Akrobatik im Kirchenschiff

von Redaktion

Am Tag der Deutschen Einheit: Jana Weidl zeigt Kunststücke mit einem Vertikaltuch

Höchste Konzentration: Jana Weidl am Tuch.

Rosenheim – Die Rosenheimer Christkönigkirche: Kein stilles Beten herrscht, sondern kurze laute Befehle schallen durch die Kirche: „Die Seile rhythmisch schlenkern, damit die Verstrickung oben sich löst!“ Männer hantieren mit langen Reepschnüren und Bergsteigerseilen, einer ist Rainer Heilmann, der Leiter des Jugendorchesters „Die Arche“. Hier laufen die Vorbereitungen für ein Konzert mit Programm am Tag der Deutschen Einheit.

Einer der Männer ist Manfred Mauler (49), er arbeitet als Lehrer für Mathematik und Sport und leitet die Klettergruppe. Er und Schülerin Lara Irlinger (17) sichern einen weiteren Kletterer, der sich an einem Seil hinaufschraubt bis zur oberen Querstrebe im Altarraum. Dort befestigt Lorenz Kronast ein langes schwarzes Tuch und ein paar bunte Tuchschlaufen. All dies wird installiert für das Mädchen, das unten steht, Anweisungen gibt und wartet. Er ist die 18-jährige Jana Weidl.

Währenddessen bauen zwei junge Männer in aller Ruhe zwei Beleuchtungstürme auf. Als das schwarze Vertikaltuch hängt, klettert Jana Weidl hinauf, wickelt sich das Tuch um Hände und Füße und macht eine Grätsche.

Jana Weidl wohnt in Rohrdorf und geht in die 12. Klasse der Waldorfschule in Rosenheim. Dort schreibt sie derzeit eine Jahrgangsarbeit, das heißt, sie beschäftigt sich ein Jahr lang mit einem Thema sehr intensiv. Sie hat sich ausgesucht, als Vertikaltuchkünstlerin eine große Choreografie zu erarbeiten und zu präsentieren. Ganz ohne Hilfe? „Ich war einmal in Berlin“, sagt sie, „und habe Privatunterricht bei einer Lehrerin genommen, die Choreografie habe ich selber alleine entwickelt“. Sie habe sich vieles selbst beigebracht, weil es „total schwierig“ sei, einen Lehrer in der Umgebung zu finden. Es gebe in München und Berlin Kurse und Workshops, aber keinen regelmäßigen Unterricht.

Und wie ist sie überhaupt auf diese Kunstart gekommen? Sie sei einmal auf dem Mittelalterfest in Kufstein gewesen und habe dort eine Artistik-Show gesehen. Dort sei auch eine Vertikaltuchartistik geboten worden. „Das hat mich total beeindruckt und ich habe mir gesagt, das will ich auch können.“

Choreografie

dauert elf Minuten

Ein Jahr zuvor erst hatte Jana Weidl mit der Akrobatik angefangen, dann folgte das Bodenturnen. „Das hat mich noch einmal total inspiriert. Es war zuerst nur ein Traum.“ Aber irgendwann kam eine Schulkameradin zum Turnen mit einem Tuch, und Jana Weidl ließ sich von ihr zeigen, wie man mit dem Tuch umgeht, was man mit ihm alles machen kann. So lernte sie die ersten Knoten kennen. Das Weitere schaute sie sich in Videos an. „Ich habe mir alles abgemalt und abgezeichnet und hinterher probiert“, sagt sie. Drei Jahre ist das nun her.

Ihre Choreografie ist elf Minuten lang. An ihr hat sie die Sommerferien über gearbeitet. Zur Choreografie läuft der Song „The Rhyme of Taigu“ von Zhou Long. „Das ist ein Komponist, der zu der Zeit gelebt hat, als die Demonstration am Platz des Himmlischen Friedens in Peking war. Das versuche ich in dieser Choreografie auszudrücken, diesen Kampf um die Freiheit und die Demokratie.“

Jana Weidl ist nicht nur Vertikaltuchakrobatin, sondern spielt auch Bratsche im Jugendorchester „Die Arche“. Rainer Heilmann, der Gründer und Leiter dieses Orchesters, hat speziell für den Tag der Deutschen Einheit in der Christkönigkirche ein Konzert konzipiert. Die sportlichen Vorbereitungen in der Kirche dienen dafür. Höhepunkt im Programm ist die Rosenheimer Uraufführung von „The Rhyme of Taigu“ des chinesischen Komponisten Zhou Long.

Gespielt wird auch die 6. Symphonie von Ludwig van Beethoven, die „Pastorale“. Dazu wird die YPAC (Jugendparlament zur Alpenkonvention)-Gruppe des Karolinengymnasiums in Bildern die Schönheit der Alpen zeigen. Von Aaron Copland stammt das „Lincoln Portrait“, zu dem in der Kirche Zitate des amerikanischen Präsidenten rezitiert werden. Kurt Weill hat im französischen Exil ein Chanson komponiert mit dem Titel „Youkali“, eine Vision der Freiheit, ein Chanson, das für einige zur heimlichen Hymne der Résistance in Frankreich wurde: Alles Musik für die Freiheit, für die Demokratie und für die Menschenrechte. Und dazu die Vorstellung von Jana Weidl.

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