Rosenheim – Wenn sich ein Patient mit Glückstränen bei ihm bedankt, ist der sonst so sachlich-nüchterne Arzt ganz gerührt: Wieder einmal hat er einem Menschen das Sehvermögen zurückgegeben. Die Hornhauttransplantation macht es möglich. Wenig bekannt ist, dass dieses Spezialgebiet der Medizin auch in Rosenheim beheimatet ist.
Für Professor Philipp Eberwein ist es eine Herzensangelegenheit: „Viele Patienten mit Hornhauterkrankungen wissen gar nicht, welche Möglichkeiten wir heute haben. Wenn Patienten dann bei uns operiert wurden, sind sie häufig überglücklich, dass ihnen geholfen wurde“, sagt er.
Wenig Probleme
mit Abstoßung
Bereitwillig gibt Eberwein im Augencentrum Rosenheim Einblick in sein Metier. Er weiß: Sehen ist Leben. Und das Augenlicht ist leicht verletzlich. „Die Hornhaut ist mit der Windschutzscheibe eines Autos vergleichbar“, sagt er. Eine leichte Verletzung, ein „Steinschlag“ genüge, und sie werde undurchsichtig. Aus dem Nebenzimmer holt Eberwein ein Modell eines Auges und skizziert anschaulich mit wenigen Strichen die Schichten der Hornhaut. Er versteht es, sein Wissen weiterzugeben. Das ist ihm wichtig. In Freiburg, seiner Heimatuni, hält der 44-Jährige regelmäßig Vorlesungen.
Pro Jahr werden in Deutschland rund 7500 Hornhauttransplantationen durchgeführt. Anders als Organe können Hornhäute problemloser entnommen werden: Die Entnahme ist bis zu 72 Stunden nach dem Tod möglich, sie sind bis zu vier Wochen in Hornhautbanken in Nährlösung konservierbar, und die Gefahr der Abstoßung ist gering, weil die Hornhaut keine Blutgefäße besitzt. Dazu komme, erklärt Eberwein, dass das Auge über ein eigenes, sanfteres Immunsystem verfüge. So ist das Transplantat nach fünf Jahren noch mit einer 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit ohne Medikamente funktionstüchtig. Das ist im Vergleich zu anderen Transplantationen sensationell.
Wann eine Transplantation zwingend ist? „Im Fall von angeborenen Erkrankungen, die zu Hornhauttrübungen führen, oder auch bei Missbildungen oder bei äußeren Verletzungen“, sagt Eberwein. Gar nicht so selten komme es auch vor, dass die Hornhaut von Herpes-Viren angegriffen wird und vernarbt. Rund 17 Hornhautbanken in Deutschland sorgen dafür, dass das empfindliche Gewebe zur Verfügung gestellt werden kann. „Wir haben aber immer noch einen Engpass“, beklagt der Wissenschaftler. „Jährlich warten bundesweit noch etwa 3600 Patienten auf ein Transplantat.“
Seit der ersten erfolgreichen Transplantation durch Eduard Zirm im Jahr 1905 wurde die Technik immer weiter verfeinert. Über viele Jahrzehnte wurde die komplette Hornhaut transplantiert und das frische Gewebe eingenäht. Zu Beginn kamen als Fäden Frauenhaare zum Einsatz, seit den 1950er-Jahren sind es kaum sichtbare Nylonfäden. Vor 15 Jahren kam es zu einer wahren Revolution der OP-Technik: Mittlerweile ersetzen Ärzte bei vielen Operationen die Hornhaut schichtweise. Sie ist gerade einmal einen halben Millimeter dick, der Durchmesser beträgt elf bis zwölf Millimeter. So können sie oftmals auf Nähte verzichten, und der Heilungsprozess wird deutlich beschleunigt, weil nur erkrankte Hornhautschichten ersetzt werden. Zudem lässt sich das Abstoßungsrisiko verringern.
Wie lang dauert eine Operation? „Geschwindigkeit ist nicht so wichtig, es kommt darauf an, dass man es gut macht“, sagt der Operateur. Für ein paar Tage muss der Patient im Krankenhaus bleiben. Daher kooperiert Eberwein mit dem Romed-Klinikum in Rosenheim. Je nach angewandter Technik kann der Patient bereits nach wenigen Wochen, seltener erst nach einigen Monaten, wieder gut sehen.
Gutes Sehen bedeutet
Lebensqualität
Hans Nappert ist ein Patient Eberweins und von seinem Arzt begeistert. „Der ist super, ich gebe ihm die Note eins“, sagt der 78-Jährige. Mithilfe von zwei Eingriffen – im Oktober 2018 erst das rechte, im Januar 2019 das linke Auge – hat Eberwein ihm zu einem neuen Leben verholfen. „Ich kann wieder scharf wie ein Adler sehen“, sagt Nappert. Jahrzehntelang hatte er mit den Augen keine Probleme, mit Ende 60 verschlechterte sich allerdings seine Sehfähigkeit. Eine Graue-Star-Operation im Jahr 2012 brachte nicht den erwünschten Erfolg. Daraufhin wurde im Augencentrum Rosenheim die Hornhaut genauer untersucht und eine Trübung aufgrund einer Schwäche der Hornhautinnenschicht festgestellt – wahrscheinlich genetisch bedingt.
Es hat Jahre gedauert, bis Nappert geholfen werden konnte. Den Durchbruch brachte die Transplantationstechnik, die Eberwein von Freiburg mitgebracht hatte. Er ersetzte die getrübte, hauchdünne Hornhautinnenschicht. Operiert wurde unter Vollnarkose, schon nach drei Tagen konnte Nappert von seinem Zimmer im Krankenhaus aus einen Kirchturm „ganz scharf“ erkennen, nach vier Tagen durfte er nach Hause. „Da war ich schon sehr euphorisch. Auch die Nachsorge hat wunderbar geklappt“, sagt er. Freilich bleibt er auf Augentropfen angewiesen. Aber das ist für ihn locker zu verschmerzen. Hauptsache, er kann wieder sehen. Was für ein Glück!