Pflaster halten die Fresken zusammen

von Redaktion

Für zwei Millionen Euro: Die Heilig-Geist-Kirche muss dringend renoviert werden

Rosenheim – Die Malereien bröckeln, die Empore wackelt, die Sakristei verkommt zur Rumpelkammer und der Brandschutz passt auch nicht: Sie ist lang, die Mängelliste für die Heilig-Geist-Kirche in Rosenheim. Das Gotteshaus muss dringend generalsaniert werden. Die Voruntersuchungen dafür laufen. Von Februar an bleibt die Kirche ein Jahr geschlossen.

Pfarrer Andreas M. Zach gehört nicht zu den Zögerlichen. Er liebt kurze Wege, pragmatische Lösungen und packt gerne selbst mit an, wenn es etwas zu tun gibt, in einer der sieben Kirchen, die er in der Stadt verwaltet. Mit seiner Idee, den runtergewirtschafteten Holzschrank in der Sakristei der Heilig-Geist-Kirche mit den eigenen Händen schnell und effizient herauszureißen, hat er allerdings eine Flut an Ereignissen losgerissen, die jede Form einer schnellen, unbürokratischen Lösung dringend verbietet.

Alter Holzschrank, wertvolle Intarsien

Denn auch, wenn er gar nicht danach aussieht: Der alte Sakristei-Schrank hat durchaus einen Wert. Jedenfalls die filigranen Intarsien, die die Schubladen des hölzernen Ungetüms zieren. Sie stammen, so musste sich Pfarrer Zach von der Kunsthistorikerin Dr. Evelyn Frick belehren lassen, aus der frühen Barockzeit. Zudem ist der Schrank selbst in der Kunsttopografie der Erzdiözesen vertreten. Sowohl das Ordinariat wie auch das Landesamt für Denkmalpflege wären vermutlich nicht begeistert, würde Pfarrer Zach wirklich den Schrank zu Kleinholz zerlegen, mahnte Evelyn Frick. Eine Einschätzung, die sich bestätigte mit dem Besuch führender Vertreter der beiden Institutionen.

Errichtet als

Privatkapelle

Und weil die Sachverständigen schon einmal vor Ort waren, schauten sie sich gründlicher um in der Kirche, die Stockhammer-Eigentümer Hans Stier 1449 als Privatkapelle hatte errichten lassen. Ein Kleinod, das immerhin die beiden Stadtbrände in den Jahren 1469 und 1641 überstanden hat. Die Kirche gilt als ältestes Gemäuer der Stadt sowie als einzig erhaltener Raum der Gotik.

Was als Ergebnis nach dem Besuch der Experten geblieben ist, macht deutlich, dass das Herausreißen des alten Sakristei-Schrankes lediglich eine ganz oberflächliche Kosmetik gewesen wäre: Die Malereien auf der Empore und auf den Mauern siechen dahin. Das Bröckeln der Farben verhindern an einigen Stellen der Gemälde kleine Streifen von Heftpflaster, die dort vor 14 Jahren angebracht worden sind. Dank der weißen Plastik-Streifen ist unter anderem die „Taufe Jesu“ kaum noch zu erkennen.

Die Empore selbst entspricht nicht mehr den statischen Anforderungen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Kirchenraumes wird das große Luccabild, eine wertvolle gotische Malerei, von einer Baustellen-Leuchte angestrahlt. Das grelle und heiße Licht zerstört die zarten Farbauftragungen. Ein Verfall, der seit Jahren immer weiter fortschreitet. In der gesamten Kirche muss die Elektrik aus den 1960er-Jahren ausgetauscht werden. Auf dem Dach der Heilig-Geist-Kirche verfaulen die Pfetten.

In der Folge liegen Sparren des Dachstuhls zum großen Teil nicht mehr auf den Pfetten, sondern auf dem Mauerwerk auf, was zu Rissen im Mauerwerk geführt hat. Auf dem Gewölbe der Kirche haben die Fachleute fünf Tonnen Schutt gefunden. Vermutlich seit 80 Jahren liegt er dort, mittlerweile durchsetzt mit Taubenkot und den Kadavern toter Vögel.

Verseuchter
Bauschutt

Eine Mischung, verseucht mit Kadmium und Blei, deren Entsorgung mittlerweile Experten in Ganzkörperanzügen erledigt haben. Die Dacheindeckung selbst enthält Asbest. Der Turm der Heilig-Geist-Kirche lässt Statiker zittern.

Und der Brandschutz? Ist eigentlich gar nicht vorhanden. Denn zwischen der Kirche und dem Stockhammer-Gebäude fehlt eine Brandmauer. Dafür gibt es einen kräftigen Durchzug. Wenn also die Kirche Feuer fängt, brennt der Stockhammer gleich mit – und umgekehrt. Dass nebenzu auch das Mauerwerk innen und außen marode ist, spielt dann kaum noch eine Rolle.

Auf Spenden angewiesen

Eine Mängelliste, an deren Ende für Pfarrer Zach, nach eigener Aussage ein „schmerzhafter Weg“ beginnt. Denn bei Untersuchungs- und Baukosten von insgesamt zwei Millionen Euro, reicht der kurze Weg durch die Ämter nicht mehr. Die Abteilung „Bau und Kunst“ im Ordinariat will genau belegt wissen, welche Aufgaben der planende Architekt Sven Grossmann aus Rosenheim beauftragen wird.

Fest steht aber bereits: 1,7 Millionen Euro der Baukosten übernimmt das Ordinariat. Die übrigen 300000 Euro muss die Pfarrei in Eigenleistung erbringen. Pfarrer Andreas M. Zach hofft auf Spenden. Dass die Kirche einen Obolus Wert ist, steht für ihn ebenso außer Frage wie für die Kunsthistorikerin Dr. Evelyn Frick. Es geht um „ein Stück Stadtgeschichte. Da kann man das alte Rosenheim erleben“, sind sie sich einig.

Die Bauarbeiten sollen bis November 2020 abgeschlossen sein. Dann wird auch die Münchner Architektin Sabine Straub die neue liturgische Ausstattung und die künstlerische Gestaltung der Kirche erledigt haben. Im Advent kommenden Jahres, so hofft Pfarrer Zach, wird die Heilig-Geist-Kirche dann in neuem Glanz erstrahlen. Dem alten Sakristei-Schrank und des Pfarrers Ungestüm sei Dank.

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