Manuela Weber, 45
Kinderbetreuerin
Götting
Martin Gartner, 28
Zimmerer
Rottau
Marina Schwarz, 34
Friseurin
Irschenberg
Rosenheim – Die Leidenschaft zum Puppenspiel hat Angela Weiss schon als Kind gepackt. Das Hantieren mit den Figuren, die Möglichkeit, in neue Rollen zu schlüpfen, das sind Dinge, die die 37-Jährige bis heute faszinieren. So mag es nur konsequent erscheinen, dass sie das Kasperl-Theater auf dem Rosenheimer Herbstfest betreibt. Und doch ist das eine Premiere für sie.
Angela Weiss ist eine Frau mit dem Herzen am rechten Fleck. Wer mit ihr spricht, spürt, das ist eine, die bereits weiß, wie das Leben geht. Dass es nicht immer nur lustig und spaßig ist. Dass manchmal Mut dazu gehört. Dass es Kraft braucht, und ein gutes Stück Menschlichkeit. Eine Frau, die drei Töchter im Alter von vier, elf und 14 Jahren auf die Welt gebracht hat. Und jetzt den Sprung in einen neuen Lebensabschnitt wagt: Von ihrem Vater Fritz Aprill (60) hat sie das „Original Münchner Kasperl-Theater“ übernommen. Ein Traditionsbetrieb, den schon der Opa von Angela Weiss geerbt hatte von seinem Großvater. Eine alteingesessene Münchner Kasperlspielerfamilie, deren Fortbestand nun Angela Weiss sichern möchte.
Für sie ist die Rosenheimer Wiesn eine Premiere. Denn hier zeigt sie ihr Puppenspiel zum allerersten Mal auf einem Volksfest. Bisher war sie mit ihren Figuren vor allem bei Betriebsfeiern oder in Krankenhäusern zu Gast. Dass sie nun für zwei Wochen Teil der Schausteller-Familie ist, freut sie ungemein.
Das Leben
im Guckkasten
Mit ihrem Mann Christian (45) sitzt Angela Weiss im Zelt auf einer der rot angestrichenen Bierbänke. Bis zu 120 kleine und große Kasperl-Liebhaber haben hier Platz. Das Zelt ist einfach gehalten, besteht überwiegend aus Holz. 500 Schrauben halten das Gestänge zusammen, ein paar Planen, die Bänke – mehr braucht es nicht. Wichtig ist, was im Guckkasten passiert.
Da verjagt der Kasperl das Krokodil. Prinzessin Silvane muss gerettet werden und der Polizist bringt den bösen Räuber zur Strecke. Auch der Teufel gehört zum Ensemble des Kasperl-Theaters. Einige Puppen aus dem Fundus von Angela Weiss sind 150 Jahre alt, im Originalzustand erhalten und handbemalt. Figuren, die letztlich auch eine Familiengeschichte erzählen. Mit ihren Geschichten so etwas sind wie ein Spiegel der Gesellschaft. Früher wie heute greifen sie Gegensätze auf: das Gute gegen das Böse, das Schöne gegen das Hässliche. Zeit allerdings, die bleibt heute weniger für die Puppenspieler. Eine Charaktere ausfeilen? Verweilen in einem längeren Dialog? Das funktioniert heutzutage nicht mehr. „Die Menschen haben keine Zeit“, sagt Angela Weiss. Sie meint damit weniger die Kinder. Eher seien es die Erwachsenen, die zur Eile mahnten. Dauerte eine Vorführung einst etwa 45 Minuten, bleiben heute kaum mehr als ein paar Minuten, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu halten. In der Folge sind die Stücke geschrumpft. „Wir haben immer mehr rausgestrichen“, sagt Angela Weiss. Und so bleiben dem singenden Kasperl bei der „Bärenjagd“ gerade einmal 15 Minuten im Guckkasten. Dann müssen die Zuschauer schon weiter zur nächsten Attraktion.
Jede Figur wiegt
bis zu 1,5 Kilogramm
Man könnte denken, Angela Weiss freue sich über diese Entwicklung: Denn das Puppenspiel gerät zum körperlichen Kraftakt. Jede Figur wiegt zwischen einem und eineinhalb Kilogramm. Gespielt wird mit je einer Figur auf der Hand, sie müssen stets über Kopf gehalten werden. Das strengt an. Trotzdem fände es Angela Weiss schöner, wenn die Buben und Mädchen länger durchhielten, ihr Interesse weniger schnell verflöge. „Es geht vieles verloren“, sagt sie, „mit dem ganzen Technikkram ist es schlimmer geworden.“ Für einen Moment weicht die Fröhlichkeit einer gewissen Traurigkeit im Gesicht von Angela Weiss.
Früher, als der Großvater gespielt hat, da hätten links und rechts vom Eingang auf der sogenannten Parade die Aprill-Mädchen in Kostümen getanzt. Für die Kinder ein Vergnügen, auf das sie sich stets aufs Neue freuten. Ein Erlebnis, das gerne auch die jüngste Weiss-Tochter erleben möchte. Doch den Wunsch kann ihr die Mutter nicht erfüllen. „Das ist längst verboten, wird als Kinderarbeit gewertet“, sagt Angela Weiss.
Zuverdienst sichert
Lebensunterhalt
Überhaupt ist das Puppenspiel kein leichtes Geschäft. War es wohl nie. Denn wenn Angela Weiss und ihr Mann heute sagen, allein vom Kasperl und seinen Freunden sei schlecht leben, dann galt das umso mehr für die Generationen vor ihnen. Früher wie heute müssen die Puppenspieler zusätzlich anderswo Geld verdienen, um über die Runden zu kommen. Angela Weiss etwa betreibt nebenher das Mandelhaus auf dem Rosenheimer Herbstfest.
Doch aufgeben kommt für sie nicht in Frage. Die 37-Jährige ist groß geworden mit dem Puppenspiel. Wenn das Publikum jubelt und ihr die Hurra-Rufe der Kinder entgegenschallen – dann durchflutet sie ein Glücksgefühl. „Puppenspiel ist Leidenschaft“, sagt sie. Die kann man nicht so einfach ausknipsen, wie nach einer Vorstellung das Licht im Zelt.