Rosenheim – So richtig anfreunden konnten sich die Rosenheimer im Jahr 1951 nicht mit den Figuren, die das Portal des neu aufgebauten damaligen Landratsamtes an der Königstraße rahmten.
Zu sehr steckten vielen Menschen noch die kraftstrotzenden Muskelprotze der NS-Kunst in den Köpfen. Nun, gerade einmal sechs Jahre nach Kriegsende, sahen sie hier einen bunten Reigen von Menschen und Tieren, der das „Leben im Landkreis“ schildert. „Soll des a Kunst sei‘, de Manndln, de trapftn?“ soll sich so mancher Rosenheimer gefragt haben. Jedenfalls berichtet dies ein Artikel im OVB vom 2. Juni 1951. Viel zu mager sei die Kuh, viel zu lang seien die Haare des Hufschmieds und die Arme des Maurers seien falsch eingehängt.
Geschaffen hat dieses Relief der in München ansässige Bildhauer Karl Hemmeter, der Ernst Barlach als maßgeblich nannte. Wenn man die teilweise abgehärmten Gesichter der Männer und Frauen genauer betrachtet, entdeckt man durchaus Anklänge des großen Vorbilds, und ein wenig Käthe Kollwitz schwingt auch mit. Angesprochen auf seine Darstellung des Menschen antwortete Hemmeter: „Ich deformierte den Menschen nicht, sondern wollte seine Empfindungen zum Ausdruck bringen.“
Persönliches Moment
in den Figuren
In den vom Leben gezeichneten Figuren wirkt auch viel Persönliches von Karl Hemmeter mit, der, in ein streng evangelisches und sehr armes Elternhaus geboren, schon im ersten Lebensjahr an Rachitis erkrankte. Die sich daraus entwickelnde Hüftluxation erlaubte ihm erst mit drei Jahren ein hinkendes Gehen. Eine lebenslängliche Gehbehinderung blieb. Seine künstlerischen Ambitionen musste er der Not geschuldet zurückstellen und mit 15 Jahren eine Lehre in der väterlichen Drechslerwerkstatt antreten. Doch Freunde und seine Heimatstadt Weißenburg unterstützen ihn und so konnte er nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Nürnberg im Jahr 1926 die Aufnahmeprüfung an der Münchner Akademie bestehen. Befremdlich fanden die Rosenheimer im Jahr 1951 auch die Umsetzung der Idee.
Vorliebe fürs
Hochrelief
Karl Hemmeter hatte die Technik des „versenkten Reliefs“ gewählt, bei dem die Darstellung in den Stein eingetieft ist. Auch wenn schon die alten Ägypter dieses Tiefrelief angewandt hatten, die Rosenheimer schätzten mehr das Hochrelief. Noch etwas, über das man meckern konnte. Die hiesigen Bürger taten sich 1951 noch schwer mit der Moderne, die an die internationalen Kunstströmungen der Vorkriegszeit anknüpfte. Da wundert es nicht, dass es damals progressiven Künstlern wie Leo von Welden, Karl Prokop und Heribert Losert reichte, als die Städtische Galerie ihren Ausstellungsbetrieb nach dem Krieg ausgerechnet mit einem NS-Künstler eröffnete. Als Antwort gründeten sie die avantgardistische „Gruppe 51“.
Das Gebäude an der Königstraße, das das Portal ziert, blickt auf eine wechselvolle Geschichte: 1878 wurde es als Sitz des Bezirksamtes errichtet und 1913 aufgestockt. Als 1939 aus den Amtsbezirken die Landkreise wurden, wurde das Gebäude zum Landratsamt. Bei einem Luftangriff am 20. Oktober 1944 wurde der Bau schwer getroffen. Nach fast drei Jahren Bauzeit konnte am 23. Mai 1951 das Landratsamt an gleicher Stelle wieder offiziell den Betrieb aufnehmen. Seit dem Umzug im Jahr 1967 in den Neubau an der Wittelsbacherstraße ist das sachlich-schlichte Gebäude, das das Landbauamt geplant hatte, Sitz des Wasserwirtschaftsamtes.
Als Material für die Portalrahmung dienten Trümmer der Neuöttinger Innbrücke, die am 1. Mai 1945 von der Wehrmacht gesprengt worden war. In den Marmorwerken Gustav Taussig in Bad Aibling wurde der Muschelkalk in die gewünschten Blöcke geschnitten und anschließend geschliffen. Die bildhauerischen Arbeiten führte Karl Hemmeter mit Gehilfen aus.