Zwischen Pietät und chemischen Prozessen

von Redaktion

Es war fast schon eine Lehrstunde in Chemie, die bei der Infoveranstaltung der Stadt Kolbermoor zum Thema Krematorium im Mareis-Saal über die Bühne ging: Die Frage nach Schadstoffen trieb die Bürger am stärksten um. Andere Themen kamen kaum zur Sprache.

Kolbermoor – Nach der Informationsveranstaltung der Bürgerinitiative gegen das Krematorium (wir berichteten) war nun die Stadt Kolbermoor selbst an der Reihe mit dem Bemühen, die Bevölkerung – gekommen waren rund 160 Interessierte – weiter über das Vorhaben am neuen Friedhof aufzuklären.

Ein sehr gefragter Mann war an diesem Abend Dr. Jörg Bachmann, Diplomchemiker und seit 30 Jahren in der Umweltanalytik tätig. Denn ein Großteil der Fragen bezog sich darauf, welche Schadstoffe bei einem Verbrennungsprozess in die Luft gelangen beziehungsweise den Filtern verbleiben.

Schadstoffe

werden gefiltert

Der Experte gab einen Einblick in die Abläufe einer Hightech-Anlage, wie sie in Kolbermoor errichtet werden soll. Dort würden die Abgase gefiltert beziehungsweise gereinigt, so dass Stoffe wie Quecksilber, Kohlenmonoxid, Staub, Gesamtkohlenstoff, Dioxine, Furane, Chrom, sämtliche Schwermetalle und radioaktive Komponenten abgeschieden würden.

Dr. Bachmann wies auf die strengen gesetzlichen Vorgaben hin und stellte fest: „Alles, was den Kamin verlässt, liegt unterhalb der Nachweisgrenze.“ Neben der jährlichen Anlagenüberprüfung fänden kontinuierliche Messungen statt, die Emissionen würden streng überwacht. Zum Jahresende werde ein automatischer Bericht erstellt, auf den niemand Einfluss habe und der an die Untere Immissionsschutzbehörde gehe.

In dem Bericht verzeichnet seien auch etwaige, von etlichen Bürgern angesprochene Bypassöffnungen: Bei unvorhergesehenen Bränden öffnen sich Klappen hinter den Öfen und lenken im sogenannten Bypassbetrieb den Rauch samt Dioxinen direkt in die Außenluft.

Dies sei bei den letzten 20000 Einäscherungen in Traunstein nicht mehr der Fall gewesen, betonte Thomas, dessen EHG Dienstleistungs GmbH dort seit 2001 eine Feuerbestattungsanlage betreibt. Grund: Im Bereich der Technik und der Betriebsführung habe sich in der Vergangenheit enorm viel getan.

Auch Heiko Friedrichs, verantwortlich für den Anlagenbau von Feuerbestattungsanlagen mit modernstem Standard und Dozent für die Ausbildung zum geprüften Krematoriumstechniker, bekräftigte, dass es bei den Hightech-Anlagen nur zu „sehr wenigen“ Bypassöffnungen komme.

Hier machte sich eine Bürgerin Sorgen über den Austritt von Radioaktivität. „Letztlich erfolgt ein möglicher Eintrag von Radioaktivität über einen Verstorbenen, der im Rahmen einer Strahlentherapie behandelt wurde. Mir ist aber nichts über Belastungen durch Krebspatienten bekannt“, meinte Engmann. In Phoenix seien einmal Mitarbeiter eines Krematoriums auf eine etwaige höhere Strahlenbelastung untersucht worden. Diese sei geringfügig höher gewesen, allerdings ebenfalls annähernd unter der Nachweisgrenze. Im Reingas aber sei keine Belastung mehr nachweisbar, bestätigte auch Dr. Bachmann.

Totenasche bleibt unangetastet

Der Chemiker ging zudem auf den sogenannten Filterkuchen ein. Diese giftigen Abreinigungsreste werden, so Engmann, zu einer Untertagedeponie in Hessen transportiert: rund vier Tonnen alle eineinhalb Jahre. Dies geschehe unter Überwachung der Behörden unter strengen Kriterien.

