Pfeifenrauchend: Bildhauer Joachim Berthold.Foto fie
Rosenheim – Zwei putzige Bärchen, die miteinander spielerisch tollen und ringen und dabei eine Kugel formen: Diese Plastik ziert seit der Eröffnung der damaligen „Staatlichen Knabenmittelschule“ am 12. September 1957 den Grünstreifen rechts vom Haupteingang Am Nörreut.
Schöpfer dieser liebenswerten Tierplastik aus Betonguss ist der Oberaudorfer Bildhauer Joachim Berthold, der damals noch am Anfang seiner internationalen Karriere stand. Berthold beschäftigte sich zu dieser Zeit mit dem Thema „Form und Inhalt“ und wandte sich mehr und mehr von seinem naturalistischen Frühwerk ab.
Täppisch-kraftvolle
Anmut
In dieser spielerischen Zwischenstufe, bevor er zur großen Strenge und Abstraktion seiner Menschenfiguren fand, setzte sich der Künstler mit der geometrischen Form der Kugel auseinander. So entwickelte Berthold aus der Idealform einer Kugel die beiden spielenden Bären. „Die beiden Tiere ‚kugeln‘ sich wahrhaft herum in der für junge Bären charakteristischen täppisch-kraftvollen Anmut“, bemerkte der Kunsthistoriker Heinz Leitermann 1957 in einem Katalogbeitrag.
Urform der beiden Bären war eine Gartenplastik, die der Bildhauer 1954 für den heimischen Garten und zur Freude seiner beiden Töchter geschaffen hatte. „Diese Bären waren aus Terrakotta und wurden irgendwann vom Frost gesprengt und zerstört. Eigentlich schade, denn wir liebten dieses nette Gartendekor sehr“, erzählt Sabine Fordemann, die jüngere Tochter, die gerade ein Jahr alt war, als der Vater den Garten mit der Tierplastik belebte. Das „Kindermotiv“ fand auch außerhalb der Familie Anklang und so wurde es mehrfach, in Betonguss oder Terrakotta, ausgeformt. Ein Exemplar erwarb die Regierung von Oberbayern und eines kam eben vor die neugebaute Schule in Rosenheim.
Die „Staatliche Knabenmittelschule“, seit dem Jahr 2005 als Johann-Rieder-Realschule bekannt, war 1954 ins Leben gerufen worden als Pendant zur schon 1916 gegründeten „Städtischen Mädchenmittelschule“. Gründungsdirektor Dr. Alois Resch war froh, als nach drei Jahren in Provisorien im September 1957 die neu gebauten Schulräume bezogen werden konnten. Planung und Bauleitung lagen in den Händen von Architekt Anton Bernhard vom Stadtbauamt Rosenheim. Der erst 30-jährige Architekt schuf ein Ensemble aus einem kleineren Nebengebäude für Büros und Hausmeisterwohnung sowie ein elegant zurückhaltendes Hauptgebäude für die Klassenzimmer. Ein heller Glasgang verbindet die beiden Teile und schließt den Komplex zur Straße hin ab. Dahinter liegt der Pausenhof. Die Architektur atmet den frischen Geist der 1950er-Jahre.
Seit einigen Jahren fehlt einem der Bären ein Ohr. „Es wurde nächtens von einem Randalierer abgeschlagen“, vermutet Schulleiter Wolfgang Forstner. Nach 62 Jahren im Grünstreifen vor der Schule hätten die Bären einen Erholungsurlaub bei einem Restaurator mehr als verdient.