Rosenheim – „Verfolgt. Vertrieben. Interniert. Ermordet. Jüdische Opfer und Widerstand im Rosenheim der Nazizeit.“ So lautet die Überschrift für den Stadtrundgang zur Erinnerung an die Reichspogromnacht am 9. November 1938. Rund 150 Menschen erinnern sich 81 Jahre später an diesen Tag. Auch, um ein Zeichen zu setzen. Angelika Graf hat als Vorsitzende der Gruppe „Gesicht zeigen – Rosenheimer Bündnis gegen Rechts“ in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis „Christlicher Kirchen Rosenheim“, eingeladen. Mit dabei: Stadtführerin Maria Wolfarth.
Erste Spuren schon
in der Römerzeit
Die an Klezmer angelehnte Musik der „Neurosenheimer“ zieht während des Rundgangs immer wieder Neugierige an, die sich auch einen Teil der Erinnerungen an die Geschichte der Rosenheimer Juden anhören. Als besondere Orte sind der Brunnen am Ludwigsplatz ausgesucht, die Stadtpfarrkirche, der Nepomuk-Brunnen und die Heilig-Geist-Kirche. In den Häusern um die Brunnen lebten seit dem frühen Mittelalter bis zur Verfolgung, Vertreibung, Internierung, Ermordung durch die Nazis viele jüdische Familien.
In der Stadtpfarrkirche erinnert ein Fenster an die Opfer der Nationalsozialisten und eine Tafel an Elisabeth Block. Als zehnjähriges Mädchen hatte „Lisi“ Block 1933 angefangen, Tagebuch zu schreiben. Der letzte Eintrag datiert vom 8. März 1942. Das Kind wurde von den Nationalsozialisten ermordet.
Stille, Gebete, Musik, Lieder, wie das „Mia leb’m ewig“, prägen den Stadtrundgang. An den vier Stationen spannt Maria Wolfarth den Bogen vom jüdischen Leben in der Römerzeit bis zur Reichspogromnacht: Im Mittelalter beispielsweise war es Juden verboten, sich etwa als Schreiner oder Bäcker zu betätigen, weshalb sie auf den Handel ausweichen mussten. Schon damals gab es Pogrome, also gewaltsame Ausschreitungen. Allerdings seien sie eher lokal begrenzt und aus christlich-kirchlichem Fanatismus und nicht aus ethnischen Gründen heraus motiviert gewesen.
Nach dem Ersten Weltkrieg war die wirtschaftliche Lage desolat. Die Nationalsozialisten gaben Kommunisten und Juden die Schuld an der Misere. Nach der NSDAP-Ortsgruppe München wurde am 18. April 1920 die zweite deutsche Ortsgruppe der NSDAP in Rosenheim gegründet. Ein Jahr später sorgte die Sturmabteilung (SA), die paramilitärische Kampforganisation der Nazis, für immer ärgere Hetze. Der Magistrat der Stadt mahnte zwar zur Zurückhaltung, bezeichnete die Parolen aber als gerechtfertigt, weil sie gegen die „ausbeuterische Haltung der Juden“ gerichtet seien. Adolf Hitler habe zehnmal in Rosenheim und Schloßberg gehetzt, sagte Wolfarth. Ab 1923 zogen SA-Schlägertrupps durch die Stadt. Bekleidung kaufte man seit 1893 auch bei der Familie Obernbreit an der Gillitzerstraße. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brach die Rosenheimer SA in das Geschäft ein, zertrümmerte die Schaufenster, verwüstete das Geschäft vollständig. Die Nationalsozialisten ermordeten Rosalie Obernbreit und ihre Tochter im Jahr 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt. Wie den Obernbreits ging es auch den Familien Schönwald, die ein Geschäft im heutigen Bürgermeisterhaus führten, Fischer, Westheimer, die ein Geschäft am Ludwigsplatz hatten, und den anderen Menschen mit israelitischer Abstammung in Rosenheim. Wer nicht schon außer Landes war oder Glück hatte, musste sich auf den Tod vorbereiten.
Clara von Koskull, die an dem Spaziergang teilnahm, wünscht sich heute, „dass jeder seinen Teil tut und sich informiert“. Teilnehmer Michael Limmerer trägt eine der von Terry Swartzberg, dem Vorsitzenden der Initiative „Stolpersteine“ in München, verteilten Kippots, um ein Zeichen zu setzen: „Für mich ist es wichtig, sich immer wieder darüber Gedanken zu machen, was in Rosenheim passiert ist“, sagt er.
Mahnende Worte
zum Abschluss
Teilnehmerin Gertraud Theimer wohnte in der Nähe des Hauses, in dem Elisabeth Block in Niedernburg gelebt hatte, und erfuhr viel von den Nachbarn, welche die Familie Block noch kannten: „Ich freue mich, an so einem Tag wie heute in Rosenheim dabei zu sein“, sagte Gertraud Theimer beim Rundgang.
Stadtführerin Maria Wolfarth beendet in der Heilig-Geist-Kirche den Rundgang durch die Stadt mit der Frage: „Wogegen wird in Deutschland, einem der reichsten Länder der Erde, heute angeblich protestiert, indem man die „neue Rechte“ wählt?“wsp