Der Gottvater als leiser Protest

von Redaktion

OVB-Serie „Kunst im öffentlichen Raum“ – Folge 115: Haussegen Kastenauer Kirche

Rosenheim – Ein streng blickender Gottvater segnet über dem Eingangsportal alle, die die Pfarrkirche Heilige Familie in der Kastenau betreten. Geschaffen hat das kräftige Hochrelief der Münchner Bildhauer Heinrich Salomoun im Jahre 1939. Wir sehen Gottvater als Brustbild, mit einem langen, lockigen Bart, und gekleidet in ein langärmeliges, weites Gewand. Die rechte Hand hat er zum Segen erhoben, die linke ruht auf einer Weltkugel. Darauf treten die Taube des Heiligen Geistes und Jesus Christus am Kreuz, den Unterleib in Wolken als Zeichen für sein Kommen aus dem Himmel, plastisch hervor. In der Gesamtheit haben wir also die Heilige Dreifaltigkeit. Auffallend ist der dreieckige Heiligenschein, der allein Gottvater vorbehalten ist, und dessen stark akzentuierte Strahlen durchaus etwas Kubistisches haben.

Der Segen

in Frakturschrift

Die Worte „An Gottes Segen ist alles gelegen“ in Frakturschrift rahmen den quadratischen Hintergrund der majestätischen Figur. Dieser volkstümliche Spruch, die Quintessenz mehrerer Stellen im Alten und Neuen Testament, wurde schon in früheren Zeiten gerne als Haussegen an Häusern angebracht und sollte das Haus und seine Bewohner schützen, aber auch zu Glauben und Gottesfurcht ermahnen. Die Kastenau war ursprünglich ein landwirtschaftlich geprägtes Gebiet mit wenigen Bauernhöfen. Als die Stadt Rosenheim 1933 am Föhrenweg vier Baracken aufstellte zur Unterbringung kinderreicher Familien, die man als „Asoziale“ aus der Stadt haben wollte, war dies der Impuls für die ab 1934 umgesetzten NS-Siedlungsprojekte. Bald sahen sich die christlich eingestellten Kastenauer von den neu nach oben strebenden Häusern der „Frontkämpfer – Siedlung“, der „SA – Heimstättensiedlung“ und der „Kinderreichensiedlung“ umgeben. An der ideologisch „richtigen“ Einstellung der neuen Bewohner war nicht zu zweifeln.

Letzte Kirchweihe
des Kardinals

Joseph Bernrieder, Stadtpfarrer von St. Nikolaus in den Jahren 1932 bis 1949, fürchtete um die Seelsorge vor allem der Kinderreichen, da er diese Familien selten beim Gottesdienst sah, und drängte auf den Bau einer Kirche in dem neuen Siedlungsgebiet. Am 4. Juli 1938 war Baubeginn und am 23. April 1939 weihte der Münchner Erzbischof Michael von Faulhaber den Bau. Es war dies die letzte Kirchenweihe des Kardinals vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und sie lief nicht ohne kräftige Störmanöver der NS-Anhänger ab.

Das Grundstück für den Kirchenbau stiftete Maria Krichbaumer, Besitzerin des Flötzinger-Bräus. Die Pläne für den Bau stammten von dem Münchner Architekten Richard Steidle (1881 bis 1958), der bereits im Jahr 1936 die Rosenkranzkirche in Rosenheim-Fürstätt geplant hatte. Steidle baute Kirchen und Kapellen, aber auch Villen und Wohnanlagen in München und Bayern. Als Mitglied im Quickborn um den Theologen Romano Guardini war Steidle eng eingebunden in die Diskussion um eine Erneuerung des kirchlichen Lebens und vor allem der Liturgie. Mit der Planung und dem Bau der Pfarrkirche Heilige Familie in München-Harlaching 1931 hatte sich der Architekt vom Neobarock abgewandt und die sachlich-rationalen Ideen des Neuen Bauens aufgegriffen. So schuf Richard Steidle einen der frühesten modernen Kirchenbauten Münchens. Richard Steidle wird es auch gewesen sein, der den Bildhauer Heinrich Salomoun ins Spiel brachte, mit dem er schon öfter zusammengearbeitet hatte, wie im Jahr 1926 bei St. Franziskus in München-Untergiesing, 1934 in St. Michael in Schwabhausen und auch 1937 in der Fürstätter Rosenkranzkirche. Hier fertigte Salomoun für den rechten Seitenaltar das Altarblatt „Hl. Joseph und Jesus“ mit einem auffallenden Rahmen mit vier geschnitzten Engelsköpfchen, das sich heute noch an dieser Stelle befindet. Der schlichte Kirchenbau in der Kastenau, der mit seinen Satteldächern und den Fenstern des Pfarrhauses Motive der Siedlungshäuser aufgriff, reagierte sehr fein auf die ideologisch bedrohlichen Zeitströmungen vor 80 Jahren. Das Patrozinium Heilige Familie, also Maria, Joseph und der Jesusknabe, betont den Schutz und die Wertschätzung der christlichen Familie und war damals ein beliebtes Patrozinium in klarer Gegenposition zur nationalsozialistischen Familienpolitik.

Den Spruch „An Gottes Segen ist alles gelegen“ verwendete auch die NS-Propaganda für den „Reichsnährstand“, die NS-Bauernorganisation. Hier in diesem Relief über der Kirchentüre wird der Spruch wieder auf seine Ursprünge zurückgebracht und in den religiösen Kontext eingeordnet.

Das dürfte den Nationalsozialisten aus den im Kastenauer Norden gelegenen Siedlungen der SA und der Frontkämpfer damals nicht entgangen sein, wenn sie einmal die Hauptstraße durch den Südteil der Kastenau nehmen mussten und dann am segnenden Gottvater von Heinrich Slomoun vorbei kamen.

Das Werk

„Segnender Gottvater mit der Weltkugel“, Rotmarmor, 1939, Höhe 145 Zentimeter, Breite 130 Zentimeter, Tiefe 25 Zentimeter; Pfarrkirche Heilige Familie, Kastenauer Straße 32, Rosenheim-Kastenau.

Der Künstler

Heinrich Salomoun wurde 1893 in München geboren und lebte dort. Nach einer handwerklichen Ausbildung besuchte er ab 1920 die Akademie der Bildenden Künste München, wo er Zeichnen bei Angelo Jank studierte. Er gestaltete vor allem in den 1920er- und 1930er-Jahren zahlreiche Ausstattungsteile für Kirchen in Oberbayern und in der Pfalz. Als Mitglied der Münchner Künstlergenossenschaft war der Bildhauer regelmäßig in den Ausstellungen im Glaspalast vertreten. Eines seiner letzten Werke: zwei Porträtmedaillons (frühe 50er-Jahre).

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