Leserforum

Pseudokunstwerk für den Bahnhofsvorplatz

von Redaktion

Zu den Berichten „Eine Uhr auf zwei Beinen für den Südtiroler Platz“ und „Die Künstler hinter der Kunst“ im Regionalteil:

Bei der ersten Vorstellung des von der Jury einstimmig ausgewählten Entwurfs für die künstlerische Gestaltung des Bahnhofsvorplatzes konnte man mit gutem Willen zumindest einen originellen „Gag“ erkennen. Aufmerksamen Beobachtern stach jedoch bereits damals der eine rote Zeiger am ansonsten völlig konventionellen Ziffernblatt ins Auge.

Die Auflösung dieses Rätsels war zwölf Tage später im OVB zu lesen: Die Entwurfsverfasser wollen in ihr Werk mitnichten eine schnöde Bahnhofsuhr integrieren. Vielmehr handelt es sich dabei um ein „anarchistisches Objekt“.

Für wie viele der Tausenden von Bahnreisenden, die das sechs Meter hohe Werk täglich passieren würden, wird wohl der Wunsch der Künstler in Erfüllung gehen, ihre Arbeit möge „die Menschen bereichern“?

Der Vergleich des „einen herausstehenden Sekundenzeigers“ mit dem archaischen wirklichen Zeitmesser Sonnenuhr ist völlig daneben. Er erinnert an die großartige echte Sonnenuhr, mit der mein kürzlich verstorbener Freund Rainer Dillen die Happinger Schule bereichert hat. Dass dieses Werk baulichen Zwängen zum Opfer fiel, ist ein schmerzlicher Verlust für die Rosenheimer Kunst im öffentlichen Raum.

Vielleicht hat die Jury, die dem Entwurf einstimmig den Vorzug gab, insgeheim daran gedacht, der Uhr doch eine echte Funktion zu verleihen. Dies wird jedoch zweifellos auf erbitterten Widerstand der Künstler stoßen, die darin sicherlich eine Entweihung des zweckfreien Kunstwerks sehen werden.

Dass sich das geplante Machwerk mit der unmittelbaren Nachbarschaft von Marianne Lüdeckes zeitloser „Zenzi“ und den minimalistischen Steinbank-Skulpturen von Herbert Peters am Bahnhofsvorplatz arrangieren würde, ist kaum vorstellbar.

Woher unsere sonst oft so kritische Oberbürgermeisterin die Hoffnung bezieht, dass die Uhr, die keine sein darf, dazu anregen wird, „die Rosenheimer Innenstadt zu besuchen“, ist schwer verständlich. Besteht doch eher die Gefahr, dass sich Rosenheim durch dieses Pseudokunstwerk den Ruf eines „Schilda am Inn“ erwirbt.

Hermann Maier

Rosenheim

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