Daheim unter Schaustellern

von Redaktion

Zur Herbstfest-Familie gehört Werner Hermann als Ältester – Nino Horländer ist der Jüngste

Rosenheim – Das Herbstfest geht zu Ende und für Werner Hermann (78) damit ein weiteres Jahr auf der Wiesn in Rosenheim. Seit 46 Jahren führt er ein Leben für die Schaustellerei. Ein Leben, das auch den zwei Monate alten Nino junior als Spross der Schaustellerfamilie Horländer erwarten könnte.

Nino junior ist der Jüngste der gesamten Schausteller-Familie auf dem Herbstfest. In seiner extra von der Uroma angefertigten Lederhose ist er der heimliche Star der Wiesn, hat die Herzen der anderen Schausteller im Sturm erobert. Auch das von Werner Hermann. Der Mandel-Hermann ist mit seinen 78 Jahren heuer der älteste Schausteller auf der Loretowiese. Gemeinsam mit Sohn Alexander (48) betreibt er die Mandelbrennerei. Dass das Schausteller-Leben kein einfaches ist, wird deutlich, wenn der 78-Jährige aus seinem Leben erzählt.

Mit elf Jahren brannte Werner Hermann seine ersten Mandeln. Er erinnert sich auch 67 Jahre später an diesen Moment. Sieht vor sich, wie er mit der linken Hand den Kupferkessel über der offenen Gasflamme bewegte und mit dem Holzlöffel in der rechten Hand die Masse im Kessel umrührte. Alles unter den wachsamen Augen seines Vaters, der aufpasste, dass nichts verbrannte. „Es war eine harte Arbeit“, sagt Hermann. Abschrecken ließ er sich davon nicht. Wollte von Anfang an in die Fußstapfen seines Vaters treten. „Ich bin eben ein richtiges Schauspielerkind.“ Von Geburt an sei er mit seinen Eltern unterwegs gewesen, war an keinem Ort wirklich zu Hause. Während der Reise besuchte er Schulen in den verschiedensten Orten. Je nach Aufenthalt der Familie für einige Tage oder mehrere Monate. Was für andere Kinder in seinem Alter unvorstellbar wäre, gehörte für Hermann einfach dazu. Er kannte es nicht anders. Fühlte sich in seinem Schaustellerleben schon als Bub pudelwohl.

1973 Geschäft vom Vater übernommen

Heute denkt er gerne an die Geschichten von früher, die ihm seine Eltern erzählten. Damals, als alles begann. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatte sein Vater einen Schaustellerwagen gekauft und drei Eismaschinen. Auf jedem Volksfest sei er gewesen und habe dort sein Eis verkauft. Einige Jahre später nahm er auch Mandeln ins Sortiment auf. Als sein Vater 1973 schwer erkrankte, musste Werner Hermann nicht lange überlegen. Er übernahm das Geschäft. Eis gab es nur noch am Anfang, dann drehte sich alles um die Mandeln.

Mit der Erfindung der Mandelbrennmaschinen wurde für ihn vieles einfacher. Ein Elektromotor übernimmt seither das Rühren. Hermann kümmert sich um die richtige Temperatureinstellung, muss aufpassen, dass er die Mandeln rechtzeitig aus dem Kupferkessel herausnimmt, damit sie nicht verbrennen. Eine Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. Nach 46 Jahren weiß er, worauf es ankommt, weiß, wie viele Gewürze er dazugeben muss und wann der Zucker karamellisiert ist. Sein Geheimnis: „Die Mischung aus Zucker, Zimt und Mandeln muss stimmen.“

Nach zehn Minuten holt Hermann die Mandeln aus dem Kupferkessel und füllt sie in kleine Papiertütchen. Das macht er den ganzen Tag. Von morgens bis Abends. Wie viel Kilo Mandeln er am Tag verkauft, kann er nicht sagen. „Es ist auf jeden Fall eine ganze Menge.“ Langeweile Fehlanzeige. Von den Mandeln hat er nach all den Jahren noch nicht einmal die Nase voll: „Wenn ich anfange zu essen, kann ich nicht mehr aufhören“, sagt er.

Trotz des Spaßes an der Arbeit freut sich Werner Hermann auf eine kleine Pause nach dem Herbstfest. Er will sich ausruhen, will Zeit mit seiner Frau verbringen und kleinere Reparaturen an seinem Wagen vornehmen.

Viel Zeit zum Entspannen bleibt für den 78-Jährigen trotzdem nicht. Im Oktober geht es für ihn und Sohn Alexander nach Freilassing zum Kirchweihmarkt und von dort weiter zum Rosenheimer Christkindlmarkt. Sehr zum Leidwesen seiner Frau. „Sie schimpft schon ab und zu, dass ich nie zu Hause bin“, sagt er. Ans Aufhören denkt er dennoch nicht. „Ich will noch mindestens zehn Jahre dranhängen.“

Werner Hermann hat seine Entscheidung von damals, das Geschäft seines Vaters zu übernehmen, nie bereut. Er liebt seinen Beruf, genießt jede Sekunde. Kann sich ein Leben ohne die Schaustellerei nicht vorstellen.

Ob der kleine Nino in einigen Jahren auch so empfindet, wird sich zeigen. Das passende Outfit jedenfalls hat er schon.

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