Rosenheim – Bei der Bürgerversammlung Mitte Süd-West reichten die Sitzplätze bei weitem nicht für alle Besucher aus. Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer war beim Anblick des enormen Andrangs in der Turneralm sofort klar, dass es in Oberwöhr derzeit ein Thema geben muss, das die Anwohner „außerordentlich bewegt“. Sie hatte recht: In diesem Stadtteil geht derzeit die Angst vor einer massiven Wohnbebauung auf zwei Wiesenflächen um.
Bürger per
Wurfpost mobilisiert
Wilfried Heuschneider hat die Anwohner im Stadtteil Oberwöhr „mobil“ gemacht. Mittels Wurfpostsendung hat der 59-Jährige die Anwohner gebeten, möglichst zahlreich bei der Bürgerversammlung zu erscheinen, weil seiner Erkenntnis nach bereits ausgearbeitete Pläne zu einer groß dimensionierten Wohnbebauung auf der Wiese zwischen der Krainstraße, der Mangfall und dem MTV-Sportplatz existieren. Im Raum stehe außerdem eine Bebauung der Wiese neben der Kirche St. Josef der Arbeiter.
Wind davon bekommen hat Heuschneider, weil er unmittelbar neben der Wiese neben der Turneralm wohnt. Zusammen mit einigen anderen Anliegern ist ihm dort in den vergangenen Monaten immer wieder einmal ein Wagen eines geologischen Unternehmens aufgefallen. „Auf der Wiese fanden Probebohrungen statt“, erzählt der gebürtige Oberwöhrer. Anfangs habe er noch gedacht, diese Maßnahme könnte mit dem Abschluss der Hochwasserschutzmaßnahme zusammen hängen, doch dann sei er irgendwann misstrauisch geworden.
Heuschneider fing zusammen mit einem weiteren direkten Anlieger an, der Sache auf den Grund zu gehen. Über persönliche Kontakte zu verschiedenen Ämtern wollen die beiden schließlich von einer möglichen Bebauung auf den Oberwöhrer Wiesenflächen erfahren haben. Tatsächlich existiert von Seiten eines Investors auch schon eine konkrete Entwurfsplanung für die Wiese an der Mangfall, die den OVB-Heimatzeitungen zugespielt wurde: Darauf zu sehen sind 16 Baukörper, viele davon drei- und viergeschossig mit Wohnraum für gut 500 Menschen.
Für Wilfried Heuschneider steht fest, dass die Stadt schon lange über diese Pläne Bescheid wusste. „Was uns in Oberwöhr so aufregt ist, dass einem das Gefühl beschleicht, dass alles schon längst gelaufen ist und wir gar nichts mehr dagegen tun können“, ärgert er sich.
Um erschwinglichen Wohnraum zu schaffen, behält sich die Stadt Rosenheim seit dem Jahr 2016 vor, bei in Frage kommenden Grundstücken ab 10000 Quadratmeter 35 Prozent der Fläche zum Preis vor einer Baulandentwicklung zu erwerben. Bei den beiden Wiesen in Oberwöhr könnte das der Fall sein, wenn das betreffende Gebiet tatsächlich zum Bauland erklärt wird.
Warnung vor „Halbwahrheiten“
Baudezernent Helmut Cybulska räumte ein, dass in der Vergangenheit tatsächlich schon Gespräche mit den Eigentümern geführt wurden. Bisher sei die Öffentlichkeit darüber aber nicht informiert worden, um die Verhandlungen nicht zu gefährden oder den Preis unnötig in die Höhe zu treiben.
Konkret sei aber bis jetzt noch gar nichts, das betonte auch Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer energisch und warnte die Oberwöhrer vor „Halbwahrheiten“, die derzeit in diesem Stadtteil die Runde machen. „Wir machen nichts heimlich“, so Gabriele Bauer. Um überhaupt als Bauland in Frage zu kommen, müssten die betreffenden Flächen erst einmal wie alle anderen Bauprojekte auch, die rechtlichen Vorgaben und Prozedere durchlaufen: „Das ist ein der Öffentlichkeit gut zugängliches Verfahren“. Sollten die Planungen in den kommenden Jahren tatsächlich konkretere Züge annehmen, würde man natürlich sofort Informationsveranstaltungen für die Anwohner durchführen.
Die Ängste bei den Oberwöhrern bleiben dennoch. Vielen sitzt nach wie vor der Schreck des verheerenden Hochwassers im Jahr 2013 tief in den Knochen. „Wir haben Angst, dass wir durch die Versiegelung dieser enormen Fläche bei einem Starkregen wieder überschwemmt werden,“ meinte eine besorgte Anwohnerin.
Aufgrund der Hochwasserschutzmaßnahmen in den vergangenen Jahren sei Oberwöhr aktuell gut geschützt, hieß es dazu von Seiten der Rosenheimer Stadtverwaltung. Wilfried Heuschneider vertraut dieser Aussage nicht. „Ich kann mich noch gut erinnern, dass uns die Oberbürgermeisterin nach dem Hochwasser versprochen hat, dass diese Wiesenflächen nicht bebaut werden, um im Falle einer erneuten Flutkatastrophe Überlaufflächen zur Verfügung zu haben. Jetzt gilt das plötzlich nicht mehr“, ärgert er sich.
Das geplante Bauvorhaben wird auch aus anderen Perspektiven heraus mit großer Sorge betrachtet. „Derzeit wird intensiv über Klimawandel und Artensterben diskutiert und dann will man wieder eine große Grünfläche für Baugrund opfern“, meinte eine Anwohnerin. Eine andere äußerte Ängste, dass sich der Zuzug von rund 500 Menschen auch auf die dörfliche Struktur des Stadtteils negativ auswirken könnte.