Raus aus der Isolation

von Redaktion

Welttag der Alphabetisierung Stefan Zinner (33) lernt Lesen und Schreiben

Rosenheim – Stefan Zinner ist 33 Jahre alt und lernt gerade lesen und schreiben. Er ist „funktionaler Analphabet“ und damit nicht alleine. Laut einer Studie der Universität Hamburg zur Literalität von Erwachsenen gibt es in Deutschland rund 6,2 Millionen Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. In der Alpha-Sprechstunde der Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Rosenheimer Mehrgenerationenhaus finden sie Hilfe – nicht nur am Welttag der Alphabetisierung am Sonntag, 8. September.

Jeden Montag, zwei Stunden Unterricht

Jeden Montag trifft sich Stefan Zinner (33) mit Waltraud Resch (60), um von ihr Lesen und Schreiben zu lernen. Seine Lehrerin ist Hausfrau aus Rosenheim und bezeichnet sich selbst als „Leseratte“. Dass Menschen Probleme haben können mit dem Lesen und Schreiben weiß Resch schon seit ihrer Schulzeit: „Damals habe ich Mitschüler gehabt, die beides nicht konnten.“ Von der Alpha-Sprechstunde der AWO Rosenheim hatte sie über eine Zeitungsannonce erfahren. Ehrenamtliche Paten können hier „funktionalen Analphabeten“ dabei helfen, Lesen und Schreiben zu lernen. Stefan Zinner wurde ihr zugeteilt. Die beiden verstanden sich auf Anhieb. Seit einem halben Jahr arbeiten sie nun bereits gemeinsam: manchmal zwei Stunden, manchmal vier. Resch bereitet den Unterricht übers Wochenende vor. In einem Grammatikbuch für Viertklässler, das sie zufällig im Supermarkt entdeckt hat, sucht sie nach Übungen. „Ich wollte einfach herausfinden, wie weit er ist“, sagt sie. Schnell stellte sie fest, wie groß die Lücken bei Zinner wirklich sind. Er kann nur mit großer Mühe lesen, das Schreiben fällt ihm schwer. Immer wieder spricht er die Wörter laut aus, versucht, die Schreibweise irgendwie zu erraten. Resch gibt ihm kleine Hinweise, korrigiert seine Fehler, redet ihm gut zu, wenn er die Hände vors Gesicht schlägt.

Der 33-jährige Familienvater besuchte als Kind eine Sonderschule in Prien am Chiemsee, wechselte nach der zehnten Klasse auf eine Berufsschule. „Ich saß immer ganz hinten, konnte die Tafel nie richtig erkennen und habe einfach den Anschluss verloren“, sagt Zinner. Sechs Jahre arbeitete er, aufgrund seiner Defizite, in den Rosenheimer Wendelsteinwerkstätten. Ein Betreuer dort legte ihm ans Herz, endlich richtig lesen und schreiben zu lernen. Zinner stimmte zu, meldete sich über Projektleiterin Katharina Gaiduk bei der Alpha-Sprechstunde an. Der 33-Jährige hat ein Ziel: Er will endlich in der Lage sein, seinen beiden Söhnen, acht und zehn Jahre alt, eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen können.

Zinner habe bereits große Fortschritte gemacht, könne mittlerweile Wegweiser ohne Probleme lesen und auch kleinere Einkäufe im Supermarkt erledigen, sagt seine Patin. Waltraud Resch freut das. „Ich finde es toll, dass er den Mut hatte, zur Alpha-Sprechstunde zu kommen, um sich zu verbessern.“

Keine Selbstverständlichkeit, weiß Katharina Gaiduk (38). Viele Betroffene würden sich schämen, hätten oft gute Fähigkeiten entwickelt, um sich irgendwie durch den Alltag zu mogeln. Gäben an, die Brille vergessen zu haben, wenn es darum geht, Formulare und Anträge auszufüllen. Oder bestellten im Restaurant das immer gleiche Gericht, um nicht preisgeben zu müssen, dass sie die Karte nicht lesen können.

5000 Menschen im Stadtgebiet betroffen

Zinner selbst sagt, er vermeide im Alltag jede Konfrontation mit seinem Defizit: Den Einkauf etwa übernimmt seine Familie, er selbst besitzt keinen Führerschein. Ein Alltag, den bis zu 5000 Menschen in der Stadt mit ihm teilen, wie Gaiduk schätzt – sie hat dazu die Zahlen aus der Hamburger Studie runtergebrochen.

Viele Gründe

für Defizite

Gründe für die Defizite im Lesen und Schreiben gebe es viele, beispielsweise die Scheidung der Eltern, häufige Schulwechsel oder zu spät erkannte Seh- oder Hörschwierigkeiten, sagt sie. Eine grundsätzliche Prognose darüber wie schnell ein funktionaler Analphabet das Lesen und Schreiben lernen kann, lässt sich laut Gaiduk nicht abgeben.

Stefan Zinner immerhin ist guten Mutes: Das Vorlesen klappt ganz gut. Und das nächste Ziel ist bereits gesetzt: Anfang Oktober beginnt er einen Job als Koch, und möchte dann auch seinen Führerschein machen.

Zusätzliche Infos

Das Angebot ist kostenlos und wird vom Bund finanziert. Die AWO sucht weiterhin nach ehrenamtlichen Lernpaten. Wer Interesse hat, meldet sich unter Telefon 08031/94137321.

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