„Einäscherung ist die letzte böse Tat“

von Redaktion

Infoveranstaltung der Bürgerinitiative gegen ein Krematorium: Sorge um Stadtbild

Kolbermoor – Der 20. Oktober ist ein richtungsweisender Tag für die Stadt: Dann findet der Bürgerentscheid zum geplanten Krematorium in Kolbermoor statt. Der Streit darüber schwelt bereits seit geraumer Zeit, das Thema ist emotional sehr aufgeladen. Die Stadtverwaltung, die das Projekt befürwortet, wird bei einer Infoveranstaltung am morgigen Dienstag ihre Sicht der Dinge darstellen. Im Vorfeld dazu hat die Bürgerinitiative (BI), die sich gegen die Feuerbestattungsanlage wendet, bei einer eigenen Veranstaltung ihre Befürchtungen thematisiert.

Gleich zu Beginn betonte BI-Sprecher Robert König, man wolle mit der Veranstaltung zur Versachlichung des Themas beitragen. Man werde sich also bewusst im Hintergrund halten, so König, und die inhaltliche Gestaltung des Abends den beiden Experten sowie den Besuchern überlassen. Als Fachleute eingeladen waren der Münchner ÖDP-Bezirksrat Markus Raschke als Klimaschutzexperte sowie Landschaftsplaner und Friedhofsexperte Andreas Morgenroth aus Hamburg.

„Außerhalb der Verhältnismäßigkeit“

Mit Blick auf den als Bauplatz vorgesehenen Neuen Friedhof vertrat der Landschaftsplaner die Ansicht, dass dieser Standort unabhängig von der grundsätzlichen Sinnlosigkeit absolut ungeeignet sei. „Etwa 30 Prozent der vorhandenen Fläche sollen bebaut werden. Das wäre ein erheblicher Eingriff in das Stadtbild und speziell in die Gestaltung des Friedhofs. Eine schöne Grünanlage mit einem Industriebetrieb zu verschandeln, das geht nicht. Das ist absolut außerhalb der Verhältnismäßigkeit“, führte Morgenroth vor den knapp 300 Zuhörern aus.

In einem wesentlichen Teil seines Vortrags hielt der Friedhofsfachmann ein Plädoyer für die klassische Erdbestattung. „Die Natur erledigt den Abbau von Leichen im Boden seit jeher ganz allein. Wir brauchen also keine Krematorien mit ihren Abgasen“, betonte Morgenroth. Das gelte umso mehr angesichts der Tatsache, dass nicht wenige Leichen durch vorherige Strahlenbehandlungen der Menschen in Krankenhäusern radioaktiv belastet seien.

„Es ist in jedem Fall besser, wenn die Rückstände zwei Meter unter der Erde abgebaut werden und nicht in die Luft gelangen.“ Diese Auffassung vertrete auch das Bundesamt für Strahlenschutz, hob er hervor. Zusammenfassend könne man zugespitzt sagen, eine Einäscherung sei „die letzte böse Tat im Leben eines Menschen.“

Mit Blick auf die aktuelle Klimadebatte sei es absolut kontraproduktiv, ein Krematorium zu bauen. „Wir müssen alles überprüfen, was auf lokaler Ebene klimarelevant ist.“ In Bayern gebe es bereits 22 Feuerbestattungsanlagen und damit zwei mehr als in Nordrhein-Westfalen, wo knapp fünf Millionen Menschen mehr leben als im Freistaat. Er stelle daher als Hypothese auf, so Morgenroth, dass jede weitere Anlage gewissermaßen auf Vorrat entstehe.

Zuvor hatte bereits der ÖDP-Politiker Raschke das Thema Krematorium von der lokalen auf die globale Ebene gehoben. Angesichts der dramatischen Entwicklungen im weltweiten Klima sei es „nicht zu verantworten, etwas zu bauen, das ein weiterer Faktor für den Ausstoß von CO2 ist“, sagte der Politiker.

Bei der Klimakrise gebe es Handlungsbedarf auf allen Ebenen, so Raschke. Da möge es auf den ersten Blick zwar verwundern, sich angesichts weit größerer Baustellen wie Industrie- und Verkehrsabgasen mit dem Kohlenstoffdioxid-Ausstoß von Krematorien zu beschäftigen. „Es zählt aber jeder noch so kleine Beitrag, den wir leisten, um unseren ökologischen Fußabdruck zu verbessern“, erläuterte der Experte.

In der von Moderator Thomas Brinkmann geleiteten Fragerunde machten die Besucher rege davon Gebrauch, sich Einzelheiten näher von den Experten erläutern zu lassen. Dabei ging es zum Beispiel um eine mögliche Belastung der Gegend rund um ein Krematorium, um die geplante Kapazität der Anlage, um die Auslastung der anderen Krematorien in Bayern und um mögliche Störungen im Betrieb.

Dabei kam auch die Frage auf, ob es nicht in der Vergangenheit bereits einen Versuch gegeben habe, in der Stadt ein Krematorium anzusiedeln. Hierauf konnte Alt-Bürgermeister Ludwig Reimeier, der unter den Besuchern war, eine Antwort geben. Tatsächlich sei in den 90er-Jahren eine derartige Anfrage bei der Stadt eingegangen. Man habe sich dann informiert und sei zu dem Schluss gekommen, dass eine solche Anlage nicht zur Stadt passe. Insofern habe man das Ansinnen damals ohne große Umschweife abgelehnt.

„Machen Sie vom Stimmrecht Gebrauch“

In seinem Fazit zeigte sich Morgenroth sehr angetan davon, wie man in Kolbermoor mit der Entscheidung zum Thema Krematorium verfahre. „So muss es sein, dass die Bürger selbst darüber bestimmen können, ob das Projekt in ihrer Stadt umgesetzt wird oder nicht.“ Wie auch ÖDP-Politiker Raschke rief er die Bürger dazu auf, von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen und sich am 20. Oktober am Bürgerentscheid zu beteiligen.

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