Wenn der Teddy Bauchschmerzen hat

von Redaktion

Im Teddybärkrankenhaus soll Kindern die Angst vorm Doktor genommen werden

Rosenheim – Verschluckte Legosteine, gebrochene Elefantenrüssel und verstauchte Bärenpfoten: Im Teddybär-Krankenhaus im Rosenheimer Schüler- und Studentenzentrum wurden Ende vergangener Woche zahlreiche Stofftiere verarztet. 50 Ehrenamtliche kümmerten sich um die 600 Kinder und deren behandlungsbedürftigen Kuscheltiere. Das Ziel: Den Kindern die Angst vor dem Arzt und dem Krankenhaus nehmen.

Fest umklammert der kleine Ruben (5) seinen weißen Stoffhund „Wuffi“ mit dem grünen Halstuch. Gemeinsam mit Bruder Karmil (5) und Mutter Monika (42) ist er aus Kolbermoor gekommen, um herauszufinden, was seinem kranken Kuscheltier fehlt. „Ich glaube, er hat einen Legostein verschluckt“, sagt der Fünfjährige. Ob sich seine Vermutung bestätigt, wird sich zeigen. Bevor „Wuffi“ untersucht wird, muss er gemessen und gewogen werden. Ruben füllt einen Fragebogen aus, zeichnet ein Bild von seinem „Wuffi“. Mit einem Kreuz markiert er die Stelle, wo sein Kuscheltier Schmerzen hat. Für den kleinen Ruben ist das alles sehr aufregend, doch im Teddybär-Krankenhaus sind solche Fälle Routine.

Nico Hanny bringt Idee nach Rosenheim

Bereits zum sechsten Mal fand die Aktion „Teddybär-Krankenhaus“ in der Region Rosenheim statt. Die Idee dazu kam von dem Schechener Medizinstudenten Nico Hanny (28). „Ich habe beim Teddybärkrankenhaus in Erlangen mitgemacht und mir war klar, dass es so etwas auch in Rosenheim geben muss“, sagt Hanny.

Gesagt, getan. Unterstützt von zahlreichen Stellen wie Startklar Soziale Arbeit Oberbayern, der Sparkassenstiftung Zukunft und anderen Sponsoren ging es im Jahr 2017 in Rosenheim in die erste Runde. Seitdem hatten schon über 2000 Kinder Gelegenheit, ihre kranken Kuscheltiere behandeln zu lassen – wie eben auch Ruben Tietz.

Der ist, gemeinsam mit Krankenschwester Micha, mittlerweile im Behandlungszimmer angekommen. Dort wird Stoffhund „Wuffi“ durchgecheckt. Bevor die Untersuchung losgeht, bekommt Ruben ein Stethoskop. Er legt es sich um den Hals und sieht schon jetzt aus wie ein richtiger Doktor.

Mit einem Otoskop werden Gehörgang und Trommelfell – insofern bei den Kuscheltieren vorhanden – untersucht. Mit dem Stethoskop überprüft Ruben die Herztöne. „Passt alles“, lautet das Fazit von Krankenschwester Micha. Bevor es zum Röntgen geht, gibt Ruben seinem Stofftier noch eine Spritze, zur Vorsorge.

Vor dem Röntgenapparat hat sich bereits eine Schlange gebildet. Da steht zum Beispiel der kleine Eduard mit seinem blau-weißen Delfin und die achtjährige Vanessa mit ihrem Stoffhund, den sie von ihrem Bruder geschenkt bekommen hat. Angst vor dem Doktor haben die beiden nicht – mit einer kleinen Einschränkung: „Nur wenn ich eine Spritze bekomme“, sagt Vanessa.

Einige Kinder sind privat hier, anderen mit Schulklassen oder der Kindergartengruppe. Erstmals können auch Kinder im Rollstuhl an der Aktion teilnehmen.

Endlich ist Ruben an der Reihe. Vorsichtig legt er sein Stofftier in die Röntgenkiste. Mithilfe eines Overhead-Projektors werden die Tiere durchleuchtet. Gespannt schaut Ruben auf die Wand vor ihm. Und tatsächlich: Der verschluckte Legostein ist auf der Röntgenaufnahme deutlich erkennbar.

„Den müssen wir jetzt entfernen“, sagt Micha und schiebt ihren Schützling in Richtung OP-Saal. Ruben bekommt einen Kittel, ein Haarnetz und eine Gesichtsmaske, die fast sein ganzes Gesicht bedeckt. Der erste Schritt bevor operiert werden kann: Hände desinfizieren. „Der Geruch sorgt bei vielen Kindern schon für Unbehagen“, sagt Hanny. Und auch die OP-Maske wirke auf die Kinder oft bedrohend. Dadurch, dass die Kinder im Teddybärkrankenhaus quasi die Rolle des Arztes übernehmen und jeden Schritt genau nachvollziehen können, soll eben diese Angst genommen werden.

Nach der bestandenen Operation geht es Stoffhund „Wuffi“ wieder besser. Und auch Ruben ist erleichtert. Vorsichtig verbindet er die operierte Stelle mit einer weißen Binde. In der Apotheke gibt es anschließend noch einige Medikamente fürs Stofftier und Süßigkeiten für die mutigen Doktoren.

Zahnarzt, „Zuckerbar“ und Organteddys

Auch Organisator Nico Hanny ist zufrieden. Ihm ist es wichtig, dass die Kinder ernst genommen werden, dass die Doktoren nicht nur mit den Eltern reden, sondern eben auch mit den Kindern. „Außerdem ist es wichtig, die Kinder nicht anzulügen. Wenn eine Impfung wehtut, muss der Doktor das klar kommunizieren“, sagt der Medizinstudent.

Das Teddybärkrankenhaus ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Ständig überlegt er sich neue Stationen. Mittlerweile gibt es auch einen Zahnarzt, eine Station, an der Kinder an Krücken laufen oder im Rollstuhl fahren können sowie eine „Zuckerbar“, an der die Kinder und Eltern alles über gesunde Ernährung lernen können.

Ganz neu in Rosenheim sind auch die beiden Organ-Teddys. Braucht also eines der kranken Stofftiere eine Organspende, gibt es auch hier eine Lösung. „Der Darm hat Originallänge“, sagt Hanny mit einem Lachen und zieht das knapp sieben Meter lange, pinke Stoffknäuel aus dem Bären.

Ganz egal also, ob leichte Erkältung, schwere Brüche oder Organtransplantation, das Teddybärkrankenhaus ist auf jeden Fall vorbereitet und die Kinder verlieren nach und nach ihre Angst vor dem Arztbesuch. Für Ruben steht schon jetzt fest: Auch beim nächsten Mal will er wieder dabei sein. Dann hoffentlich mit einem anderen Stofftier.

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