Rosenheim – Die Bücherzelle hinter dem Pfarrheim von Heilig-Blut in Rosenheim ist eine schöne Idee. Denn in der ausrangierten Telefonzelle können Menschen Bücher bringen oder von dort holen. Eine feine Sache. Eigentlich. Gebe es da nicht diverse unschöne Zwischenfälle.
Marianne Eckardt (71) ist verzweifelt. Die Vorsitzende des Pfarrgemeinderats in Heilig-Blut liebt die kleine Telefonzelle, die seit gut vier Jahren dem Pfarrheim als Bücherzelle dient. Das grau-magentafarbene Häuschen erinnert an die Zeit, als nicht jeder ein Handy hatte. In der es öffentliche Plätze zum Telefonieren gab. Ein-Mann-Kabinen mit einer Ablage, unter der dicke Telefonbücher hingen zum Nachschlagen von Namen und Adressen. Einst hatten die Pfarrgemeinderats-Mitglieder die alte Telefonzelle aus Berlin bekommen, wo die Telekom ein Lager hat für die heute überflüssigen Häuschen.
So mancher stellt
einen Nachlass ab
Insofern ist gar nicht so abwegig, dass die ehemalige Telefonzelle nun schon seit einigen Jahren Bücher beherbergt. Kinderbücher, Sachbücher, Romane natürlich auch. Wer mag, kann ein Buch kostenlos mitnehmen, dieses oder ein anderes zurückbringen. Ein Angebot, das „sehr gut angenommen“ werde, wie Marianne Eckardt sagt. Zumal die Bücherzelle Tag und Nacht offen steht und für jedermann gut zugänglich ist.
Doch genau das ist jetzt zum Problem geworden. Körbe- und kistenweise stellen Unbekannte ihre aussortierten Bücher in und vor der Bücherzelle ab. „Das sind ganze Nachlässe“, sagt Marianne Eckardt. Und ärgert sich über das eigennützige Verhalten dieser Menschen, denen vollkommen egal zu sein scheint, was mit den Büchern passiert, wer die Arbeit mit ihnen hat. Und mit den schmutzigen Tüten und Taschen, die ihre Besitzer einfach zurücklassen.
Mittlerweile hat die Vorsitzende des Pfarrgemeinderats sogar einen Zettel an die Bücherzelle geklebt. Doch die Bitte, nur dann Bücher einzustellen, wenn auch Platz genug ist, verhallt offensichtlich ebenso ungehört wie die Aufforderung, die kleine Ablage in der Bücherzelle freizuhalten. Die ist nämlich eigentlich dazu da, für einen Moment zu verweilen, ein Buch in die Hand zu nehmen, ein wenig hineinzulesen in den Text.
Noch schlimmer aber: In jüngster Zeit ist sogar Mobiliar verschwunden. Ein kleiner Holzschemel etwa, den Marianne Eckardt aufgestellt hatte, damit auch kleinere Menschen Zugriff haben können auf Bücher in den oberen Regalen. Weg, einfach mitgenommen. Auch mehrere Plastikboxen haben Unbekannte gestohlen. Sogar eine, die zuletzt extra eingebaut worden war, damit sie niemand mitnehmen kann.
Falsche
Verdachtsmomente
Wer macht so etwas? Marianne Eckardt ist ratlos. Doch eines, sagt sie, wisse sie genau: Die Bedürftigen, die zur „Rosenheimer Leibspeise“ ins Pfarrzentrum Heilig-Blut kommen, sind es nicht. Die würden zwar hin und wieder ein Buch über Mittag ausleihen und lesen, aber das sei auch alles, sagt sie – und betont: „Da bin ich mir ganz sicher.“ Sie möchte auf keinen Fall, dass jemand auf die Idee kommt, diese Hilfesuchenden zu verdächtigen.
So bleibt ihr nur der Appell an die Unbekannten, doch aufzuhören mit dem Abladen von Büchern vor und in der Bücherzelle. Und auch das Stehlen des Inventars zu unterlassen.
An die Polizei wolle sie sich vorerst nicht wenden, sagt Marianne Eckardt. Lieber sei ihr, wenn die Menschen von allein zur Einsicht kämen.