Rosenheim – Sie wollten „raus in die Welt“. Ein Leben führen jenseits alter Grenzen: Andreas Stuhr und seine Frau Stefanie sind aus dem Osten in den Westen gezogen. Und wieder zurück. Geblieben ist ein gesamtdeutsches Lebensgefühl. Sowie die Einsicht, dass es sich rund um Rosenheim gut Urlaub machen lässt. Der Alltag aber durchaus schwierig sein kann.
Andreas Stuhr und seine Frau Stefanie Oppermann-Stuhr sind jung und gut ausgebildet. Beide studieren Zahnmedizin, er in Berlin, sie in Leipzig. Beide wollen als Zahnärzte arbeiten. Andreas Stuhr hat als erster sein Examen in der Tasche und beschließt: Ich bewerbe mich bundesweit. Angebote für eine Assistenzstelle als Zahnarzt kommen unter anderem aus Frankfurt und Essen. Andreas Stuhr entscheidet sich für Rosenheim. Beginnt im Jahr 2008 als Assistenzarzt in einer Praxis. Ein halbes Jahr später folgt ihm seine Frau nach. Das Paar zieht nach Stephanskirchen. 2010 kommt Tochter Emma auf die Welt, drei Jahre später folgt Nele. Irgendwann während dieser Zeit reift bei den Stuhrs der Gedanke: Wir bleiben nicht hier. Wir gehen zurück.
Heute ist der gebürtige Neubrandenburger Andreas Stuhr 40 Jahre alt. Seine Frau Stefanie, die in Freiberg geboren wurde, ist fünf Jahre jünger. Gemeinsam mit Emma (9) und Nele (6) lebt das Paar in Kamenz, nahe Dresden. Sechs Jahre sind vergangen, seit dem Umzug in den Westen der Umzug in den Osten folgte. Wobei die Stuhrs die Kategorien „Ost“ und „West“ eigentlich nicht mehr denken möchten, Für ihre Töchter spiele das Thema Ost-West überhaupt keine Rolle. Emma und Nele freuten sich, wenn sie zu Besuch seien in ihrer Geburtsstadt Rosenheim. Geblieben sei den Mädchen vor allem „die Liebe zur Brezn“. Da lebten jetzt „zwei oberbayerische Mädchen in Kamenz“, sagt Stefanie Oppermann-Stuhr.
Sie und ihr Mann haben mittlerweile eine eigene Praxis eingerichtet. Derzeit baut das Paar ein Haus. „Wir sind angekommen“, sagt sie. Stephanskirchen und Rosenheim, das sind nun Orte, die die Familie in den Ferien besucht. Und denen sie noch immer sehr viel abgewinnen kann, vor allem wegen der schönen Landschaft.
Das Leben aber in Bayern war für die Familie trotz guter persönlicher Bedingungen nicht ganz so einfach. Der Gedanke, nicht bleiben zu wollen, sei das erste Mal in ihr gewachsen, als sie auf der Suche nach einem Krippenplatz für Emma gewesen sei, sagt Stefanie Oppermann-Stuhr. Für sie sei immer klar gewesen, dass sie zurück in den Beruf will, wenn Emma ein Jahr alt ist. Doch auf der Suche nach einem Kitaplatz habe sie schnell bemerkt: So einfach ist das nicht. Sie habe sich als „Rabenmutter“ gefühlt. Habe gespürt, dass man ihrem Wunsch nach schneller Rückkehr in den Job mit Skepsis, ja vielleicht sogar mit Ablehnung, begegnet sei. „Ich hatte das Gefühl, eine Frau gehört in Bayern hinter den Herd“, sagt sie. Eine Einstellung, die ihr fremd ist.
Dazu kam die große Entfernung zu den Großeltern und zu alten Freunden. Zwar hatte die Familie auch in der Region Kontakte geknüpft. Allerdings seien die tieferen Freundschaften eher zu Leuten entstanden, die auch vom Osten in den Westen umgezogen seien, sagt Stefanie Oppermann-Stuhr. Und stellt ausdrücklich fest: „Wir sind nicht im Zorn gegangen. Es hat einfach nicht mehr zu unserer Lebenssituation gepasst.“
Heute ist das Ehepaar froh über seine Erfahrungen. Spürt allerdings, dass ihnen die Menschen in Kamenz durchaus mit Vorurteilen begegnen. Die Stuhrs, das sind die, die in den Westen gegangen und zurückgekommen sind, weil es „drüben“ nicht geklappt hat. Eine Familie, auf die man neidisch sein kann ob des beruflichen Erfolges und der Möglichkeit, ein eigenes Haus im gehobenen Stil zu bauen. Eine Chance, die es in Bayern aus finanziellen Gründen nicht gegeben hätte.
Die Geschichte der Stuhrs ist eine gesamtdeutsche. Im Guten wie im Schlechten. Denn sie beweist: Auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer existiert ein „Drüben“, sind die Menschen geprägt vom Landstrich, in dem sie aufgewachsen sind, und von der Gesellschaft. Aber es gibt die Freiheit, sich für einen Lebens-Ort zu entscheiden. Für Familie Stuhr ist das Kamenz.