Hilferuf sorgt für glückliches Ende

von Redaktion

Nach Facebook-Post: Marlena Hellwig und Tochter Alia bekommen neue Wohnung

Rosenheim – Einen schöneren Start in die Woche hätte sich Marlena Hellwig nicht wünschen können. Seit gestern steht fest: Die 43-Jährige kann mit ihrer schwerstbehinderten Tochter Alia (15) umziehen. Die monatelange verzweifelte Suche nach einer neuen Bleibe hat ein Ende. Von Januar an werden die beiden in Griesstätt leben können.

Riesen Resonanz
auf offenen Brief

Es sind Stunden der Erleichterung, die die Rosenheimerin gestern erlebt. Endlich, endlich ist eine Lösung gefunden für die Zukunft. Alle Ämter und Behörden wissen Bescheid, alle Details sind geklärt. Jetzt geht es nur noch nach vorne. Im Januar schon wird die kleine Familie nach Griesstätt umsiedeln. In eine Wohnung, die zwar kleiner ist als die an der Frühlingstraße in Rosenheim. Aber dafür einen Garten bietet, den Marlena Hellwig und ihre Tochter ganz allein nutzen und nach ihren Wünschen gestalten können. Auch die Barrierefreiheit passt in den Räumen im ersten Stock noch nicht ganz: Aber für Marlena Hellwig ist das alles zweitrangig.

Was zählt, ist, dass es eine sichere Zukunft gibt für Alia und sie. „Es ist eine Wucht für uns“, sagt sie. Und erzählt, dass sie „Rotz und Wasser geheult“ habe, als sie erfuhr, dass das Jobcenter das Anmieten der neuen Wohnung genehmigt hat. Die 43-Jährige bezieht Hartz IV und andere finanzielle Unterstützung, etwa Pflegegeld für die Tochter. Alia ist Autistin, geistig behindert, taub und stumm.

Vorbei sind damit die Ängste und Sorgen, die schlaflosen Nächte. In einer solchen hatte Marlena Hellwig – wie berichtet – einen Post auf Facebook veröffentlicht mit der Bitte, ihn zu teilen. Überschrieben mit „Offener Brief an unsere Bürgermeisterin von Rosenheim, Gabriele Bauer“, erzählte sie über ihre Situation als alleinerziehende Mutter einer mehrfach schwerstbehinderten Tochter. Davon, dass sie nach neun Jahren aus der preiswerten Wohnung ausziehen müsse, weil das Mehrfamilienhaus an einen Investor verkauft sei und saniert werden solle. Davon, dass die Kündigung zum Jahresende bereits auf dem Tisch liege. Vor allem aber auch davon, wie schwierig, oft auch demütigend, die Suche nach einer Wohnung für sie sei. Ein herzergreifender Post, zuletzt 3056-mal geteilt und mit 491 Likes versehen. In zahlreichen Antworten bekundeten User ihr Mitgefühl, boten Unterstützung an. Einige teilten die Nachricht mit Freunden und Bekannten. Bis schließlich die Nachricht auch den Vermieter der Wohnung in Griesstätt erreichte. Der Mann, von dem Marlena Hellwig lediglich sagen möchte, dass er ein alter Herr ist, bot der kleinen Familie die Wohnung an. Da der Mietpreis etwas über dem der Rosenheimer Wohnung liegt, musste sich Marlena Hellwig bis zur Zustimmung des Jobcenters gedulden. Und doch war schon allein das Angebot eine positive Wendung, auf die Mutter und Tochter lange gewartet hatten.

Die neue Wohnung will Marlena Hellwig erst nach und nach beziehen. Denn für Alia sei es wichtig, sich langsam an die neue Umgebung gewöhnen zu können. Raus aus Rosenheim, rüber nach Griesstätt: Das ist für die 15-Jährige eine große Umstellung. Der Mietvertrag beginnt am 1. Januar 2020. Marlena Hellwig plant mit einer Übergangszeit von vier Wochen, bis beide endgültig in den neuen Räumen angekommen sind. Rosenheim zu verlassen, sei kein Problem. Im Notfall könnte Alia ärztliche Hilfe in Wasserburg finden. Dass Griesstätt zum Sprengel der Stiftung Attl gehört, macht die Sache nur ein Stückchen perfekter. Denn dort geht Alia zur Schule.

Am Ende ist also alles gut gegangen. Doch eines stört Marlena Hellwig trotzdem: Sie hatte sich, so sagt sie, bereits im Februar an die Stadt gewandt und um Unterstützung gebeten. Damals per Mail an das Bürgermeisterbüro. Antwort habe sie nie bekommen. Auch jetzt, in den vergangenen Tagen, sei ihr Anliegen zwar intern weitergeleitet worden, eine andere Reaktion aber habe es nicht gegeben.

Eine Kritik, die Hellwig nicht zum ersten Mal geäußert hat. Ein Vorwurf, den Andreas März, CSU-Stadtrat und Oberbürgermeisterkandidat, gelesen und nicht auf sich beruhen lassen wollte: „Die Stadt kommt da schlecht weg“, sagt März. Daher habe er sich zum Fall erkundigt, teilt er mit. Beim Investor, bei den Ämtern, auch im Vorzimmer der Oberbürgermeisterin. Insgesamt sei die Situation für Marlena Hellwig und ihre Tochter natürlich sehr schwierig. Aber nicht ungewöhnlich. Der Mietmarkt sei angespannt, die Lage für Alleinerziehende noch einmal ungünstiger. Rund 220 Menschen stünden beim Sozialamt auf der Warteliste. Die Dunkelziffer derer, die sich erst gar nicht meldeten, liege bei etwa 600 bis 650 Wohnungssuchenden, sagt März. Und konstatiert ein altes Anliegen der SPD-Stadtratsfraktion: „Da haben wir Nachholbedarf.“

Große Erleichterung
nach Zusage

Trotzdem seien die Ämter in Rosenheim sehr bemüht, „den Schwächsten in der Gesellschaft ein bisschen Freude und Lebensqualität“ zu ermöglichen. Dass auf der anderen Seite ein Eigentümer seine Immobilie verkaufe an einen Investor, sei durchaus legitim, sagt März. Und er bittet um Verständnis dafür, dass die Oberbürgermeisterin nicht jedes private Anliegen persönlich beantworten könne. Zwar habe das Vorzimmer sie über den Post auf Facebook informiert, letztlich sei dann die Sache an die Fachstellen delegiert worden. Dass jetzt eine Lösung gefunden ist, stimme ihn froh, sagt März.

Marlena Hellwig selbst findet schließlich ebenfalls versöhnliche Worte. Ganz ausdrücklich wolle sie sich bedanken für die rasche Hilfe in den Ämtern, sagt sie. Die Erleichterung ist ihr anzuhören. Es ist ein guter Tag für sie. Vielleicht der beste der Woche.

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