Die Frage, ob ein Krematorium mit der Einäscherung von adipösen Verstorbenen an die Leistungsgrenze komme, verneinte Engmann. Selbst bei der Feuerbestattung eines 420 Kilogramm schweren Verstorbenen sei in der Immissionsstatistik keine Besonderheit festgestellt worden.

Gegen die Annahme, dass Wertgegenstände wie Titan oder Zahngold aus der Asche herausgeholt und in irgendeiner Form weiterveräußert würden, verwehrte sich Engmann mit Vehemenz. Die Asche eines Verstorbenen gelte in Deutschland als unteilbar. Wer sich daran vergreife, verstoße gegen das Bestattungsgesetz und mache sich strafbar.

Ebenso wies er den Vorwurf zurück, sein Betrieb in Traunstein sei nicht zertifiziert und man habe kurz vor der Veranstaltung die Homepage abgeschaltet.

Auch das Thema Wartezeiten beschäftigte die Bürger: „In umliegenden Krematorien gibt es gar keine Wartezeiten, wie von Herrn Engmann behauptet. Manche sind sogar nur zu 65 Prozent ausgelastet. Wo ist hier der Bedarf für eine weitere Anlage in Kolbermoor?“

Engmann erklärte, er könne nur für sein Unternehmen sprechen und habe die Wartezeiten auf die Zukunft bezogen: „Wir sind in Traunstein am Rande der Kapazitätsgrenzen. Wenn wir keine zweite Feuerbestattungsanlage bauen, werden wir spätestens in zwei Jahren so weit sein, dass wir den Angehörigen keine akzeptablen Zeiten mehr zwischen Tod, Einäscherung und Urnenbestattung anbieten können und dann auch abweisen müssen. Das heißt, dass dann längere Wege in andere Anlagen erforderlich wären.“

Zwei Bürger meldeten sich, die eine Feuerbestattungsanlage in Kolbermoor mit Nachdruck begrüßten. „Für mich als Kolbermoorer ist es ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich nach meinem Tod nicht durch die Gegend gefahren werde und die Angehörigen und Freunde keine weiten Wege haben“, meinte ein Redner. Das Thema Pietät vermisste eine Kolbermoorerin: „Vieles klingt hier geradezu nach Müllverbrennungsanlage, es geht nur um Schadensfälle, kaum um was Positives. Ich bin mit Leib und Seele Kolbermoorerin und finde es gut, wenn wir hier eine solche Anlage hätten.“

Viele Themen

blieben unberührt

Kaum zur Sprache kamen an diesem von Axel Effner moderierten Abend die Themen Verkehr, Natur oder Alternativstandorte. Wobei Bürgermeister Kloo das Bundesverwaltungsgericht zitierte, wonach ein Krematorium einen Ort der Ruhe, des Friedens und des Gedenkens an die Verstorbenen darstelle und sich daher nicht mit der werktätigen Geschäftigkeit eines Gewerbegebietes vertrage.

Abstimmung über Feuerbestattungsanlage am 20. Oktober

Die EHG Dienstleistungs GmbH plant am neuen Kolbermoorer Friedhof eine Feuerbestattungsanlage mit Verabschiedungsraum. Geplant sind zunächst bis zu 3500 Einäscherungen pro Jahr, später dann mittels einer zweiten Ofenlinie 7000. Die Betreiber gehen von einem Einzugsbereich von 100 bis 150 Kilometern aus. Das vorgesehene etwa 2000 Quadratmeter große Grundstück ist von Grüngürteln umgeben und liegt rund 100 Meter von der nächsten Wohnbebauung entfernt. Die Erschließung erfolgt über eine Zufahrt direkt von der Staatsstraße 2078 aus und führt über einen Parkplatz zum Gelände. Die Bürger entscheiden über die Ansiedlung per Ratsbegehren am 20. Oktober. Abgestimmt werden kann in acht Abstimmungsbezirken und zwei Briefwahlbezirken. Abstimmungsberechtigt sind 14712 Bürger.

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