Der meterhohe Kran verfrachtet den aus der Tiefe geholten Seeton in den bereitstehenden Behälter.
Rosenheim/Kolbermoor – Schon von Weitem sieht man die riesenhaften Kräne: Zwischen der Staatsstraße 2078 und dem Aicherpark entsteht ein Teil der Weststangente. Derzeit werden Fundamente für die 650 Meter lange Brücke in 50 Metern Tiefe gesetzt.
Auf der Baustelle „Aicherparkbrücke“ der „Westtangente Rosenheim“ am Übergang der Georg-Aicher-Straße in Rosenheim zur Rosenheimer Straße in Kolbermoor sind die Bereiche eingezäunt. In einer etwa 1,50 Meter tiefen Grube steht ein Bauarbeiter und markiert mit blauer Sprühfarbe ein Kreuz auf den steinigen Untergrund. „Dort wird später einer der Brückenpfeiler stehen“, erklärt Matthias Geitz, Bauoberrat am Staatlichen Bauamt Rosenheim, der das „Mammutprojekt“ Westtangente betreut. Die komplette rund elf Kilometer lange Westtangente zwischen der Autobahn A8 und Wieden (Schechen) ist übrigens das „größte Bauprojekt“, dass die Behörde bisher betreut hat, so Geitz.
Bei Arbeiten auf alten Waggon gestoßen
Wenige Meter weiter steht ein altes Fahrgestell eines Waggons – „Belgien“ steht drauf. „Der wurde unter der Erde vermutlich in einem alten Bombenkrater gefunden“, erklärt Geitz. Gefunden wurde noch mehr: Alte Rohre zum Beispiel. Das wird jetzt alles entsorgt.
Auf diesem sogenannten Aicherpark-Areal an der Rosenheimer Straße ist unterhalb der Erdoberfläche schon eine Menge passiert. Obwohl es nicht so aussieht: Hier wurden beispielsweise Spundwände gesetzt, um die späteren Baugruben zu sichern und vom Grundwasser freizuhalten. Innerhalb der Spundwände werden bis zu 50 Meter lange Bohrpfähle eingebracht.
Unter der Erde stehen Pfähle? Ja. Pro Brückenpfeiler sechs bis 17. Auf diese soll eine rund 2,50 Meter dicke Stahlbetonplatte gesetzt werden – quasi als Fundament für einen der Brückenpfeiler. Die gesamte Brücke wird etwa 650 Meter lang, besteht eigentlich aber aus zwei einzelnen Brücken. Der erste Teilbereich dieses Abschnitts – über Renkenweg, Mangfall und Mangfallkanal – misst etwa 190 Meter. Auf dieser Strecke werden vier Brückenpfeiler gebaut, um die hier entstehende Schrägseilbrücke tragen zu können. Der zweite Teilbereich, über Aicherpark, Bahnlinie bis zum Gangsteig, ist etwa 480 Meter lang. Dort sind 19 Pfeiler geplant. So wird etwa alle 25 Meter ein Pfeiler stehen – sie sind sechs Meter hoch.
Seeton wird
abtransportiert
Aber um diese Pfeiler samt Brücke tragen zu können, muss erst mal das Fundament hergestellt werden. Das passiert derzeit auf dem Gelände der Firma Steelcase: Dort steht ein riesenhafter Kran. Er bohrt ein Stahlrohr, das etwa 1,20 Meter Durchmesser hat, bis zu 50 Meter tief. Rohr auf Rohr – so als würde man einen Strohhalm senkrecht über den anderen in den Sand schieben. Damit man allerdings so tief gelangt, muss Erde abgetragen werden. „Innerhalb dieses Rohres wird der notwendige Bodenaushub gefördert“, so Geitz. In diesem Fall Seeton.
Der Seeton ist hellgrau, schmierig und matschig – wie nasser Ton. Der Kran bohrt sich also in die Tiefe und befördert den Seeton heraus. Ist der Kranarbeiter so weit, kommt der nächste Bauarbeiter, um den Seeton auf einer Ladefläche abzutransportieren. „Das eingebrachte Stahlrohr hält das Bohrloch offen, in das dann Bewehrungsstahl und Beton eingebracht werden.“ Während des Betonierens wird das Stahlrohr langsam wieder herausgezogen und ein Stahlbetonbohrpfahl steht im Boden.
Der Querschnitt sieht so aus: Mehrere Pfeiler sind in der Tiefe der Erde, auf sie kommt die Stahlbetonplatte, „um alle Pfähle des Fundamentes an der Lastabtragung möglichst gleichmäßig zu beteiligen“. Darauf wird dann der Brückenpfeiler gesetzt. Dieses Prozedere wiederholt sich – insgesamt 23 Mal, denn in diesem Bereich entstehen 24 Pfeiler, um die rund 650 Meter lange Brücke zu tragen.
Geitz: „Wir sind
im Zeitplan“
An der Baustelle am Renkenweg sind sie schon einen Schritt weiter: Dort sind die Spundwände bereits in der Erde, auch die Bohrpfähle aus Stahlbeton. Derzeit schiebt ein roter Raupenkran Drainagen in die Erde – bis zu 50 Meter tief. So werde das im Boden gebundene Wasser abgeleitet. „Wir sind im Zeitplan“, sagt Geitz. Aber auf den Tag der Fertigstellung könne man das nicht genau sagen. Klar, so wusste ja niemand, dass beispielsweise ein Eisenbahnwaggon unter der Erde vergraben liegt oder Rohre, die keiner mehr nutzt.
Im Herbst sollen die ersten Stahlbetonplatten auf die unterirdischen Betonpfähle gesetzt werden, 2020 folgen die Brückenpfeiler, 2021 soll die Brücke entstehen, 2022 der Endausbau der Straße. Fertig sein soll dieser 1,2 Kilometer lange Abschnitt Ende 2022.