Der Mann mit dem Bulldog

von Redaktion

Gerhard Fiederer aus Rosenheim reist mit seinem Traktor quer durch Deutschland

Rosenheim – Ein Leben ohne Bulldogs: Für den Rosenheimer Gerhard Fiederer unvorstellbar. Der 79-Jährige lebt für die Traktoren, verbrachte schon als Bub jede freie Minute auf dem Bauernhof seines Nachbarn. Heute ist er selbst stolzer Besitzer eines Bulldogs, reist mit ihm durch ganz Deutschland.

Gerhard Fiederer liebt Sonntage. Vor allen in den Sommermonaten. Er steht früh auf, packt Getränke, Gebäck, Nüsse und etwas Obst in eine Tasche und fährt von Rosenheim nach Umratshausen. Dort, versteckt in der Garage eines Freundes, steht sein ganzer Stolz: ein blauer Lanz-Bulldog. Gekauft vor 17 Jahren für knapp 9000 Mark.

Vor Fahrtantritt überprüft Fiederer seinen Bulldog, bringt die Glühnase im Zylinderkopf mit einer Lötlampe zum Glühen. Er wartet zehn Minuten, bis er das vertraute Hämmern hört. Dann klettert er auf den Fahrersitz, verstaut sein Proviant auf der Rückbank und setzt den Bulldog langsam in Bewegung. Mit 30 km/h fährt er an diesen Sonntagen von April bis Oktober quer durch Deutschland und Tirol, besucht die verschiedensten Bulldog-Treffen. „Alles im Umkreis von 90 Kilometern nehme ich mit“, sagt er.

Im Winter plant Fiederer seine Routen

Schon im Winter plant Fiederer seine Ausflüge, überlegt, an welchen Treffen er teilnehmen will. Er liest Fachzeitschriften, tauscht sich mit Freunden aus. Sobald die Termine feststehen, studiert er Karten, schreibt seine Route auf ein Stück Papier. Die Route führe meist durch größere Städte über Landstraßen, fernab von Autobahnen und Bundesstraßen, die er aufgrund der geringen Geschwindigkeit sowieso nicht befahren könne, sagt er. Ein Navi? Braucht er nicht. Verfährt er sich, fragt er eben nach dem Weg.

Gerhard Fiederer liebt diese Ausflüge, freut sich auf jedes Bulldog-Treffen. Er mag es, sich mit Gleichgesinnten über seine große Leidenschaft auszutauschen. Sein erstes „Lanz-Bulldog-Treffen“ liegt bereits 37 Jahre zurück. Damals fuhr er mit seinem Arbeitskollegen und Freund Günter Knosta nach Mietraching bei Bad Aibling. Die beiden hatten so viel Spaß, dass sie im darauffolgenden Jahr gleich wieder an dem Treffen teilnahmen – gemeinsam mit Hartmut Müller aus Lindena in der Lausitz. Die drei Männer verstanden sich auf Anhieb und am Ende des Abends nahmen Fiederer und Knosta die Einladung an, Müller in Lindena zu besuchen. Mit dem Bulldog.

Gesagt, getan. 2004 machten sich die beiden auf den Weg ins 1450 Kilometer entfernte Lindena. Sie fuhren in drei Etappen, übernachteten in kleinen Gasthöfen im Bayerischen Wald, im Thüringer Wald und in Meißen. Fiederer saß am Steuer, Knosta machte Fotos und navigierte. Nach fast 25 Stunden kamen die beiden an ihrem Ziel an. „Der Empfang war herzlich und fröhlich“, sagt Fiederer. Die Leute seien von dem Bulldog begeistert gewesen, hätten gewunken, Fotos gemacht und Fragen gestellt. Nach einem einwöchigen Aufenthalt in der Lausitz ging es zurück nach Rosenheim. „Dieses Erlebnis werden wir nie vergessen“, sagt Fiederer. Und damit das auch so bleibt, beschließt er, ein Fotoalbum anzulegen. Er schreibt kleine Anekdoten auf, klebt sie neben Bilder und Rechnungen. Er schneidet Zeitungsartikel aus und heftet sie ab, gemeinsam mit Postkarten von Freunden.

24 solcher Alben hat der Rentner mittlerweile angelegt. Alle sind durchnummeriert, haben einen Platz in seinem Keller gefunden. Ab und zu setzt er sich an seinen Schreibtisch, zieht ein Album aus dem Schrank und blättert durch seine Erinnerungen. Dann denkt er wieder an die Reisen nach Schlierbach in Baden-Württemberg und nach Mühlhausen in Thüringen, die er ebenfalls mit Günter Knosta unternommen hat. Die beiden waren für jeden Spaß zu haben, bastelten für lange Reisen sogar ein Schild, auf dem stand: „Ihr Verkehrshindernis heute: Gerhard und Günter.“

Die Reisen der beiden enden, als Knosta mit seiner Frau an die Nordsee zieht – vor zwölf Jahren. „Seitdem habe ich keine längere Reise mehr unternommen“, sagt Fiederer. Unterwegs ist er trotzdem. Jeden Sonntag. Ab und zu nimmt er seine Frau mit, die meiste Zeit reist er alleine. „Ich kann total entspannen und abschalten“, sagt er. Während seiner Fahrten beobachtet er die Natur, lässt sich den Fahrtwind um die Ohren pusten und hängt seinen Gedanken nach.

Ende Oktober geht es

zurück in die Garage

Ende Oktober ist dann erst einmal Schluss mit den Ausflügen. Der Bulldog überwintert in der Garage seines Freundes, und Fiederer widmet sich anderen Hobbys. Er fährt viel Rad, liebt Spaziergänge mit seinem Hund und verbringt Zeit mit seiner Frau. Und natürlich wirft Gerhard Fiederer auch schon einen Blick in die Zukunft, will auch im kommenden Jahr an so vielen Bulldog-Treffen wie möglich teilnehmen. Die Routen plant er schon jetzt. Im Keller, zwischen seinen Alben. „Solange ich noch auf meinen Bulldog raufklettern kann, solange wird noch gefahren“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

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