Infiziert mit dem „Herbstfest-Virus“

von Redaktion

Wolfgang Dichtl leitet seit 20 Jahren das Flötzinger-Zelt – und liebt diese Aufgabe

Rosenheim – Am Tag danach wird Wolfgang Dichtl frei haben. 24 Stunden, um ihn abzuschütteln, diesen Virus, der ihn zuvor 16 Tage lang angetrieben hat. Dichtl ist 51, Zeltleiter beim Flötzinger-Bräu und in dieser Funktion der Mann, bei dem die Fäden zusammenlaufen während der Wiesn in Rosenheim. Seit 20 Jahren macht er den Job und seitdem ist er befallen vom „Herbstfest-Virus“. Eine „Krankheit“, die jedes Jahr wiederkehrt – und auf die er sich jedes Jahr wieder freut.

Ein Mann, der

zupacken kann

Wolfgang Dichtl steht vor dem Festzelt auf der Loretowiese. Mit beiden Händen zieht er Holzbalken von einem Anhänger. Der Mann hat Schmackes in den Händen, kann zupacken. Und er kennt sich aus. Mit knappen Sätzen gibt er Anweisungen. Er kennt hier jeden mit Vornamen, weiß genau, wer für was zuständig ist.

Rund 300 Menschen sorgen beim Flötzinger täglich dafür, dass alles läuft, vor und während der Wiesn. Bedienungen, Köche, Elektriker, Handwerker, Hausmeister, Musiker – sie alle gehören zur „Großfamilie Zelt“, wie Dichtl es nennt. Viele sind genauso lange dabei wie er selbst. Sie verstehen sich als Teil dieser Großfamilie, wollen ihr Bestes zum Gelingen beitragen. Dichtl ist es, der alles im Blick hält, der Ansprechpartner ist für gute und weniger gute Momente während der Wiesn. Bei ihm läuft alles zusammen. Eine Aufgabe, die keinen Neun-Stunden-Tag verträgt.

Sein Tag beginnt um 8 Uhr in der Brauerei. Dort bespricht er mit dem Seniorchef das laufende Geschäft. Im Anschluss geht es raus zur Wiesn. Später als 9.30 Uhr wird es selten, dann gehört seine Aufmerksamkeit ganz dem Festzelt. Wenn es regnet, klärt er, ob die Biergarten-Bedienungen gebraucht werden, er sortiert unklare Reservierungen und organisiert Handwerker, wenn etwas kaputt gegangen ist. „Du brauchst immer eine Lösung“, sagt Dichtl. Wie auch an jenem Sonntagmorgen, als einmal ein Witzbold in der Nacht zuvor alle Wasserhähne in den Toiletten abgeschraubt hatte. Um 10 Uhr sollte der Festbetrieb starten, schnelle Hilfe tat Not. Auch da half die „Großfamilie Zelt“: Die Handwerker kamen gerne und reparierten zügig.

Es sind lange Tage, unter Woche ebenso wie am Wochenende. Wenn um 23 Uhr die Musiker ihr letztes Stück gespielt haben, sorgt Wolfgang Dichtl, gemeinsam mit dem Ordnungsdienst, dafür, dass auch die letzten Gäste zügig heimgehen. Um 24 Uhr finden sich alle Helfer zusammen zur letzten Besprechung des Tages. Danach ist Feierabend. „Rechtschaffend müde“ sei er dann, sagt Dichtl.

Seit zwei Jahrzehnten zieht er nun schon im Festzelt die Strippen. Eine berufliche Entwicklung, die zunächst so nicht absehbar war. Wolfgang Dichtl hatte sich einst als Leiter der Buchhaltung beworben. Während des Bewerbungsgesprächs hatten ihn die Personalverantwortlichen gefragt, ob er sich vorstellen könnte, auf dem Herbstfest mitzuhelfen. „Ich dachte mir, es ist vermutlich besser, mit Ja zu antworten“, sagt er. Und weiß heute, wie richtungsweisend dieses Ja letztendlich war. Er bekam nicht nur die Stelle als Leiter der Buchhaltung.

Schon ein Jahr später taucht er ein in die Welt der Rosenheimer Wiesn. Zunächst verkauft er Biermarken im Büro. Doch schnell übernimmt er weitere Aufgaben. Die Arbeit liegt ihm, das fällt auf. Dichtl wird Zeltleiter und findet eine neue Berufung. Allein allerdings ist dieser Job nicht zu stemmen. Daher teilt er ihn sich mit einem Kollegen. Jeder übernimmt die Leitung für eine der beiden Herbstfest-Wochen. Der „Herbstfest-Virus“ erweist sich dabei als hartnäckig. Jedenfalls für Dichtl, der die Wiesn auch in der zweiten Festwoche regelmäßig besucht.

Das hat Folgen: „Man rutscht in eine Art Parallelwelt“, sagt er. Und meint damit, dass er 16 Tage lang Menschen trifft, denen er für den Rest des Jahres eher nicht begegnet. Liebe Leute, auf die er sich jedes Mal aufs Neue freut, mit denen er sich verbunden fühlt. Die „Großfamilie Zelt“ eben. Alle ebenso infiziert mit dem „Herbstfest-Virus“, der die immer gleichen Symptome verursacht: „Vor der Wiesn freut man sich, nach der Wiesn ist man erst einmal froh, dass sie vorbei ist. Schon im Januar scharre ich wieder mit den Hufen“, sagt Dichtl. Im August hat er eine Woche Urlaub. Aber schon am Sonntag vor Arbeitsbeginn kreisen seine Gedanken. Hat ihn der Virus endgültig im Griff.

Liebe zur Tradition

und zum Service

Über die Jahre hat sich einiges verändert: So ist die Zettelwirtschaft bei den Reservierungen einem PC-Programm gewichen, die Lautstärke der Musikanlage kann bis in die letzte Zeltecke geregelt werden und das Rauchverbot sowie das Cabrio-Dach sorgen dafür, dass die Luft nicht mehr ganz so dick durchs Festzelt wabert. Geblieben aber ist seine Liebe zur Tradition, seine Begeisterung fürs Herbstfest und sein unbedingter Wille, 16 Tage lang „zu dienen“, den „Servicecharakter zu leben“. Wird er nächstes Jahr wieder dabei sein? Er überlegt kurz, lacht und sagt: „Ich fürchte, das wird mich nicht mehr loslassen. Sie wissen doch, es ist ein Virus.“

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