erinnert sich der 66-Jährige.

Ein zweiter Kolbermoorer war dagegen mittendrin im Getümmel. Klaus Hammerschmid, bis heute eingefleischter 1860-Fan, hat jahrzehntelang kaum ein Spiel verpasst. Natürlich auch das gegen Augsburg an Mariä Himmelfahrt 1973 nicht. Schon zwei Stunden vorm Anpfiff stand Hammerschmid in der Nordkurve, um sich seinen Lieblingsstehplatz zu sichern, direkt hinter einer Stützstange auf den oberen Rängen.

Todesangst löst Torjubel ab

Um 20.03 Uhr war die Freude über Luxis Tor beim Kolbermoorer rasch verflogen. Minuten später hatte er Todesangst, als die Massen vom Nordeingang her nach unten pressten: „Ein Wahnsinn is des gwen, fast zerdruckt hams mi.“ Der Kolbermoorer war am Ende heilfroh, dass er unverletzt davon kam. Für ihn ist das Augsburg-Match bis heute das „Spiel ohne Grenzen“.

Kurios: Luxis 1:0 für die Ewigkeit war sein einziges überhaupt für die Löwen in fünf Profijahren in der zweithöchsten Liga. Er kann sich noch gut daran erinnern: „Der Pass kam von Timo Zahnleitner, plötzlich war ich im Strafraum, hab noch einen Haken gemacht und dann mit rechts ins linke untere Eck geschossen. Ein tolles Gefühl!“

Und wenn er daneben geschossen hätte? „Dann wäre vielleicht gar nichts passiert. Man hätte den Leuten sagen können, dass es keine Karten mehr gibt und vielleicht wären sie grummelnd, aber friedlich wieder heimgegangen“, sagt Luxi.

„Herrschaft, was

ist denn da los“

Möglicherweise aber auch nicht. Schon Stunden vorher war der Linksverteidiger bei der Anfahrt „regelrecht erschrocken“ über den Andrang. Die Sechziger kamen mit dem Bus von der Sportschule Grünwald zum Stadion. „Herrschaft, was is denn da los“, dachte er sich bei der Ankunft im Olympiapark: „Überall Hektik und Stau – und dann stand da ein Meer von Bussen. So viele Busse auf einem Haufen hatte ich noch nie gesehen.“

Es war der zweite Spieltag in der Regionalliga Süd, damals noch die zweithöchste Spielklasse. Bei 1860 rechnete man mit 50000 Zuschauern. Aber schon allein aus Augsburg dürften 25000 gekommen sein. Der FCA war gerade aufgestiegen, kam mit Italien-Rückkehrer Helmut Haller nach München.

Beide Teams hatten ihr Auftaktspiel gewonnen, hinzu kamen der Termin und das Wetter: Feiertag, strahlender Sonnenschein. Ganz Fußball-Südbayern war in Bewegung, strömte zum Derby, hatte es eilig. Und dann kam auch noch Luxi. Der hatte es auch eilig. So nahm die Geschichte ihren Lauf.

Dabei ist Luxi gar kein Fußballverrückter gewesen. Dass das Jahrhundertderby 1:1 endete, daran erinnert er sich noch. An den Saisonausgang nicht mehr. Am Ende wurde Augsburg Meister, vor Nürnberg und 1860. Doch auch der FCA und die „Glubberer“ verpassten den Aufstieg in die Bundesliga.

Schon mit Mitte 20, er hatte sich gerade zum zweiten Mal das Kreuzband gerissen, hörte Luxi bei 1860 mit dem Profifußball auf. „Mich hat’s nicht mehr gefreut“, sagt er. Luxi spielte noch ein paar Jahre beim Sportbund DJK Rosenheim, dann als Spielertrainer in Kiefersfelden. So kam er nach Kolbermoor, wo er mit seiner Angelika seit 36 Jahren wohnt.

In Traunstein

zum Uhrmacher

Aufgewachsen ist er im Münchner Schlachthofviertel. Die Großeltern hatten eine Metzgerei am Viktualienmarkt. Mit acht ging er zum FC Bayern, dann wechselte er zu 1860. Er lernte Feinmechaniker, dann kamen die Profijahre. Danach ließ er sich im Juweliergeschäft von Uwe Steinmetz in Traunstein zum Uhrmachermeister ausbilden, hatte jahrzehntelang ein eigenes Geschäft.

Fußball spielt in Luxis Leben schon lange keine tragende Rolle mehr. Im Stadion wird man ihn nicht treffen, er verfolgt die Spiele höchstens im Fernsehen, drückt beiden Münchner Teams die Daumen – den Löwen wie auch den Bayern.

Trotzdem wird er seinem Enkel Julian sicher einmal von Mariä Himmelfahrt 1973 erzählen. Oder von Weltstars wie Boninsegna, Mazzola, Facchetti, Kindvall und Johnston. Gegen sie durfte er als junger Bursche spielen, als die Sechziger zu Testspielen nach Rotterdam, Glasgow und Mailand reisten. Auch da waren die Stadien voll. Tumulte blieben allerdings aus. Kein Wunder, Luxi hat ja nicht getroffen.

Rekorde für die Ewigkeit

Offiziell hält Hertha BSC beide Zuschauerrekorde in der 1. und 2. Fußball-Bundesliga: Am 26. September 1969 strömten über 88000 zahlende Zuschauer ins Berliner Olympiastadion, um die Erstligapartie Hertha BSC gegen 1. FC Köln zu sehen. In der zweiten Liga waren es im Frühjahr 2011 beim Spitzenduell Hertha BSC gegen FC Augsburg 77116 Zuschauer. Doch den inoffiziellen Rekord für die zweithöchste Spielklasse halten 1860 und Augsburg mit den schätzungsweise rund 90000 Zuschauern am 15. August 1973. Möglicherweise war es auch die größte Kulisse überhaupt in der deutschen Fußballgeschichte.

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